Big Brother isst mit

Wieso eigentlich? Sieben von zehn Restaurantketten überwachen ihre Gäste mit Videokameras – und die Kunden bekommen davon kaum etwas mit.

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Unauffällig starren sie von der Decke. Halbkugeln aus mattem Glas, die aussehen wie überdimensionierte Glupsch­augen. Oft passen sie so gut zum Farbkonzept, dass man meinen könnte, sie gehörten zur Dekoration. Ihr Zweck ist aber ein ganz anderer: Sie filmen, was im Restaurant gerade abläuft – zur Sicherheit der Gäste und des Personals, wie es heisst.

Immer mehr Restaurants setzen auf solche Überwachung. Das zeigt eine TA-Umfrage bei zehn Restaurantketten. Die Betriebe lassen sich aufgrund ihrer Antworten in drei Gruppen einteilen:

○ Keine Videokameras finden sich in den Bindella-Restaurants (Santa Lucia, Spaghetti Factory etc.) sowie in den Restaurants von Coop und Migros.

○ Mit Videokameras ausgestattet sind hingegen die Globus-Restaurants, die 160 Schweizer McDonald’s-Filialen sowie alle sechs Tibits-Restaurants. Auch Burger King setzt grundsätzlich auf Videoüberwachung, wobei der Entscheid beim einzelnen Franchisenehmer liege. Starbucks gibt an, dass «einige wenige» seiner Coffee Stores mit Kameras aus­gerüstet seien.

○ In den Manora-Restaurants der Manor-Warenhäuser sowie in gewissen Marché-Restaurants an Autobahnraststätten überwachen Kameras nur die Ein- und Ausgänge oder den Kassenbereich. Konsumierende Gäste werden nicht gefilmt.

Bis 10 Kameras pro Restaurant

Genaue Zahlen geben die wenigsten bekannt. Eine Ausnahme ist Tibits. In den sechs vegetarischen Restaurants auf Schweizer Boden sind je nach Grösse zwischen 4 und 10 Kameras im Einsatz. «Im Tibits in London war eine Videoüberwachung sogar eine Auflage der Behörden», schreibt Mitgründer Daniel Frei dem TA. Er betont, dass die Kameras «ausschliesslich der Sicherheit unserer Gäste und unserer Mitarbeitenden dienen». Zudem hätten sie eine abschreckende Wirkung, etwa auf Taschendiebe. Bei Bedarf könnten die Auf­nahmen die Polizeiarbeit unterstützen.

So oder ähnlich argumentieren alle befragten Restaurantbetreiber. Tatsächlich kann Videoüberwachung im Interesse der Sicherheit zulässig sein. Sie ist aber laut dem Eidgenössischen Datenschutzbeauftragten an strenge Auflagen geknüpft. Die wichtigste: Der Kunde muss am Eingang über die Überwachung informiert werden. «Das Hinweisschild muss gross genug und so angebracht sein, dass man es nicht übersehen kann», sagt Francis Meier, der Sprecher des Datenschutzbeauftragten.

Ein Augenschein rund um das Zürcher Bellevue zeigt jedoch, dass die Hinweise oft leicht zu übersehen sind. Oder sogar ganz fehlen, wie beim Globus-Restaurant. Mediensprecher Jürg Welti verspricht, dies zu ändern: «Die Beschriftungen sind bestellt.» An den Tibits-Eingängen sind zumindest kleine Schilder mit der Aufschrift «Kameraüberwachung» zu finden. Noch am deutlichsten ist der Hinweis bei McDonald’s. Unter den zahlreichen Kreditkarten-Logos sticht das Piktogramm mit der ­Videokamera aber auch nicht hervor.

Die Überwachung muss aber nicht nur transparent sein, sondern auch ­verhältnismässig. Das heisst: Andere Massnahmen, die das Persönlichkeitsrecht der Restaurantbesucher weniger tangieren als Filmaufnahmen, sind ­vorzuziehen. Auch dürfen die Aufnahmen nur so lange gespeichert werden wie unbedingt nötig.

Auch in Pissoirs wird gefilmt

Bei McDonald’s und Tibits werden die Bilder ohne besondere Vorkommnisse nach 72 Stunden gelöscht, bei den ­Manora-Restaurants spätestens nach 7 Tagen. Das ist für den Datenschützer in beiden Fällen zu spät: «In der Regel sollten die Bilder nicht länger als 24 Stunden aufbewahrt werden», sagt Mediensprecher Francis Meier. Die übrigen Restaurants wollten sich nicht zur Aufbewahrungsdauer ­äussern.

Sorgen macht dem Datenschützer die zunehmende Tendenz zum Filmen von Pissoirs sowie in Toilettenkabinen, um Vandalismus zu bekämpfen. Das ist unzulässig, weil es in die Intimsphäre der betroffenen Personen eingreift. Bei McDonald’s werden vereinzelt im Bereich der Waschbecken Aufnahmen gemacht, wie Sprecherin Aglaë Strachwitz einräumt, nicht aber in den Toiletten.

Die Wirksamkeit der Videoüber­wachung ist umstritten. «Studien aus Deutschland und England zeigen, dass die Verbrechensrate dadurch nicht nachhaltig sinkt», sagt der Sprecher des Eidgenössischen Datenschutzbeauftragten. Auch seien die Bilder je nach ­Winkel, Ausschnitt und Qualität nicht immer eindeutig, sodass sie sich nur ­beschränkt für die Aufklärung von ­Straf­taten ­eigneten.

