Von Waschverboten und Regeln fürs Teppichklopfen

In den Hausordnungen von Wohnhäusern steht allerlei, das nicht mehr zeitgemäss ist. Worüber sich Mieter getrost hinwegsetzen können.

Ein spätes Bad kann die Nachtruhe der Nachbarn stören und ist deshalb in Hausordnungen meist untersagt. Foto: iStockphoto

Ein spätes Bad kann die Nachtruhe der Nachbarn stören und ist deshalb in Hausordnungen meist untersagt. Foto: iStockphoto

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Im Haus von Karin S. gibt es nur eine Waschmaschine für zwölf Mietparteien. Da viele ihrer Nachbarn berufstätig sind, seien sie darauf angewiesen, auch spätabends oder an Sonntagen waschen zu können. An manchen Tagen sei die Waschküche rund um die Uhr belegt, so Karin S. Offiziell wäre das nicht erlaubt. Die Hausordnung verbietet das Waschen an Sonntagen und in der Nacht.

Waschverbote wie im Haus von Karin S. gibt es seit Jahrzehnten in fast allen Hausordnungen von Mehrfamilienhäusern. Sie stammen aus einer Zeit, als die Häuser ringhörig, die Sonntage heilig und die Waschmaschinen laut waren. Schlecht isolierte Wohnhäuser gibt es nach wie vor, die Maschinen verursachen aber längst nicht mehr denselben Lärm wie noch vor 30 Jahren. Und die Waschverbote entsprechen auch kaum mehr den heutigen Bedürfnissen. Man könne sich daher zu Recht fragen, ob solche Verbote überall noch sinnvoll seien, sagt Thomas Oberle vom Hauseigentümerverband (HEV) Schweiz. Und Ruedi Spöndlin vom Mieterinnen- und Mieterverband fügt an: Allein mit dem religiösen Gebot der Sonntagsruhe liessen sich sonntägliche Waschverbote heutzutage nicht mehr rechtfertigen.

In der Praxis tolerieren es die meisten Verwaltungen, wenn sich Mieterinnen und Mieter untereinander arrangieren und dabei das Verbot durchbrechen. Solange niemand reklamiere, schreite man auch nicht ein, so der Tenor. Am Verbot in der Hausordnung will man dennoch festhalten. Dass es auch pragmatische, praktikable Lösungen gäbe, beweist die Liegenschaftenverwaltung der Stadt Zürich. Sie erlaubt ihren Mieterinnen und Mietern explizit, auch während der Sperrzeiten zu waschen, sofern die Waschküche gut isoliert ist und sich niemand gestört fühlt.

Mieter lieben Regeln

Im Grunde brauchte es keine Hausordnungen. Die Ruhezeiten sind in den Polizeiverordnungen bereits geregelt, und das Mietrecht verpflichtet die Mieterinnen zur gegenseitigen Rücksichtnahme. «Hausordnungen fassen aber die vielen verzettelten Normen, die das Zusammenleben regeln, auf einen Blick zusammen. Deshalb werden sie von Mietern geschätzt», sagt Sandra Heinemann vom HEV Zürich. Manch einer braucht die Normen offenbar nicht nur für sich selber, sondern auch, um die Nachbarn in die Pflicht nehmen zu können. So gehen beim Immobilienbewirtschafter Wincasa pro Jahr rund 2500 Meldungen von Mietern ein, die sich über die Verletzungen der Hausordnung beklagen. Umso wichtiger wäre deshalb, dass Vermieterinnen ihre Regeln von Zeit zu Zeit den Entwicklungen und den geänderten Bedürfnissen anpassen. Das macht sie nachvollziehbar, und so werden sie auch eher befolgt.

Grosse Verwaltungen überarbeiten ihre Hausordnungen in regelmässigen Abständen. Kleinere würden jedoch ihren Neumietern oft über Jahre die gleichen Regeln abgeben, ohne zu prüfen, ob deren Inhalt noch Sinn mache, sagt Ruedi Spöndlin vom Mieterinnenverband. «Meist haben die Verwalter die Hausordnungen selber gar nie gelesen und wissen nicht, was drinsteht.» Und so findet man da und dort manche überholten und kuriosen Bestimmungen.

