Wann die Behandlung im Ausland bezahlt wird

Oft sind Arztbesuche in anderen Ländern günstiger – die Schweizer Kassen bezahlen aber nur in Ausnahmefällen.

Eingriffe, die im Inland ebenfalls angeboten werden, übernimmt die Grundversicherung kaum – wie gängige Augenbehandlungen. Foto: Getty Images

Eingriffe, die im Inland ebenfalls angeboten werden, übernimmt die Grundversicherung kaum – wie gängige Augenbehandlungen. Foto: Getty Images

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Das Internet machts möglich. Dank Eigenrecherchen diagnostizieren Versicherte immer häufiger selber, an welcher Krankheit sie leiden. Manche stossen bei ihrer Suche auf ausländische Kliniken, die im entsprechenden Gebiet erfolgreich praktizieren. Die Anfragen von Patienten, die sich aufgrund eigener Recherchen im Ausland behandeln lassen möchten, sei in den letzten Jahren kontinuierlich angestiegen, sagt Kristina Klose, Leiter­­in Kundenservice International beim Krankenversicherer Hel­sana. Dabei argumentierten die ­Patientinnen oft auch mit den tieferen Kosten im Ausland.

Solange es um Wahlbehandlungen geht, werden Therapien im Ausland nur von einer entsprechenden Zusatzversicherung vergütet, nicht aber von der Grundversicherung. Selbst dann nicht, wenn die Kosten merklich tiefer sind als in der Schweiz. Denn in der Grundversicherung gilt das Territorialitätsprinzip. Demnach werden geplante Behandlungen übernommen, wenn sie in der Schweiz von anerkannten Leistungserbringern durchgeführt werden.

Nur in Ausnahmefällen können die Versicherten sich auf Kosten der Grundversicherung im Ausland behandeln lassen. Dazu braucht es medizinische Gründe. Diese sind:

  • Eine Versorgungslücke: Gemeint ist, wenn eine medizinisch notwendige Behandlung in der Schweiz überhaupt nicht erbracht wird. Die Krankenversicherung zahlt indes für eine Behandlung im Ausland nur, wenn die Bedingungen des hiesigen Krankenversicherungsgesetzes erfüllt sind. Das heisst, die auswärtige Leistung muss wissenschaftlich anerkannt, zweckmässig und wirtschaftlich sein. Behandlungen, die sich noch in der Experimentierphase befinden, fallen somit ausser Betracht.
  • Eine zu lange Wartezeit: Zahlen muss die Grundversicherung auch, wenn eine Leistung in der Schweiz zwar angeboten wird, die versicherte Person sie aber nicht in der für sie notwendigen Frist bekommen kann.
  • Ein zu hohes Risiko: Schliesslich kann auch ein überhöhtes Risiko ein berechtigter Grund sein, eine Behandlung nicht in der Schweiz, sondern im Ausland vornehmen zu lassen. Das ist der Fall, wenn eine Therapie in der Schweiz nur sehr selten praktiziert wird und die nötige Erfahrung fehlt.

Fehlende Abklärungen

Über eine solche Risikofrage musste im Mai das Bundesgericht entscheiden. Es ging dabei um den Fall einer jungen Frau, die sich aus psychischen Gründen für eine Geschlechtsumwandlung entschieden hatte. Die dafür nötigen Behandlungen zählen zu den Pflichtleistungen der Grundversicherung.

Für die Operation zum Aufbau eines Penis begab sich die – beziehungsweise der – Versicherte in eine deutsche Klinik. Dies, weil es in der Schweiz kaum Erfahrung gibt mit dem Eingriff, was aus Sicht des Betroffenen ein zu hohes Risiko darstellte.

Die Krankenversicherung sah es anders und lehnte die Kos­tenübernahme ab. Doch dann ­kassierte sie eine Rüge vom Bundesgericht: Sie habe nicht die ­geringsten Abklärungen vorgenommen, um die Frage des ­Operationsrisikos zu klären. Das muss die Versicherung nun nachholen. Ob sie am Ende doch zahlen muss, ist offen.

