So punkten Sie mit Ihren Hobbys

Freizeitaktivitäten im Lebenslauf können Sie von der Konkurrenz abheben – oder zum Bewerbungskiller werden.

Soll ich meine Leidenschaft fürs Stricken erwähnen oder besser nicht? Hobbys können einen Lebenslauf entscheidend aufpeppen. Foto: Getty Images

Soll ich meine Leidenschaft fürs Stricken erwähnen oder besser nicht? Hobbys können einen Lebenslauf entscheidend aufpeppen. Foto: Getty Images

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Wer in seiner Freizeit mit dem Fallschirm aus Flugzeugen springt, gilt für manche Personaler auch im Job als Draufgänger. Wer regelmässig Fussball spielt, kann womöglich besser mit Niederlagen umgehen – selbst im Büro. Wer Marathon läuft, ist hartnäckig und ausdauernd.

Küchenpsychologisch gibt es für jedes Hobby eine Deutung, die sich auf den Arbeitsplatz übertragen lässt. Das stellt Jobsuchende vor ein kleines Dilemma: Gehören Freizeitaktivitäten in den Lebenslauf oder sollte man den Platz doch besser anders füllen?

«Ich bin ein grosser Fan von Hobbys im Lebenslauf», sagt Jessica Wahl. Sie arbeitet als Bewerbungs- und Karrierecoach. «Wenn sich zwei Lebensläufe sehr ähneln, kann das den Unterschied machen.» Wichtig sei aber, dass man nicht mehr als drei bis maximal vier Hobbys nennt. Schliesslich komme es immer noch vor allem auf die berufliche Eignung an. Trotzdem rät Wahl ihren Kunden, das Feld mit den Freizeitaktivitäten mit Leben zu füllen. «Wenn dort nichts steht, ist das eine verpasste Chance, sich von anderen Bewerbern abzuheben.»

Sich auf Rückfragen einstellen

Problematisch wird es, wenn Hobbys eigens für den Lebenslauf erfunden werden. «Wenn der Personaler selbst Golf spielt und merkt, dass der Bewerber sich nicht auskennt, dann ist das definitiv ein Minuspunkt.» Wichtig sei vor allem, sich immer auf mögliche Rückfragen einzustellen. Jessica Wahl hatte schon einmal den Lebenslauf einer Frau vor sich, die gern strickt. «Das hat bei mir jetzt nicht gerade Begeisterungsstürme ausgelöst.» Wenn das für die Bewerberin aber der perfekte Ausgleich sei, spreche nichts dagegen, es auch zu erwähnen.

Besonders gut komme es bei Personalern an, wenn Menschen in der Bewerbung auf bereits erreichte Ziele Bezug nehmen, sagt die Beraterin. «Das kann der erste Marathon sein, oder die Besteigung des Mount Everest.» Beeindruckt hat Jessica Wahl auch mal ein Manager, der jeden Tag 50 Kilometer mit dem Rad zur Arbeit gefahren ist, um für einen Triathlon zu trainieren. «Das hat mir imponiert», sagt sie.

Ein Ehrenamt im Lebenslauf erhöht die Wahrscheinlichkeit, zum Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden.

Aber zahlt es sich überhaupt aus, bei der Bewerbung so viel Mühe in die Hobbyspalte zu investieren? Für eine repräsentative Studie aus dem Jahr 2018 legte das Ifo-Institut Leibniz mehr als 500 Personalchefs fiktive Lebensläufe vor. Das Ergebnis: Immerhin 47 Prozent der Befragten gaben an, dass sie Freizeitaktivitäten bei der Auswahl für wichtig halten.

Wenig überraschend ist aber auch die Tatsache, dass Praktika, Noten und Computerkenntnisse eine grössere Rolle spielen. Und soziales Engagement? Nach der Studie erhöht ein Ehrenamt im Lebenslauf bei Lehrstellenbewerbern die Wahrscheinlichkeit, zum Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden – um so viel wie eine um zwei Noten bessere Abschlussnote.

Viola Hoffmann-Scheurer kennt beide Seiten. Sie hat mehrere Jahre in der Personalabteilung eines französischen Autokonzerns gearbeitet. Heute berät sie Bewerber, aber auch Unternehmen. «Ich habe das Gefühl, dass viele ihre Hobbys nicht angeben, weil sie Angst vor kritischen Nachfragen haben.» Das sei schade, sagt sie. «Im besten Fall erhöhen Hobbys die Chancen, einen Arbeitgeber zu finden, der einen als Mensch einstellt und nicht nur als Arbeitskraft.» Und davon profitiere am Ende nicht nur der Bewerber. Wenn mehr über den Menschen gesprochen werde, sei das für beide Seiten ein Gewinn. «Ein Unternehmen ist die Ansammlung von Menschen, die dort arbeiten.»

«Ich habe schon erlebt, dass im Bewerbungsgespräch zehn Minuten nur über Golf gesprochen wurde.»Viola Hoffmann-Scheurer, Beraterin

Vor einer Sache warnt die Personalberaterin aber explizit: Parteien im Lebenslauf. Mit politischen Meinungen um sich zu werfen, könne ungünstig enden. Schliesslich weiss man nie, wie das Gegenüber eingestellt ist. Die meisten anderen Hobbys seien dagegen unverfänglich, sagt Hoffmann-Scheurer – wenn man bei der Wahrheit bleibe. «Hobbys können gute Anknüpfungspunkte im Personalgespräch sein. Ich habe schon erlebt, dass zehn Minuten nur über Golf gesprochen wurde.» Die Personalberaterin hat auch mal von einer Bewerberin gehört, die Schokolade im Lebenslauf als Hobby nannte. «Das war die Eintrittskarte für ein gutes Gespräch.»

40 Sekunden für die Einschätzung

Wer online nach Tipps für die Hobbyspalte sucht, findet Widersprüchliches. Ganze Internetforen beschäftigen sich mit der Frage, ob und wie Freizeitaktivitäten den Erfolg einer Bewerbung beeinflussen können. Ein User schreibt: «Lesen (Zeitgeschichte, Politik, Wirtschaft), Radfernreisen, Musizieren (Westerngitarre) ... leider kann ich nichts Spannendes vorweisen wie Wingsuit und auch nichts Teamplayer-Relevantes wie Fussball.»

Zur Erklärung: Beim Wingsuit stürzt man sich in einem speziellen Flügelanzug in die Tiefe. An anderer Stelle wird über vermeintlich «langweilige» Hobbys diskutiert. Vielleicht sei die damit verbundene Bodenständigkeit des Bewerbers gar nicht so verkehrt, heisst es. Jedenfalls hält sich beim Lesen die Verletzungsgefahr in Grenzen.

«Routinierte Personaler brauchen beim Blick auf den Lebenslauf höchstens 40 Sekunden, um grob einzuschätzen, ob es passt oder nicht», sagt Viola Hoffmann-Scheurer. Nicht viel Zeit für einen ersten Eindruck, der in Erinnerung bleiben soll. Aber zum Glück gibt es noch etwas wichtigere Kriterien als ausgefallene Hobbys und Interessen. «Nur weil jemand gern Golf spielt, wird er nirgends eingestellt», sagt Hoffmann-Scheurer.

Erstellt: 05.11.2019, 19:53 Uhr

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