Livebilder aufs Smartphone

Dennoch scheint die Nachfrage nach den immer günstiger werdenden elektronischen Augen ungebrochen. Längst gibt es auch Geräte, mit denen sich Gespräche abhören lassen. Eine Firma mit Sitz in Münsingen BE wirbt auf ihrer Website für «diskrete Videoüberwachung» – und nennt gleich den grossen Vorteil: «Wir können die Kameras über das bestehende Netzwerk verbinden und so weltweit an jedem PC mit Ton anzeigen. Sie haben die Möglichkeit, alle Kamerabilder über ein Smartphone live anzuschauen.»

Verlockend ist das Angebot vor allem für Wirte, die gern mal von zu Hause aus oder in den Ferien schauen, was ihre Angestellten so tun und lassen. Damit missachten sie allerdings, dass das systematische Überwachen von Mitarbeitern verboten ist. Betroffene Arbeitnehmer können sich beim kantonalen Arbeits­inspektorat beraten lassen.

Heikel sind laut dem Datenschutz­beauftragten auch Aussenkameras zur Überwachung des öffentlichen Grunds vor einem Restaurant. «Die Sicherheit in diesem Bereich ist Aufgabe der Polizei», sagt Francis Meier.

Die Gäste können vom Wirt jederzeit Auskunft über ihre gespeicherten Daten verlangen. Auch haben sie ein Anrecht darauf, zu erfahren, wie lange die Bilder gespeichert werden und an wen sie sich bei Fragen wenden können. Fehlt ein gut sichtbares Hinweisschild am Eingang oder erscheint die Überwachung unverhältnismässig, können Betroffene vor Gericht wegen Persönlichkeits­verletzung klagen.

Auch Attrappen sind heikel

In Bern und Basel haben dieses Jahr mehrere Gaststätten ihre Kameras wieder entfernt, nachdem Medien darüber berichtet hatten. Auch Ernst Bachmann, Präsident des kantonalen Wirteverbands Gastro Zürich, hält nichts davon: «Ich sehe nicht ein, was das bringen soll. Ganoven werden immer Schwachstellen finden.» Sein Verband treffe sich regelmässig mit der Polizei, und diese habe noch nie vorgeschlagen, Videoüber­wachung einzusetzen.

Als Alternative könnten manche Wirte versucht sein, auf Kameraattrappen zu setzen, denen ebenfalls eine abschreckende Wirkung zugeschrieben wird. Doch dem Datenschutzbeauftragten zufolge sind auch sie rechtlich problematisch, weil sich die Gäste genauso in ihrer Privatsphäre beeinträchtigt fühlen wie bei richtigen Kameras. Zudem vermitteln sie eine Scheinsicherheit – mit möglichen unangenehmen Folgen für den Wirt: Kann ein Diebstahlopfer belegen, dass es wegen der Kamerapräsenz auf Schutzmassnahmen verzichtet hat, so haftet er unter Umständen für den Schaden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.10.2014, 06:21 Uhr

Hotel der Zukunft

Sogar die Zimmerbeleuchtung wird registriert

Nicht nur in Restaurants, auch in Hotels müssen Gäste künftig mit mehr Überwachung rechnen. Ein Schweizer Start-up-Unternehmen hat ein Gästeempfangssystem entwickelt, mit dem der Kunde im Hotel jederzeit punktgenau lokalisiert werden kann. Nicht nur das: Das System speichert auch seine Wünsche und Präferenzen wie etwa die Temperatur und Beleuchtung des Zimmers, die bevorzugten Speisen, die Zimmerreinigungszeiten oder die aufgesuchten Räumlichkeiten. Möglich machen es im Hotel installierte Antennen sowie ein Schlüsselanhänger mit RFID-Chip. Damit sollen Hotels ihre Gäste in Zukunft individueller bedienen können.

Was auf den ersten Blick verlockend erscheint, stösst beim Eidgenössischen Datenschutzbeauftragten Hanspeter Thür auf Skepsis: Ein solches System sei nur zulässig, wenn der Kunde bei der Ankunft darüber informiert werde und frei entscheiden könne, ob er mitmachen wolle oder nicht. «Da die erhobenen Daten ein Persönlichkeitsprofil ergeben können, braucht es eine ausdrückliche Einwilligung, zum Beispiel in Form einer Unterschrift», schreibt er im neusten Tätigkeitsbericht.

Laut Thür wäre es unverhältnis­mässig, «die Gäste im gesamten Hotelkomplex auf Schritt und Tritt aufzuspüren». Die von den Antennen erfassten Zonen seien deshalb zu begrenzen. «Eine Meldung der Anwesenheit auf der Etage oder beim Betreten eines bestimmten Bereichs (zum Beispiel Empfang, Restaurant, Wellnessbereich) oder beim Verlassen des Bereichs erscheint angesichts des verfolgten Zwecks ausreichend», heisst es in dem Bericht. Auch dürfe nur Zugriff auf die Daten haben, wer sie tatsächlich benötige. «Das Reinigungspersonal beispielsweise braucht nur zu wissen, ob (oder wann) das Zimmer gereinigt werden kann, und nicht, wo genau der Gast sich aufhält», so der Datenschutzbeauftragte. (thm)

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