Soll ich diese Anfrage annehmen oder löschen?

Millionen nutzen Netzwerke wie Linkedin oder Xing, um in der Berufswelt Kontakte zu knüpfen. So profitiert man wirklich davon.

Fast jeder ist latent auf Jobsuche: Soziale Netzwerke gelten dabei als Wundermittel. Foto: Getty

Fast jeder ist latent auf Jobsuche: Soziale Netzwerke gelten dabei als Wundermittel. Foto: Getty

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«Bitte fügen Sie mich zu Ihrem beruflichen Netzwerk hinzu.» Viele Berufstätige bekommen solche Anfragen täglich – vor allem dann, wenn sie in einem Karrierenetzwerk registriert sind. Einige der Absender kennen sie, bei anderen lässt sich nachvollziehen, warum sie sich melden. Bei den meisten Kontaktsuchenden aber ist es ein Rätsel, warum sie an einer Vernetzung interessiert sind. Und dann stellt sich die Frage: annehmen oder löschen? Während Nutzer des privaten Netzwerks Facebook nur Kontaktanfragen von Freunden und Bekannten akzeptieren, sind die Nutzer beruflicher Netzwerke oft unsicher, welche die richtige Strategie ist.

Sich in einem Online-Karrierenetzwerk anzumelden, ist in den vergangenen zehn Jahren mehr und mehr Teil der Arbeitskultur geworden. Auf den Plattformen können Mitglieder ihre Lebensläufe präsentieren, Personaler Kandidaten suchen, Unternehmen Stellen inserieren, Interessengruppen über Entwicklungen informieren und Kollegen, Berufsgruppen und Geschäftspartner sich vernetzen und privat, in Gruppen oder öffentlich kommunizieren.

Im deutschsprachigen Raum sind 15 Millionen Nutzer auf Xing registriert und mehr als 13 Millionen bei der global ausgerichteten Plattform Linkedin. Das hat viel damit zu tun, dass Jobwechsel selbstverständlicher werden. Berufsbilder sterben aus und entstehen neu; ganze Branchen verändern sich rasant; Start-ups scheitern oder wachsen schnell zu Weltkonzernen heran. Mitarbeiter wollen oder können sich deshalb nicht mehr ein Berufsleben lang an ein Unternehmen binden. Während die einen verunsichert sind, werden andere risikolustig. Fast jeder ist latent auf Jobsuche. Soziale Netzwerke gelten dabei als Wundermittel.

Freunde können nach einem Jobverlust trösten, aber sie können selten mit einem Job helfen.

Schon vor dem ersten Vorstellungsgespräch stellen viele Hochschulabsolventen einen Lebenslauf bei einem oder mehreren Karrierenetzwerken ein, wie um den Schritt auf den Arbeitsmarkt auch digital zu vollziehen. Hallo Arbeitswelt, hier bin ich: ausgebildet, arbeitswillig und jederzeit erreichbar. Zum Erfolg – beziehungsweise zum neuen Job – führt das in der Regel aber nicht. Ein Onlineprofil allein ist heute kaum mehr wert als der Eintrag im Telefonbuch vor ein paar Jahren, allerdings mit dem Vorteil, dass Bekannte dort auch nach einem Umzug weiter zu finden sind. Wer darüber hinaus von einem Karrierenetzwerk profitieren will, muss sich überlegen, welche Chancen es ihm bietet und mit welcher Strategie er oder sie dort aktiv ist. Denn sonst fressen diese Netzwerke vor allem Zeit und Energie.

Im Wesentlichen gibt es drei Motive, Teil eines beruflichen Netzwerkes zu werden, die mit steigendem Aufwand verbunden sind: Der Nutzer möchte gefunden werden, sein analoges Netzwerk pflegen und auf dem Laufenden bleiben oder sein Netzwerk aktiv erweitern, um Kunden, Kooperationspartner oder eine neue Stelle aufzutun. Selbstverständlich können die Motive auch in Kombination auftreten und mit dem Wunsch einhergehen, das eigene soziale Prestige aufzubessern, die Reputation zu vergrössern und von möglichst vielen Menschen gesehen, gelesen und geteilt zu werden. Je nachdem, welches Motiv vorherrscht, empfiehlt sich ein anderer Umgang mit dem sozialen Netzwerk.

