Muss der Chef die Weiterbildung bezahlen?

Wer beruflich weiterkommen will, muss dazulernen. Dazu gibt es aber ein paar wichtige Fragen.

Arbeitgeber sollen künftig die Weiterbildung ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter begünstigen: Teilnehmer eines Seminars am Executive Campus der Universität St. Gallen. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Bei der beruflichen Weiterbildung läuft es in vielen Unternehmen nicht optimal. Fast die Hälfte der Arbeitnehmenden beklagt, ihre Arbeitgeber würden die Weiterbildung gar nicht oder zu wenig fördern. Dies ist das Resultat einer im November publizierten Umfrage von Travailsuisse. Für den Gewerkschaftsdachverband steht der Befund in Widerspruch zu dem von den Arbeitgebern beklagten Fachkräftemangel. Fortschritte erhofft sich Travailsuisse vom neuen Weiterbildungsgesetz, das zu Beginn des kommenden Jahres in Kraft treten wird. Es verlangt von den Arbeitgebern, die Weiterbildung ihrer Mitarbeitenden zu begünstigen.

Dass bei der Weiterbildung mehr passieren muss, räumen auch die Arbeitgeber ein. Wichtig sei insbesondere, die Arbeitsmarktfähigkeit von älteren Mitarbeitenden zu erhalten. Und da seien die Patrons gefordert, sagt Jürg Zellweger, verantwortlich für das Dossier Bildung beim Arbeitgeberverband.

Anders als die Gewerkschaften erwarten die Arbeitgeber jedoch vom neuen Weiterbildungsgesetz keine treibende Wirkung. Es handle sich lediglich um ein Rahmengesetz, das in erster Linie den Bund und die Kantone in die Pflicht nehme, sagt Zellweger. So sieht das auch der St. Galler Uni-Professor und Arbeitsrechtsexperte Thomas Geiser. Das Gesetz bringe nichts wirklich Neues. Es enthalte keine Verpflichtung zur Weiterbildung, weder für die Arbeitnehmer noch für die Arbeitgeberinnen.

Folglich ändert sich auch nichts an den rechtlichen Ansprüchen von Arbeitnehmenden punkto Weiterbildung. Wie aber sieht es mit diesen Ansprüchen aus? Was können Angestellte von ihren Chefs erwarten? Dazu gibt es im Arbeitsrecht wenig konkrete Bestimmungen, weshalb die Regeln aus verschiedenen Paragrafen abgeleitet werden müssen.

Weiterbildung als Fürsorge: Da ist zum einen die Fürsorgepflicht. Sie verlangt von Arbeitgebern, die Persönlichkeit ihrer Mitarbeitenden zu schützen. Auch das berufliche Fortkommen der Arbeitnehmenden gehört dazu. Ob sich daraus ein genereller Anspruch auf Schulung oder gar ein Recht auf regelmässigen bezahlten Weiterbildungsurlaub ableiten lasse, sei allerdings sehr fraglich, sagt der auf Arbeitsrecht spezialisierte Anwalt Roger Rudolph. Ihm sei kein Gerichtsurteil bekannt, das einen solchen Anspruch bestätigt hätte.

Zwar dürfen die Angestellten erwarten, dass ihnen ihre Chefs keine Steine in den Weg legen, wenn sie ihre berufliche Entwicklung selbst an die Hand nehmen. Allerdings können sie höchstens einen unbezahlten Urlaub von ein paar Tagen im Jahr für den Besuch eines Kurses einfordern. Ausserdem müssen sie sich über den Zeitpunkt des Weiterbildungsurlaubs mit dem Arbeitgeber verständigen.

Notwendige Ausbildung: Sobald es sich um eine Weiterbildung handelt, die zur Ausübung des Berufs notwendig ist, muss die Arbeitgeberin dafür aufkommen. Notwendig ist eine Weiterbildung laut Thomas Geiser, wenn sie gesetzlich vorgeschrieben ist oder wenn die Arbeitgeberin sie verlangt.

In der Praxis kommt es immer wieder zu Problemen bei der Frage, welche Kosten die Betriebe übernehmen müssen, wenn sie ihre Mitarbeitenden in einen Kurs schicken. Das Gesetz ist diesbezüglich aber klar. Demnach hat die Arbeitgeberin alle Auslagen zu ersetzen. Das heisst, sie muss nicht nur die eigentlichen Schulungskosten bezahlen, sondern auch die für den Kurs aufgewendete Zeit. Sie gilt als Arbeitszeit. Auch die Wegzeit sowie die Fahrtspesen sind von der Arbeitgeberin zu ersetzen, wenn der Kurs ausserhalb des Arbeits­ortes stattfindet.

Nicht notwendig, nur wünschbar: Wie aber sieht es aus, wenn eine Weiterbildung zwar nicht notwendig, aber dennoch ausschliesslich arbeitsplatzspezifisch ist und somit direkt dem Betrieb zugutekommt? In diesem Fall liege die Entscheidung bei der Arbeitgeberin, ob sie dafür aufkommen wolle oder nicht, sagt Thomas Geiser. Für Arbeitnehmende kann es sich in solchen Situationen aber lohnen, mit der Arbeitgeberin zu verhandeln, zumal sie ja von der Weiterentwicklung mitprofitiert. So lässt sich allenfalls erreichen, dass sich die Chefin am Aufwand beteiligt – etwa indem sie einwilligt, die Weiterbildung als Arbeitszeit zu verbuchen.

