So strikt sind die Tech-Gurus mit ihren Kindern

Die Konzernchefs von Facebook und Co. sind im Tagesgeschäft knallhart. Geht es um ihre eigenen Kinder, wenden sie andere Massstäbe an.

Fürsorglich im Umgang mit Kindern: Topmanagerin Sheryl Sandberg im Facebook-Lernzentrum in Berlin. Foto: picture alliance/Kay Nietfeld/dpa

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Bill Gates war 2007 der erste Technologieunternehmer, der vor dem Massenkonsum des Internet warnte und strikte Regeln für seine Kinder aufstellte: Kein Smartphone vor dem 14. Altersjahr und eine stark limitierte Zeit für Videospiele. Heute erhalten Kinder in den USA ihre ersten Smartphones mit zehn Jahren – und die warnenden Stimmen mehren sich. Die guten Ratschläge kollidieren allerdings mit der harten Realität im Silicon Valley. Hier schrecken einige Chefs der Tech-Industrie nicht vor Geschäftspraktiken zurück, die den Warnungen vor den sozialen und politischen Gefahren der sozialen Medien direkt widersprechen.

Sheryl Sandberg bekommt mehr als andere Topmanager im Silicon Valley die Divergenz zwischen persönlicher Ethik und Geschäftsmoral zu spüren. Die Autorin von «Lean In», einem Buch, das sie zum Muster einer verantwortungsbewussten Geschäftsfrau und fürsorglichen Mutter machte, sieht ihr Image mit jedem Tag etwas stärker angekratzt. Den letzten, grössten Rückschlag hat die Facebook-Geschäftsführerin selber zu verantworten. Nachdem die «New York Times» einen kritischen Bericht zu den Verschleierungs- und Verleumdungstaktiken im Nachgang zu den russischen Wahlattacken 2016 publiziert hatte, versuchte die Facebook-Spitze den Bericht als fehlergespicktes Machwerk zu diskreditieren. Sandberg behauptete gar, nichts von der Schmutzkampagne der Lobbyfirma Defenders Public Affairs gegen den demokratischen Geldgeber George Soros gewusst zu haben.

Facebook mit Trump-Taktik

Ausgerechnet an Thanksgiving, dem traditionellen Erntedankfest, tischte Sandberg den Amerikanern die Wahrheit auf und gestand, von der Diffamierung von Facebook-kritischen Stimmen gewusst zu haben. Ihre Kehrtwende war aufschlussreich. Facebook publizierte das Geständnis an einem Feiertag, an dem die Medienbeachtung traditionell eher gering ist. Die peinliche Nachricht sollte also möglichst rasch untergehen.

Nur einen Tag später tat die Regierung Trump das Gleiche, und das nicht zum ersten Mal. Sie zog die Publikation eines verheerenden Klimaberichts, der von einer Regierungsbehörde erstellt wurde, vor, um die Phase des geringen Medienkonsums nach Thanksgiving zu nutzen. Und erzielte damit weitgehend, was sie sich erhoffte: Der Bericht war zu Wochenbeginn bereits vergessen.

Schrauben statt swipen: Die bei den Tech-Chefs beliebte Brightworks-Schule setzt auf handwerkliche Fähigkeiten. Video: Youtube/TheDadLab

Sandberg offenbarte aber eine weitere Schwäche, an der auch der US-Präsident leidet: Sie ist umgeben von einem engen Kreis von Vertrauten, die sich hüten, sie mit unangenehmen Nachrichten zu konfrontieren. Ihr Konferenzraum bei Facebook ist als «Only Good News» bekannt. Zur Gruppe der «Freunde von Sheryl» gehört Kommunikationschef Elliot Schrage, und er war es auch, der letzte Woche die Hauptschuld für das Debakel mit der PR-Firma übernahm. Das war so etwas wie sein letzter Treuebeweis für Sandberg, Schrage verlässt Facebook.

Sandberg ersetzte ihn mit dem früheren britischen Vizepremier Nick Clegg. Die Wahl eines politischen Kopfes deutet nach Ansicht von Insidern darauf hin, dass sich Facebook nicht mehr entschuldigen, sondern die politischen Muskeln spielen lassen will. Darauf deutet auch, dass Konzernchef Mark Zuckerberg nichts von seiner absoluten Matchfülle abgeben will. Denn schuld an der Misere sei ohnehin der von den Medien publizierte «Bullshit», wie er gemäss dem «Wall Street Journal» sagte.

Doch wenn es ums Private geht, ist es mit der Selbstherrlichkeit vorbei. Dann überwiegt die Sensibilität. Die Tech-Pioniere sind hoch besorgt über die schädlichen Nebenwirkungen ihres Geschäftes. So zeigen neue Studien, dass sich die Depressions- und Suizidrate bei Kindern mit steigendem Konsum der Social-Media-Angebote erhöht. Viele der Tech-Gurus schicken ihre Kinder in Waldorfschulen, wo iPads und Smartphones nicht erwünscht sind und noch die gute alte Wandtafel zum Einsatz kommt.

Auch in den progressiven Brightworks-Schulen im Silicon Valley lernen die Kinder nicht mit dem iPad. Es wird gebastelt und zur Abwechslung in Baumhütten unterrichtet. Das passt zu Zuckerbergs Ansichten. «Die Welt kann bedrückend sein», schrieb er an seine neu geborene Tochter, «mach dir nicht zu viele Sorgen über die Zukunft. Nimm dir Zeit und geh nach draussen spielen.» Weit kritischer ist Athena Chavarria, ehemalige Beraterin von Zuckerberg und nun für die Stiftung des Ehepaars Zuckerberg tätig: «Ich bin überzeugt, dass unsere Smartphones des Teufels sind und immensen Schaden an unseren Kindern anrichten.» Sie will ihren Kindern erst dann ein Smartphone geben, wenn sie die letzten in der Klasse sind, die noch keins haben.

«Der Markt hat versagt»

Chris Anderson, Ex-Herausgeber des Magazins «Wired» und nun Chef einer Roboter- und Drohnenfirma, vergleicht den Social-Media-Konsum der Kinder mit der Kokainabhängigkeit. «Meine Kinder werfen mir faschistisches Gehabe vor, weil ihre Freunde nicht gleich strikte Regeln befolgen müssen. Aber ich habe die Gefahren der Technologie selber erfahren und will nicht, dass meine Kinder das Gleiche erleben.» Auch das Ehepaar Bezos ist stolz darauf, dass der 14-jährige Sohn der Letzte in seiner Klasse war, der ein Smartphone bekommen hat. Amazon-Gründer Jeff Bezos, Bill Gates und Apple-Chef Tim Cook haben den digitalen Medienkonsum ihres Nachwuchses durchwegs stark limitiert, so wie schon Apple-Gründer Steve Jobs seinen Kindern verboten hatte, den iPod zu benutzen. Das Internet sei hilfreich, aber ebenso gefährlich, sagt Tim Cook. «Eigentlich glaube ich an den freien Markt. Aber hier hat er versagt. Es ist unausweichlich, dass Schranken gesetzt werden.»

Erstellt: 29.11.2018, 08:55 Uhr

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