Berufslehre gegen Gymnasium: Was bringt längerfristig mehr?

Das Artikel «Abbruch der Berufslehre» bewegte die Gemüter unserer Leserschaft. Wieso ist das so und welches ist der bessere Weg?

Viele Jugendliche sind mit dem Entscheid zwischen Berufslehre oder Gymnasium überfordert. Bilder: Keystone

Viele Jugendliche sind mit dem Entscheid zwischen Berufslehre oder Gymnasium überfordert. Bilder: Keystone

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Der Artikel im «Tages-Anzeiger» vom 19. Oktober zum Thema «Abbruch der Berufslehre» entfachte unter Leserinnen und Lesern eine engagierte Diskussion. Allerdings nicht zur Frage, wieso Lehrlinge ihre Lehre abbrechen, sondern dazu, ob sich heutzutage eine Berufslehre noch lohnt oder nicht oder eher der Weg über Gymnasium und Studium zum Erfolg führt. Die Meinungen gehen weit auseinander. Ein Leser empfiehlt den Jugendlichen, unbedingt die Schulbank zu drücken und irgendwo auf der Welt effizient «eine Matur» oder einen akademischen Titel zu erarbeiten, ein anderer findet das komplett falsch, denn Löhne und Anstellungschancen der Akademiker würden wegen des Überangebots drastisch sinken, während Absolventen einer Berufslehrer bereits Erfahrungen im täglichen Arbeitsleben sammeln konnten. Somit seien sie wertvoller als Akademiker. Eine Leserin pflichtet ihm bei: Mit einer Lehre finde man in der Schweiz mit den vielen KMUs immer einen Job. Wenn dann noch ein Studium obendrauf komme, sei ihnen die Liebe der KMUs sicher.

Tagesanzeiger/Newsnet hat deshalb bei einer Expertin nachgefragt: Wieso erregt das Thema derart die Gemüter? Und welches ist der bessere Weg?

Sehen Sie auch eine starke Konkurrenz zwischen Berufslehre und Gymnasium?
Ja, das ist sicher so, in gewissen Regionen stärker als in anderen. Viele Eltern wollen, dass ihre Kinder ins Gymnasium gehen, die Möglichkeit einer beruflichen Grundbildung prüfen viele gar nicht. Zurzeit ist das Angebot an Lehrstellen grösser als die Zahl von Schulabgängerinnen und -abgängern. Das hat zur Folge, dass Betriebe und Gymnasien zum Teil um die gleichen Jugendlichen kämpfen. Heute gehen viele Jugendliche lieber ins Gymi. Dabei sind Berufsleute, die eine Lehre und Zusatzausbildungen absolviert haben, ausserordentlich gesucht. Gewisse Lehrberufe sind intellektuell genau so anspruchsvoll wie das Gymnasium und auf der persönlichen Ebene sicher anspruchsvoller als die Schule. Lernende müssen sehr viele verschiedene Anforderungen bewältigen: Berufsschule, überbetriebliche Kurse, Chefs, die unter Zeitdruck stehen, Lieferfristen, Kunden, Patienten usw.

Weshalb haben denn Gymnasium und Studium einen derart hohen Stellenwert?
Dies ist eine gute Frage. Gemäss Bundesverfassung sind allgemeinbildende und berufsbildende Bildungswege in der Schweiz gleichwertig. Für viele ist der allgemeinbildende Weg über Gymnasium und Universität dennoch «wertvoller», besser. Sicher ist, dass die Möglichkeiten der heutigen Berufsbildung vielen zu wenig bekannt sind. Ein Berufsbildungsabschluss öffnet heute alle Türen, sei es zur höheren Berufsbildung oder, dank Berufsmaturität, auch an die Hochschulen. Ungelöst ist allerdings noch die Titelfrage: Die Abschlüsse der höheren Berufsbildung sind international deutlich weniger bekannt und weniger attraktiv als diejenigen der Hochschulen. Hier gibt es schon seit längerem Vorstösse, die dies zu ändern versuchen.

Haben wir eine niedrige Jugendarbeitslosigkeit dank des dualen Systems Berufsbildung und Mittelschule?
Es ist sicher so, dass es unter anderem unserem arbeitsnahen Berufsbildungssystem zu verdanken ist, dass die Jugendarbeitslosigkeit bei uns, vor allem auch im Vergleich zu anderen Ländern, tief ist. Wichtig ist, dass es beide Möglichkeiten gibt, Berufsbildung und Allgemeinbildung, und dass beide Ausbildungswege ihre Berechtigung haben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.10.2015, 14:34 Uhr

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Dr. Evi Schmid ist Dozentin am Eidgenössischen Hochschulinstitut für Berufsbildung.

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