Vereinbarung zur Rückerstattung: Eine andere Möglichkeit, die Kostenfrage zu regeln, sind Rückerstattungsvereinbarungen. Das geht so: Die Arbeitgeberin erklärt sich bereit, die Auslagen zu übernehmen; der Arbeitnehmer verpflichtet sich im Gegenzug, nach Abschluss der Weiterbildung für eine bestimmte Mindestzeit im Unternehmen zu bleiben. Kündigt er von sich aus vorzeitig, muss er die Kosten für die Schulung anteilmässig zurückerstatten. Keinesfalls aber dürfe die Arbeitgeberin eine Rückerstattung für eine Weiterbildung verlangen, die sie selber angeordnet habe, sagt Arbeitsrechtsexperte ­Roger Rudolph. Auch der Aufwand für die Einarbeitung in eine neue Stelle gehe ­zulasten der Arbeitgeberin.

Entwicklung beobachten

Alles in allem bietet das Arbeitsrecht den Arbeitnehmern wenig griffige Bestimmungen, um ihre Chefs für eine kontinuierliche berufliche Entwicklung in die Pflicht zu nehmen. Auch das neue Weiterbildungsgesetz hält explizit fest, dass die berufliche Weiterentwicklung in erster Linie in der Verantwortung ­jedes Einzelnen liege.

Etwas besser ist die Situation in der Regel von Angestellten, die einem Gesamtarbeitsvertrag (GAV) angeschlossen sind. Rund die Hälfte der allgemein verbindlichen GAV garantiere den Arbeitnehmenden einen regelmässigen bezahlten Bildungsurlaub, sagt Thomas Geiser. Die Kosten gehen dabei nicht zulasten der Arbeitgeberin, sondern werden aus einem Weiterbildungsfonds finanziert, den Arbeitnehmer und Arbeitgeberinnen mit ihren Beiträgen äufnen.

Obwohl das Weiterbildungsgesetz nur vage Verpflichtungen für die Arbeitgeberinnen vorsieht, gibt man sich bei Travailsuisse zuversichtlich, dass es etwas bewirken werde. Gemeinsam mit den Organisationen der Weiterbildung will der Gewerkschaftsverband auch Kampagnen organisieren, um Arbeitnehmer und Arbeitgeberinnen auf mögliche finanzielle Unterstützungen durch den Bund hinzuweisen. Zudem werde man auch künftig mit Umfragen die Entwicklung bei der Weiterbildung beobachten, sagt Bruno Weber-Gobet, Leiter Bildungspolitik bei Travailsuisse. Er appelliert aber auch an die Arbeitnehmer, sich mit ihrer beruflichen Situation auseinanderzusetzen. Jeder sollte sich regelmässig fragen, welche Kompetenzen er verbessern könnte, um seine Arbeitsmarkfähigkeit zu erhalten, und seine Anliegen dann im Mitarbeitergespräch mit dem Chef oder der Chefin vorbringen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.12.2016, 08:14 Uhr

Lebenslanges Lernen fördern

Grundsätze der Weiterbildung

Das neue Weiterbildungsgesetz versteht sich als Grundsatzgesetz. Es soll die Weiter­bildung als Teil des lebenslangen Lernens stärken und legt allgemeine Grundsätze fest. Dazu gehört, dass der einzelne Mensch selber die Verantwortung für seine Weiter­bildung trägt. Gleichzeitig sollen öffentliche wie private Arbeitgeber die Weiterbildung begünstigen. Der Staat greife nur ein, wenn es spezifische öffentliche Interessen zu wahren gelte, heisst es in der bundesrätlichen Botschaft.

So verpflichtet sich etwa der Bund, sich gemeinsam mit den Kantonen dafür einzusetzen, die Arbeitsmarktfähigkeit von gering qualifizierten Personen zu verbessern. Dafür sind auch Finanzhilfen vorgesehen. Die Anbieter von Weiterbildungen werden verpflichtet, für die Qualitätssicherung zu sorgen, um die Transparenz und die Vergleichbarkeit auf dem Weiterbildungsmarkt zu verbessern. (afi)

Artikel zum Thema

Ein Kurs allein ist noch keine Weiterbildung

Angestellte sollen ein Leben lang dazulernen. Doch das ist nicht so einfach. Pflichtübungen bringen nichts. Mehr...

Finanzbranche benachteiligt über 50-Jährige

Wer über 50 Jahre alt ist, hat es auf dem Stellenmarkt schwer. Aber nicht in allen Branchen gleich. Eine neue Studie des Kantons Zürich zeigt ein differenziertes Bild. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Dürre: Ein Teich in der Nähe der texanischen Ortschaft Commerce ist vollständig ausgetrocknet. Für die nächsten zehn Tage werden in der Region Temperaturen von mehr als 37.7 Grad erwartet. (16.Juli 2018)
(Bild: Larry W.Smith/EPA) Mehr...