SIX greift Standard & Poor’s an

Die Börsenbetreiberin startet ein eigenes Angebot zur Bewertung von Schuldtiteln, das auf künstlicher Intelligenz basiert. Damit will die SIX auch den Anleihenmarkt in der Schweiz beleben.

Die SIX legt sich damit mit den Platzhirschen der Branche wie Standard & Poor’s oder Moody’s an. Foto: Keystone

Die SIX legt sich damit mit den Platzhirschen der Branche wie Standard & Poor’s oder Moody’s an. Foto: Keystone

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Eins muss man den Machern lassen: Sie haben Ambitionen. «Umgestaltung der Rating-Landschaft» lautet der Titel einer Broschüre, in der die Börsenbetreiberin SIX ihr neuestes Angebot vorstellt. Sie startet eine eigene Ratingagentur, SIX Rating.

Die SIX legt sich damit mit den Platzhirschen der Branche wie Standard & Poor’s oder Moody’s an. Die US-Riesen sind zentrale Spieler im Finanzmarkt, denndie Ratingagenturen bewerten Schuldtitel und Schuldner danach, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass ein Gläubiger sein Geld wieder sieht und den versprochenen Zins bekommt. Grossinvestoren wie Versicherungen dürfen keine Anleihen kaufen, ohne dass mindestens eine der grossen Adressen das Wertpapier bewertet hat.

Schlüsselrolle bei Krise

Die Ratingfirmen sind im Zuge der Finanzkrise stark in die Kritik geraten. Denn sie lassen sich von den Unternehmen bezahlen, die sie bewerten. Ferner berieten Ratingagenturen vor Ausbruch der Krise Banken dabei, mit Hypotheken besicherte Wertpapiere so zu bauen, dass sie möglichst hohe Ratings bekamen. Das sollte Investoren ködern. Als der US-Immobilienmarkt dann kollabierte, warfen Anleger die Papiere aus dem Depot. Eine Expertenkommission des US-Kongresses wies daher den Ratingagenturen eine «Schlüsselrolle» für die globale Finanzkrise zu.

Ihre Dominanz hat das nicht beendet. Laut der europäischen Wertpapieraufsicht Esma liegt der Anteil der Top-drei-Agenturen in Europa bei über 90 Prozent. Doch Maneesh Wadhwa, Chef von SIX Rating sagt: «Wenn wir SIX Rating richtig aufziehen, besteht die Möglichkeit, dass wir die Ratinglandschaft nachhaltig beeinflussen können.»

Diesen Anspruch leitet die SIX daraus ab, dass sie ihre Ratings anders als die Konkurrenz produziert. Bei den etabliertenAnbietern analysieren Finanz­experten die Bilanzen und interviewen Analysten das Topmanagement, um sich ein Bild von den Zukunftsaussichten zu machen. Beide Elemente fliessen dann in die Note zur Schuldnerqualität ein.

«Wir wollen erstmals beide Aspekte mit einer automatisierten Lösung abdecken», erklärt Wadhwa. Sprich: Die Systeme der SIX analysieren automatisiert Geschäftsberichte und das verfügbare Zahlenmaterial. «Und für die qualitativen Einschätzungen analysiert das System alleöffentlichen Äusserungen von Unternehmensleitern nach Aussagen, die für die Kreditwürdigkeit von Relevanz sind.»

Günstiger und schneller

Das automatisierte Rating hat die SIX gemeinsam mit dem Start-up Value 3 entwickelt, an dem der Börsenbetreiber auch beteiligt ist. Das neue System soll zwei Vorteile bieten: Die Ratings sollen deutlich günstiger als jene der Konkurrenz sein. Und schneller. «Eine klassische Ratingagentur braucht rund vier Wochenfür ein neues Rating», sagt der Chef von SIX Rating, «Wir können es in weniger als einer Woche schaffen.»

Auch bei der Bezahlung geht SIX Rating andere Wege – denn die Nutzer, also Investoren und Banken, sollen für den Dienst zahlen, nicht die Emittenten, wie das bei den grossen US-Playern der Fall ist.

Das Angebot der SIX zielt weniger auf Grosskonzerne wie Roche oder Swiss Re. Diese werden weiterhin nicht umhinkönnen, ihre Ratings bei den grossen Adressen zu bestellen, damit internationale Grossinvestoren die Papiere kaufen dürfen.

SIX Rating strebt nach eigenen Aussagen «mittelfristig» eine Finma-Anerkennung an.

Eine Marktlücke gibt es aber bei mittelständischen Emittenten in der Schweiz. «Gerade für Schweizer Anleihen gibt es bisher nur wenige Adressen, die Titel benoten, es sind die Fedafin, Bankanalysten und wir», sagt René Hermann, Partner der Schweizer Ratingagentur Independent Credit View. Der Auftritt der SIX würde den Markt beleben, «das begrüssen wir».

Doch es steckt mehr hinter dem neuen Ratingangebot: Letztlich geht es darum, den gesamten Anleihenhandel in der Schweiz zu beleben. «Gibt es mehr gelistete Anleihen, floriert das Geschäft der SIX sowie der Handel bei den Banken», erklärt Hermann. Und die Banken sind Eigentümer der SIX.

Gerade bei kleineren Unternehmen erstellen derzeit vor allem Banken die Anleihenratings. Doch das sehen Regulierer zunehmend kritisch. So hat die EU-Börsenaufsicht in diesem Jahr vier skandinavische Banken gerügt, weil sie ohne Zulassung Ratings für Kunden erstellt hatten. In der Schweiz sind die Regeln noch lockerer, Anbieter können sich von der Finma anerkennen lassen, es besteht dazu aber kein Zwang.

SIX Rating strebt nach eigenen Aussagen «mittelfristig» eine Finma-Anerkennung an. Doch zunächst einmal muss sie zahlende Kunden für den neuen Service finden.

Ein Selbstläufer wird das aber nicht. So ergibt eine Stichprobe bei Bankhäusern ein gemischtes Bild. Eine bekannte Zürcher Bank sagt, dass sie keinen Bedarf für einen neuen Anbieter sehe. Und die Berner Valiant erklärte: «Der neue Anbieter muss sich erstmal etablieren.» Die angestrebte «Umgestaltung» der Ratinglandschaft, sie scheint also noch in weiter Ferne zu liegen.

Erstellt: 08.11.2019, 22:36 Uhr

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