Nur ein Bruchteil der Jobs wird ausgeschrieben

Um die eigene Netzwerkstrategie zu entwickeln, hilft es auch, sich der Funktion und Bedeutung von Netzwerken auf dem Arbeitsmarkt allgemein und für die eigene Berufsgruppe im Speziellen bewusst zu werden. Wie wichtig soziale Kontakte auf dem Arbeitsmarkt sind, hat der Soziologe Mark Granovetter schon in den 70er-Jahren analysiert – vom engen Freund bis zum entfernt Bekannten.

Verwandte und Freunde können nach einem Jobverlust trösten, aufbauen oder Geld leihen. Aber sie können selten mit einem Job helfen, hat Granovetter beobachtet. Sie haben oft die gleichen Bekannten und Arbeitgeber und deshalb auch nichts anderes von frei werdenden Stellen und bevorstehenden Projekten gehört als der Betroffene selbst. Das aber sind wertvolle Informationen für alle, die einen neuen Job brauchen oder an Aufstiegs- und Veränderungsmöglichkeiten interessiert sind. Denn nur ein Bruchteil aller Stellen und Führungspositionen wird von den Unternehmen ausgeschrieben. Es sind die losen Kontakte, die jemanden kennen, der einen kennt, der gerade einen neuen Mitarbeiter oder Projektleiter sucht. Granovetter nannte das «die Stärke schwacher Kontakte». Vereinfacht lässt sich sagen: Je enger und kleiner das Netzwerk, desto mehr Hilfe und Unterstützung bieten (und erwarten) die Mitglieder. Je weiter und grösser das Netzwerk, desto mehr Informationen können die Mitglieder empfangen und weitergeben.

Ein grosses Netzwerk mit hochrangigen Personen signalisiert, dass ein Mitglied gefragt ist: Linkedin-App auf einem Smartphone. Foto: Keystone

Das Internet wurde damals erst noch erfunden. Trotzdem lassen sich die Beobachtungen von Granovetter weitgehend auf soziale Netzwerke übertragen – mit einer Einschränkung: Während der Mensch im realen Leben nur eine begrenzte Anzahl an Kontakten knüpfen und vor allem pflegen kann, sind diese Möglichkeiten im Netz technisch entgrenzt. Trotzdem lässt sich der Nutzen eines grossen Netzwerks nicht unendlich steigern, im Gegenteil: Irgendwann werden die Informationen im Netzwerk beliebig. So bekommen Mitglieder mit vielen Kontakten zwar häufig ein Stellenangebot in den Newsfeed gespielt, weil irgendwer aus ihrem Netzwerk das Gesuch geteilt hat.

Insiderwissen und Gerüchte teilen die meisten Nutzer aber doch nur mit Mitgliedern, die sie gut kennen, von denen sie wissen, dass sie aktuell daran interessiert sind, und von denen sie glauben, dass sie ihnen auch helfen würden. Der Nutzen zusätzlicher Kontakte nimmt also irgendwann ab – das sagen sogar die Anbieter selbst: «Wir sagen ‹weniger ist mehr› und empfehlen, nur Kontaktanfragen von Bekannten anzunehmen oder wenn das Anliegen explizit genannt wird», sagt Barbara Wittmann, Geschäftsführerin bei Linkedin. Bei manchen Nutzern, die sich ein themenfokussiertes Netzwerk aufbauen und erhalten wollten, habe sie schon die Notiz im Profil gelesen: «Wenn Sie mit mir in Kontakt treten wollen, teilen Sie mir bitte mit, warum Sie sich vernetzen wollen und weshalb ich Ihre Anfrage annehmen sollte.»

