Lärmige Anwohner: Was Nachbarn tolerieren müssen – und was nicht

Mieter müssen nicht alles klaglos hinnehmen. Doch gegen gewissen Krach hilft nur Toleranz.

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Die Regeln wären eigentlich einfach. Trotzdem führt die Akustik immer wieder auch zu lautstarkem Ärger. Grundsätzlich gilt ab 22 Uhr Nachtruhe. Das ­bedeutet in der Wohnung eines Mehr­familienhauses Zimmerlautstärke, auf dem Balkon Tischlautstärke. Doch unter Zimmer- und Tischlautstärke versteht längst nicht jeder dasselbe.

Und das liegt nicht nur am individuellen Empfinden: Die Gerichtspraxis zeigt, dass Mieter je nach Art des Schalls auch sehr unterschiedliche Dezibelwerte akzeptieren müssen. Bei Kindern ist die Toleranzgrenze hoch. Sie dürfen spielen, herumhüpfen, singen, kreischen und Geburtstagspartys feiern. Und ein Kleinkind schreit manchmal mitten in der Nacht. «Wer dagegen vorgehen will, steht praktisch immer auf verlorenem Posten», sagt Ruedi Spöndlin, Rechtsexperte beim Mieterverband Schweiz. Es gibt keine gesetzliche Obergrenze für Kinderlärm. Es existiert auch keine Vorschrift, die Eltern verpflichtet, ihre Kinder ­ruhigzustellen.

Musizieren in der Wohnung

Will ein Vermieter keine Kindergeräusche in seinem Haus haben, kann er unter den Wohnungsbewerbern die passenden Leute auswählen. Missbräuchlich wäre aber, einem Paar die Wohnung zu kündigen, weil es ein Kind bekommt.


Bilder – Grossstädter leben ungesund


Für das Musizieren erlaubt die Rechtspraxis in der Regel täglich zwei bis drei Stunden ausserhalb der Ruhezeiten. Das bedeutet zwischen 7 und 22 Uhr, manche Kantone kennen auch eine Mittagsruhe. Auch der frühe Sonntagmorgen ist nicht ideal, um Etuden einzustudieren. Und besonders laute Instrumente wie Schlagzeug, Alphorn oder Trompete sind in Wohnungen grundsätzlich nicht erlaubt. Musiker, die in eine neue Wohnung einziehen, sollten aber auch die Hausordnung und die allgemeinen Bestimmungen im Mietvertrag prüfen – oft sehen diese Regeln vor, an die sich die Hausbewohner halten müssen.

Es gibt viele weitere Lärmquellen, die für nachbarschaftliche Verstimmung sorgen. Wer leidet, sollte in einem ersten Schritt das Gespräch mit dem verantwortlichen Nachbarn suchen. Das ist manchmal leichter gesagt als getan. In einem zweiten Schritt kann der betroffene Mieter Kontakt mit dem Hauseigentümer aufnehmen. Besitzer gehen sehr unterschiedlich mit solchen Problemen um. Einige tun nichts und versuchen die Auseinandersetzung auszusitzen. Manche verwarnen die Lärmverursacher. Und gelegentlich kommt es auch zu einer Kündigung. Dies vor allem, wenn der Eigentümer befürchtet, dass andere Mieter ausziehen.

Wer ein Spiel der Schweiz an der Fussball-Weltmeisterschaft feiert, wird meist toleriert. Bei unangekündigten Partys hingegen kommt oft die Polizei.

Doch eine Kündigung ist nicht leicht durchzusetzen. «Es steht Aussage gegen Aussage», sagt Spöndlin. Und die Person, die sich gestört fühlt, ist oft nicht einmal in das Verfahren involviert – dort stehen sich in der Regel Hauseigentümer und die lauten Mieter gegenüber. Da eine Beweisführung schwierig ist, kommt es meist zu längeren Mieterstreckungen. Unter Umständen kündigt der Vermieter sogar dem Mieter, der sich beschwert hat, weil er dessen Klagen für unberechtigt hält. Grundloses Reklamieren kann als Verstoss gegen die Rücksichtspflicht interpretiert werden. Wer wegen Lärm klagt, sollte deshalb immer gesprächsbereit bleiben. Spöndlin rät zu Toleranz auf beiden Seiten, da Verfahren selten eine gute Lösung bringen und stattdessen vor allem Ärger bescheren.

Lärm per Verordnung erlaubt

Die einmalige Nachtruhestörung bereitet in der Regel keine Probleme, wenn die Nachbarn vorab informiert werden. Wer gemeinsam mit Kollegen im Freien ein Spiel der Schweiz an der Fussball-Weltmeisterschaft feiert, wird meist toleriert. Bei unangekündigten lauten Partys beschweren sich Nachbarn hingegen öfters bei der Polizei. Diese entscheidet je nach Situation vor Ort. Als Faustregel gilt: Rückt die Polizei ein erstes Mal aus, gibt es eine Verwarnung. Beim zweiten Mal am gleichen Anlass eine Busse.

Schliesslich gibt es auch Lärm, den Anwohner ohne Wenn und Aber akzeptieren müssen: Zum Beispiel an der Basler Fasnacht ist der Lärm sogar per Verordnung erlaubt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.04.2018, 09:15 Uhr

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