Ausland-Käufe per App verzollen – der Test

Mit Quickzoll geht am Grenzübergang alles viel schneller? Tagesanzeiger.ch/Newsnet macht die Probe aufs Exempel.

Illustration: Felix Schaad

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Keine lästige Warteschlange mehr im Zollhäuschen. Das wünscht sich, wer von der Shoppingtour oder vom Gelegenheitskauf im Ausland etwas mitbringt. Nicht zuletzt, um das eigene Personal zu entlasten, macht nun die Eidgenössische Zollverwaltung einen Schritt in diese Richtung.

Ende März hat sie die App Quickzoll für Android und Apple iOS aufgeschaltet. Damit soll möglich werden, dass Konsumenten ihre Waren per Smartphone deklarieren und danach ohne Zwischenstopp und Zeit­verzögerung am Schalter entspannt über die Grenze rollen. Wer im Zug unterwegs ist, soll nicht extra einen ­Zollbeamten aufsuchen müssen, und Flugreisende können den schnelleren Ausgang nehmen, bei dem es nichts zu verzollen gibt.

Wie bewährt sich die App in der Praxis? Wir haben sie mit einem Einkauf im deutschen Weil am Rhein getestet. Nach dem Einkauf enthält der Warenkorb knapp 2 Kilogramm Rindfleisch, Teigwaren, 20 Kilogramm Waldhonig, Küchenutensilien, Zubehör für den Rasierapparat, «Jim Knopf rettet den Gugelhopf» sowie weitere Kinderbücher, ein Magazin und einigen Kleinkram. Alles zusammen hat 353.80 Euro gekostet. Das liegt über der Freigrenze von 300 Schweizer Franken und ist deshalb bei der Einfuhr in die Schweiz sowohl zoll- wie auch mehrwertsteuerpflichtig.

Trödeln kann teuer werden

Da Weil am Rhein direkt an der Schweizer Grenze liegt, können die Waren schon vor Beginn der Rückfahrt erfasst werden. Die Zoll-App sieht für das Überqueren der Grenze ein Zeitfenster von zwei Stunden vor. Der Nutzer definiert Start und Ende des Zeitfensters selber. Wer zu spät kommt, den bestraft der Zoll: Trödler müssen bei der Rückkehr für ihre Einkäufe ein zweites Mal Zoll und Mehrwertsteuer bezahlen. Davon verschont wird nur, wer für die Verspätung sehr überzeugende Argumente hat, wie zum Beispiel eine Autopanne, und die Quittung eines Abschleppdienstes vorlegen kann.

Der Grund für die scharfe Vorgabe: Ohne Zeitfenster könnte jemand mehrmals dasselbe einkaufen und müsste es nur einmal verzollen. Denn bei einer allfälligen Grenzkontrolle könnte der Käufer immer wieder den gleichen Beleg aus der App vorlegen.

Das Zollprozedere erfolgt mit dem Smartphone in folgenden vier Schritten:

1. Wie viele Personen? Die Quickzoll-App ist bedienerfreundlich. Sie bietet nützliche Hintergrundinformationen zu Auslandeinkäufen. Und über «Waren ­anmelden» im Hauptmenü gelangt man rasch zum Verzollen. Dort muss zuerst die Anzahl Erwachsene und Kinder ­deklariert werden. Die erwähnte Freigrenze von 300 Franken gilt je Person — eine vierköpfige Familie könnte also Waren im Wert von 1200 Franken zoll- und mehrwertsteuerfrei einführen.

2. «Sensible Waren»: Das sind Produkte, die aus wirtschaftspolitischen Gründen mit einem zusätzlichen Zoll belegt werden. Ein Grund dafür kann der Schutz der schweizerischen Landwirtschaft sein. Im vorliegenden Beispiel fällt das Fleisch in diese Kategorie. Das in mehreren Packungen gekaufte Rindfleisch ergibt zusammengezählt ein Gewicht von 1,894 Kilogramm. Das erste Kilo ist zollfrei, so verrechnet die App auf aufgerundeten 900 Gramm schliesslich einen Zoll.

3. Gesamtwert deklarieren: Die Eingabe des Gesamtwerts aller Einkäufe ist in verschiedenen Währungen möglich. Achtung: Nur den Nettowert ohne deutsche Mehrwertsteuer deklarieren. Das Total von 353.80 Euro wird nach einem aktuellen Kurs in Franken umgerechnet. Am Ende verlangt die App für das Fleisch 15.30 Franken Zoll und 32.65 Franken Mehrwertsteuer. Der höchste Mehrwertsteuersatz von 7,7 Prozent wird auf dem gesamten Betrag verrechnet. Dies, obwohl auf Lebensmitteln wie dem Honig oder auch auf den Kinderbüchern in der Schweiz eigentlich der tiefere Satz von 2,5 Prozent gilt. Der Konsument bezahlt mit der App also unter anderem auf Lebensmitteln zu viel Mehrwertsteuer. Die Eidgenössische Zollverwaltung führt als Argument die Bedienerfreundlichkeit an: Bei einer Differenzierung nach verschiedenen Mehrwertsteuersätzen müssten die Produkte einzeln erfasst werden, was deutlich aufwendiger wäre.