Dabei ist das Netzwerkverhalten der Nutzer immer auch eine Abwägung zwischen sehen und gesehen werden. Ein grosses Netzwerk mit hochrangigen Personen signalisiert, dass ein Mitglied informiert, gefragt und einflussreich ist. Dass dieser Aspekt nicht zu unterschätzen ist, zeigen Innovationen im Recruiting. Unternehmen arbeiten bereits daran, mithilfe von Technologie und künstlicher Intelligenz auf Grundlage solcher Kontaktdaten vermeintlich interessante Kandidaten zu suchen. Wie einfach diese Computersysteme getäuscht beziehungsweise überlistet werden können, wird sich noch zeigen.

Das Potenzial der Kontakte nicht unterschätzen

Damit Mitglieder gar nicht erst auf die Idee kommen, sich in der Netzwerkgrösse überbieten zu wollen, zeigt Linkedin nur bei Mitgliedern mit bis zu 500 Kontakten die exakte Grösse ihres Netzwerkes an. Das kann auch als Hilfestellung beim Einschätzen von Kontaktanfragen verstanden werden: Hat der Anfragende ein so grosses Netzwerk mit mehr als 500 Personen, wird er eher an vielen Kontakten statt an persönlichem Austausch interessiert sein. Das kann zum Beispiel für Vertriebler, Blogger und andere Kommunikationsexperten zutreffen. Laut Cord Grünewald, der bei Xing unter anderem für die Entwicklung von Profil-, Kontakt- und Nachrichtenfunktion verantwortlich ist, gehören diese neben Selbständigen und Projektarbeitern zu den aktivsten Mitgliedern des Netzwerks.

Wen aber sollten Mitglieder aktiv suchen und in ihr Netzwerk aufnehmen? Unabhängig von Beruf, Branche und Berufserfahrung lässt sich sagen: vor allem Kollegen, Geschäftspartner und Kunden, zu denen sie aus persönlichem oder beruflichem Interesse Kontakt halten wollen – sei es, um erneut zusammenzuarbeiten, ihren weiteren Berufsweg zu verfolgen oder einander mit Rat oder Empfehlungen an Klienten, Arbeitgeber und Auftraggeber weiterzuhelfen. Dabei gilt, dass man das Potenzial seiner Kontakte nicht unterschätzen sollte. Ein Praktikant etwa kann schon bald bei einer Firma arbeiten, mit der die ehemalige Vorgesetzte kooperieren will.

«Wir sehen weiter eine sehr klare Trennung von beruflichen und privaten Kontakten.»Cord Grünewald, Xing

Bei Freunden und Verwandten hingegen beobachtet Grünewald Zurückhaltung: «Wir sehen im deutschsprachigen Raum weiter eine sehr klare Trennung von beruflichen und privaten Kontakten und dass viele Mitglieder diese Trennung mögen und beibehalten», sagt er. Karriereberater ermuntern dazu, auch völlig unbekannte Netzwerkmitglieder anzuschreiben, wenn es dazu einen konkreten Anlass gibt – zum Beispiel wenn man sich über ein Unternehmen informieren möchte, weil man über eine Bewerbung nachdenkt. Die Wahrscheinlichkeit, Auskunft zu bekommen, sei hoch, berichtet Grünewald aus Interviews mit Mitgliedern: «Nutzer zweifeln oft daran, ob sie einen entfernten Bekannten um Hilfe bitten können, aber wenn jemand an sie eine persönliche Frage richtet, sind sie in der Regel bereit zu helfen.»

Netzwerken heisst Geben und Nehmen, das muss jedem klar sein, der davon profitieren will. Für Karrierenetzwerke im Internet heisst das: Expertise teilen, Hilfe anbieten, Mitglieder des eigenen Netzwerkes untereinander bekannt machen – und sich mit neuen Kontakten bei Gelegenheit zu einem Kaffee verabreden. Virtuelle Netzwerke sind vor allem dort wirksam, wo sie an die Realität anknüpfen.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 17.04.2019, 16:41 Uhr

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