Liebe beim Job – und was der Chef dann darf

Eigentlich Privatsache, wenn es funkt am Arbeitsplatz. Und doch gelten Regeln – Beispiele zeigen, warum das nötig ist.

Arbeitgebende können verlangen, dass Liebende keine Zärtlichkeiten am Arbeitsplatz austauschen. Foto: Getty Images

Arbeitgebende können verlangen, dass Liebende keine Zärtlichkeiten am Arbeitsplatz austauschen. Foto: Getty Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Partnerbörsen hin, Online-Vermittlungs­portale her: Der Arbeitsplatz gehört nach wie vor zu den Orten, wo sich Menschen besonders häufig kennen und lieben lernen. Gemäss einer Umfrage des Karrierenetzwerkes Xing vom letzten Herbst hatte jeder vierte Deutschschweizer schon mal eine Affäre im Betrieb. Nicht wenige lernen im Büro gar den Partner oder die Partnerin fürs Leben kennen. Wen wunderts: Mit kaum jemandem ist man so häufig zusammen wie mit Kolleginnen und Kollegen im selben Betrieb. Der Arbeitsplatz ist deshalb die ideale Kontaktbörse.

Nicht alle Arbeitgebenden sehen es gern, wenn Mitarbeitende privat verbandelt sind. Die Liebe am Arbeitsplatz deshalb gleich zu verbieten, geht aber nicht. Das lässt das Schweizer Recht nicht zu. Dies schreibt Arbeitsrechtler Roger Rudolph, Professor an der Universität Zürich, in einem unlängst in der Online-Fachpublikation «Jusletter» veröffentlichten Aufsatz. Eine Beziehung zu leben, gehöre zu den Persönlichkeitsrechten. «Diese muss der Arbeitgeber schützen und darf sie nicht durch ein Beziehungsverbot beschränken.»

Das heisst nicht, dass Arbeitnehmende eine amouröse Liaison am Arbeitsplatz offen ausleben dürfen. Der Betrieb kann Verhaltensvorschriften erlassen, auch zum Schutz der übrigen Mitarbeitenden. Denn für diese ist es meist nicht sehr angenehm, wenn Kolleginnen und Kollegen ihre Verliebtheit während der Arbeitszeit zur Schau tragen. So könnten Arbeitgebende etwa verlangen, dass Beziehungspartner verbale oder körperliche Zärtlichkeiten in der Gegenwart anderer unterlassen, sagt Rudolph.

Verstösst eine Person wiederholt gegen die Verhaltensweisungen oder wird die Zusammenarbeit im Betrieb wegen einer Romanze unter Mitarbeitenden erheblich gestört, kann eine Kündigung gerechtfertigt sein. Kündigt der Chef aber nur, weil jemand eine Liebesbeziehung unterhält, ohne dass etwas vorgefallen wäre, so wäre die Kündigung laut Rechtsexperte Rudolph missbräuchlich.

Heikle Beziehungskonstellation

Beziehungen unter «einfachen» Angestellten auf gleicher Stufe sind aus arbeitsrechtlicher Sicht unproblematisch. Heikel wird es, so Rudolph, wenn Vorgesetzte mit Untergebenen liiert sind, also wenn die Liebenden in einem Hierarchie- oder einem Abhängigkeitsverhältnis zueinander stehen. Aber auch, wenn die Beziehungspartner gemeinsam wichtige Unternehmensentscheide fällen oder Controlling-Aufgaben übernehmen. Da bestehe das Risiko einer Interessenkollision, also dass private und betriebliche Interessen sich in die Quere kommen.

Einen solchen Interessenkonflikt sahen viele im Fall von Nadja Ceregato und ihrem Ehemann Pierin Vincenz, dem früheren Chef der Raiffeisenbank. Schon als er noch CEO der Bank war und seine Gattin zur Leiterin der Rechtsabteilung von Raiffeisen ernannt wurde, sorgte dies für öffentliche Kritik. Es sei fragwürdig, wenn die Ehefrau des Chefs im gleichen Betrieb eine leitende Kontrollfunktion ausübe, hiess es. Trotzdem behielt Nadja Ceregato ihre Funktion, und als ihr Mann kurz darauf die Bank verliess, schien das Problem gelöst.

Doch vor ein paar Wochen holte der Verdacht einer Interessenkollision Vincenz’ Ehefrau wieder ein. Ende Februar erstattete die Raiffeisenbank Strafanzeige gegen ihren Mann. Dieser soll sich, als er noch Chef der Bank war, bei Firmenkäufen persönlich bereichert haben, so der Vorwurf. Nun hatte es auch Konsequenzen für sie: Die Raiffeisen-Führung teilte mit, man wolle das Arbeitsverhältnis mit ihr nicht mehr weiterführen.

Der Fall Raiffeisen ist besonders pikant, weil es sich dabei um ein Unternehmen aus der stark regulierten Finanzbranche handelt. Da hat die Unabhängigkeit der Führung einen hohen Stellenwert. Banken und Versicherungen sind deshalb darauf bedacht, die Leitung ihrer Betriebe so aufzustellen, um jeglichen Verdacht eines Interessenkonflikts auszuschliessen. Manch einer fragt sich denn auch, wie es möglich gewesen sei, dass die oberste Führung der Raiffeisenbank die heikle Konstellation zwischen dem CEO und dessen Frau je zugelassen hat.