In einer weitverbreiteten Hausordnung heisst es etwa, die Mieter sollten beim Baden keine Zusätze verwenden, welche die Glasur der Badewanne angreifen könnten. Andernorts werden die Hausbewohner aufgefordert, keine Gegenstände aus dem Fenster oder von Balkonen zu werfen. Manche verbieten ihren Mietern das Wäschewaschen in der eigenen Wohnung.

Erstaunlich ist vor allem, wie viele Hausordnungen noch immer Regeln fürs Teppichklopfen enthalten. Da steht detailliert, zu welchen Zeiten dies erlaubt und wann es zu unterlassen sei. Das möge auf den ersten Blick antiquiert erscheinen, räumt Bereichsleiter Erich Dürig von der Immobilienverwaltung der Stadt Winterthur ein, deren Hausordnung ebensolche Bestimmungen enthält. Tatsächlich sei die Praxis des Teppichklopfens nur noch wenigen Mieterinnen und Mietern bekannt, weshalb man die Vorschriften wohl in ein paar Jahren entfernen könne.

Nicht alles, was in einer Hausordnung steht, sei allzu wörtlich zu nehmen, da sind sich die Vertreter von Hauseigentümern und Mieterinnen einig. «Hausordnungen sind eine Art Präventivregel», sagt Thomas Oberle vom HEV Schweiz. Grundsätzlich gilt wie beim Waschverbot: Dort, wo sich niemand daran stört, können die Mieter selber vereinbaren, wie sie etwas handhaben wollen. Schliesslich müssen Verbote einen sachlichen Grund haben und verhältnismässig sein, betont Ruedi Spöndlin vom Mieterverband. Ansonsten dürfen sich die Mieterinnen darüber hinwegsetzen. Immer wieder zu diskutieren geben etwa folgende Punkte:

Grillieren auf dem Balkon: Dies ist in manchen Hausordnungen noch immer untersagt – etwa in der Vorlage des Hauseigentümerverbands Schweiz. Vertreter Thomas Oberle räumt ein, dass ein striktes Verbot nicht mehr zeitgemäss und das Grillieren in gewissem Rahmen zulässig sei. Grillfreunde sollten aber ihre Nachbarn vor allzu starker Rauchentwicklung schonen.

Nächtliches Baden und Duschen: Zu später Stunde schnell unter die Dusche zu stehen, kann einem niemand verbieten. Das Einfüllen und Auslaufenlassen von Badewannen kann indes auch in neueren Häusern die Nachbarn beeinträchtigen, weshalb das nächtliche Baden zu Recht untersagt ist.

Balkongestaltung: Manche Vermieter legen Wert auf ein einheitliches Erscheinungsbild ihrer Liegenschaften. Sie untersagen es deshalb ihren Mieterinnen, die Balkone mit Schilfmatten, Tüchern oder Ähnlichem zu verkleiden, um sich vor Blicken zu schützen. Ein solches Verbot ist nach Ansicht von Mietrechtsexperte Spöndlin nur bei geschützten oder architektonisch besonders wertvollen Bauten angemessen. Auch bei der Balkonmöblierung dürften Vermieter nicht zu sehr in die Privatsphäre der Mieter eingreifen.

Musizieren: Wer selber ein Instrument spielt, muss in den meisten Mehrfamilienhäusern mit Einschränkungen rechnen. Vielerorts ist das Musizieren auf eine Stunde pro Halbtag beschränkt. Dabei könnten sich Vermieter auf Gerichtsurteile aus Deutschland beziehen, die eine solche zeitliche Limite für zulässig befunden hätten, sagt Thomas Oberle vom Hauseigentümerverband.

Gespräch suchen

Und wie soll man vorgehen, wenn ein Hausbewohner sich um die Rücksicht auf die anderen foutiert und etwa nachts regelmässig laut Musik hört oder rauschende Partys feiert? Zuerst das direkte Gespräch suchen und Abmachungen treffen. Das bringt meist mehr, als manche meinen. Hilft dies nichts, kann man sich an die Vermieterin wenden und einen Mangel geltend machen. Die Vermieterin ist verpflichtet, diesen zu beheben, und wird den fehlbaren Mitbewohner ermahnen. Nützt auch das nicht, kann die wiederholte Verletzung der Rücksichtspflicht ein Grund für eine Kündigung sein.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.11.2016, 17:57 Uhr

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