4. Bezahlen: Im letzten Schritt bezahlt der Käufer mit einer Kreditkarte über die App den geschuldeten Betrag. Im Ausland fallen dafür zusätzliche Roaminggebühren an. Es geht aber durchaus auch ohne Roaming. So bieten heute Gaststätten gratis einen draht­losen Internetzugang an, über den die App genauso gut funktioniert. Und vom ­nahen Ausland lässt sich das Schweizer Mobilfunknetz manchmal auch ohne Roaming nutzen. Wer nach dem Bezahlen für eine Stichprobenkontrolle gestoppt wird, zeigt die elektronische Quittung auf dem Smartphone.

Das Fazit

Die neue Zoll-App ist interessant für Leute, die regelmässig zollpflichtige Güter wie Fleisch, Alkohol oder Zigaretten in die Schweiz einführen. Doch der Gewinn ist nicht allzu gross: Sie müssen sich an der Grenze nur noch an einem anstatt wie bisher an zwei Schaltern melden. Die Rappenspalter unter den Einkaufstouristen werden die Nase rümpfen, da sie mit der App auf Lebensmitteln und Büchern zu viel Schweizer Mehrwertsteuer bezahlen. Für die grosse Mehrheit, die mit ihren Einkäufen unter den Zoll- und Mehrwertsteuer-Freigrenzen bleibt, ist die App schlicht überflüssig. Und schliesslich eignet sie sich auch nicht für komplexere Anschaffungen im Ausland – wie zum Beispiel ein Auto.

Auch Deutschland arbeitet an einer Digitalisierung der Mehrwertsteuerabrechnung für Einkaufstouristen. Sollte dereinst eine solche App verfügbar sein, so könnte das in Kombination mit der Schweizer App die Zollabfertigung deutlich vereinfachen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.04.2018, 06:55 Uhr

So funktioniert die Rückerstattung der Mehrwertsteuer

Konsumenten, die im Ausland eingekauft haben, müssen nicht nur Zoll und Schweizer Mehrwertsteuer berappen, sie können auch die im Ausland bezahlte Mehrwertsteuer zurückfordern. Das läuft unabhängig von der App der Schweizer Zollverwaltung. Die Rückforderung der Mehrwertsteuer lohnt sich vor allem, wenn es keine Lebensmittel sind. Für Geräte und andere Produkte entrichten Konsumenten in Nachbarländern einen hohen Mehrwertsteuersatz zwischen 19 und 22 Prozent. Bei Esswaren variiert der Zuschlag zwischen 4 und 10 Prozent, weshalb die Rückerstattung etwas tiefer ausfällt.

Die Modalitäten der Rückerstattung unterscheiden sich je nach Staat. Meistens ist das erst ab einem bestimmten Betrag möglich. Der Mindestwert des Einkaufs liegt in Frankreich bei 175.01 Euro, in Italien bei 154.95 und in Österreich bei 75.01. In Deutschland können Konsumenten die Mehrwertsteuer auf beliebig kleinen Beträgen zurückverlangen. Allerdings dürfen verschiedene ­Belege nicht kumuliert werden. Entscheidend ist, dass der Verkäufer eine Ausfuhrbescheinigung ausstellt, an welche die Kaufquittung angeheftet wird. Diese lässt der Kunde am Zoll ­abstempeln. Danach kann er die Mehrwertsteuer beim nächsten Einkauf im gleichen Geschäft zurückverlangen.

Es gibt auch Anbieter, welche gegen eine Gebühr die Mehrwertsteuer eintreiben und dem Konsumenten gutschreiben. Global Blue und Premier Tax Free zählen zu den bekannteren. Ihre Bedingungen sind ähnlich. Voraussetzung dafür ist, dass der Kunde bei Vertragspartnern dieser beiden Anbieter einkauft. Signete weisen im Geschäft darauf hin. Im Zweifelsfall gibt das Verkaufspersonal Auskunft. Wer das Angebot nutzt, erhält spezielle Ausfuhrscheine und oft auch gleich schon adressierte Couverts. Auch diese Ausfuhrscheine muss der Käufer mit Quittung vom Zoll abstempeln lassen. Anschliessend schickt er die Papiere ein und wartet auf die Über­weisung. (ki)

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