Ein anderes Beispiel ist das von Dominique und Yola Biedermann. Auch sie mussten sich unlängst den Vorwurf einer Interessenkollision gefallen lassen. Er ist Präsident der Anlagestiftung Ethos, seine Frau sitzt in der Geschäftsleitung. Damit ist sie ihm indirekt unterstellt. Kritikerinnen hielten Biedermann vor, er verstosse im eigenen Unternehmen gegen die Regeln einer guten Führung, die er von anderen regelmässig einfordere. Als Folge dieser massiven Kritik kündigte Biedermann an, das Präsidium der Stiftung abzugeben.

Lügen erlaubt

Wie aber lässt sich vermeiden, dass Liebesbeziehungen im Betrieb zu einem Interessenkonflikt führen? Eine Möglichkeit wäre, so Roger Rudolph, die Arbeitsabläufe im Betrieb anders zu organisieren. Geht das nicht, könne der Arbeitgeber einen der beiden Beziehungspartner auch versetzen. Können sich die Parteien nicht einigen und lässt sich die Situation auch nicht auf andere Weise entschärfen, sei selbst eine Entlassung gerechtfertigt.

Damit Arbeitgebende präventive Massnahmen treffen können, müssen sie erst einmal von einer Romanze unter Mitarbeitenden erfahren. Nun sind Liebesbeziehungen grundsätzlich Privatsache und gehen den Arbeitgeber im Grunde nichts an. Er dürfe auch keine Fragen über eine bestehende Beziehung stellen, sagt Rudolph. «Tut er es trotzdem, können die Mitarbeitenden zur Notlüge greifen, ohne deshalb Nachteile in Kauf nehmen zu müssen.»

Sobald aber das Risiko besteht, dass eine Beziehung die Interessen des Betriebs tangiert, seien die involvierten Mitarbeitenden verpflichtet, den Arbeitgeber darüber zu informieren. Gemeint sind damit wiederum vor allem Beziehungen zwischen Vorgesetzten und Untergebenen oder unter Mitarbeitenden, die eine Controlling-Tätigkeit ausüben. Ist der Chef oder die Chefin eines Unternehmens selber mit einer Angestellten liiert, ist die nächsthöhere Ebene, etwa der Verwaltungsrat, zu informieren.

Die Auskunftspflicht gilt bereits bei der Bewerbung. Wer sich also für einen Job bewirbt und verschweigt, dass er mit dem künftigen Chef oder der Chefin liiert ist, riskiert, entlassen zu werden, wenn dies später rauskommt.

Offen reden muss möglich sein

Beziehungen zwischen Vorgesetzten und Untergebenen können nicht nur für den Betrieb selber heikel sein, sondern auch zu Spannungen unter den Mitarbeitenden führen. Angenommen, man arbeitet mit jemandem zusammen, der mit einer Person aus der Chefetage liiert ist: Dann wird man sich in einer solchen Situation eher zurücknehmen mit Kritik an der Führung oder an den Arbeitsbedingungen, weil dies Konsequenzen haben kann.

Unter Arbeitskolleginnen und -kollegen muss es aber möglich sein, sich jederzeit austauschen zu können, ohne dass man gleich negative Auswirkungen zu befürchten hat. «Wenn eine Beziehung zwischen dem Chef und einer Angestellten dazu führt, dass die Mitarbeitenden nicht mehr offen miteinander reden können, oder wenn es deswegen gar zu Konflikten kommt, stehen Arbeitgebende in der Pflicht», sagt Rechtsprofessor Roger Rudolph. Sie hätten alles Zumutbare zu unternehmen, um Konflikte zu entschärfen und die Mitarbeitenden vor negativen Auswirkungen zu bewahren.

Erstellt: 18.03.2018, 23:23 Uhr

Artikel zum Thema

«Gefühle helfen uns, Probleme zu lösen»

SonntagsZeitung Empfindungen am Arbeitsplatz haben zu Unrecht einen schlechten Ruf, sagt die Unternehmensberaterin und Autorin Vivian Dittmar. Mehr...

Anleitung für den Umgang mit Arschlöchern

SonntagsZeitung Wie man sich gegen Rüpel, Grobiane und Unsympathen richtig wehrt, erklärt Robert Sutton, Professor an der Eliteuni Stanford. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Willkommen auf dem E-Bauernhof

Im Jahr 2050 gilt es, 9,8 Milliarden Menschen zu ernähren. Somit muss bis dann die Nahrungsmittelproduktion weltweit um 70 Prozent erhöht werden.

Kommentare

Blogs

Geldblog Zurich unterstreicht Wachstumsambitionen

Beruf + Berufung «Der Unfall schärfte meinen Blick aufs Leben»

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Nichts wie weg: Ein Känguru flieht vor den Flammen in Colo Heights, Australien, die bereits 80'000 Hektaren Wald zerstört haben (15. November 2019).
(Bild: Hemmings/Getty Images) Mehr...