Laut Bundesgericht müssen die Vorteile einer auswärtigen Alternative gegenüber einer Behandlung in der Schweiz erheblich sein, damit die Grundversicherung zahlt. Wann dies erfüllt sei, darüber liessen sich allerdings keine klaren Aussagen machen, so das Gericht.

Bei den bewilligten Auslandbehandlungen handelt es sich oft um Krebstherapien: Patientin bei einer Bestrahlung in Dresden. Foto: Keystone

Auch gibt es keine Listen über die Leistungen, die im Ausland übernommen werden, teilt das Bundesamt für Gesundheit mit. Die Situation verändere sich wegen der steten Weiterentwicklung der Medizin laufend. Es sei deshalb an den Vertrauensärztinnen der Versicherer, im Einzelfall zu entscheiden, ob eine Therapie im Ausland übernommen werde.

Das Vorgehen

Wollen Versicherte für eine Behandlung ins Ausland gehen, müssen sie ein begründetes ­Gesuch bei ihrer Krankenversicherung stellen. Dazu gehöre auch das medizinische Dossier sowie eine Verordnung des behandelnden Arztes, sagt ­Kristina Klose von Helsana. «Wir ­prüfen dann, ob es sich um eine Pflichtleistung handelt und ob die Behandlung in der Schweiz erbracht werden kann.»

Macht eine versicherte Person ein unzumutbares Risiko für die Behandlung in der Schweiz ­geltend, nimmt die Krankenversicherung entsprechende Abklärungen vor. «Wenn nötig, ­ziehen wir dafür auch Gutachten bei», sagt Christina Wettstein von der CSS.

Eine Absage kann die Krankenversicherung selber beschliessen. Sie muss dies schriftlich tun und ausführlich begründen. Für eine Kostengutsprache brauche es auch die Zustimmung des Bundesamts für Gesundheit, teilt die Swica mit.

Hohe Ablehnungsquote

Bei den bewilligten Gesuchen für eine auswärtige Behandlung geht es nach Angaben der Versicherer oft um spezifische Krebstherapien. Die meisten Gesuche erfüllten aber die Voraussetzungen für eine Gutheissung nicht: Die Ablehnungsquote liege bei über 90 Prozent. Für die Versicherer wie für das Bundesamt ist dies ein Beleg für die hochstehende Gesundheitsversorgung der Schweiz.

Auslandbehandlungen werden auch künftig die Ausnahme sein, wie aus der Antwort des Bundesrats auf eine parlamentarische Anfrage vom Juni 2018 hervorgeht. So ist der Bundesrat zwar bereit, eine Lockerung des Territorialitätsprinzips bei seltenen Krankheiten zu prüfen, nicht aber generell.

Gelockert wurde das Territorialitätsprinzip indes für Versicherte, die in Grenzkantonen wohnen. Da können die Krankenversicherer mit ausländischen Leistungserbringern eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit vereinbaren. Dies ­erlaubt es den Patientinnen, gewisse Leistungen zulasten der Grundversicherung im grenznahen Ausland zu beziehen.

Erstellt: 24.06.2019, 10:17 Uhr

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In den Ferien abgesichert

Während die Grundversicherung für geplante Behandlungen im Ausland nur unter restriktiven Bedingungen aufkommt, ist das bei Notfällen anders: Diese sind auch im Ausland gedeckt. Als Notfall gilt, wenn jemand während eines vorübergehenden Aufenthalts im Ausland erkrankt und eine medizinische Behandlung braucht.

Der Arztbesuch oder auch eine dringende Operation während der Ferien werden somit von der Grundversicherung übernommen. Allerdings nur, wenn eine Heim­reise nicht angemessen ist und sich die Behandlung nicht bis nach der Rückkehr in die Schweiz aufschieben lässt. Kein Notfall ist es, wenn jemand eine Behandlung, die sowieso stattfinden muss, in die Zeit eines Ausland­aufenthalts verlegt.

Zudem ist die Deckung ­begrenzt: So vergütet die Grundversicherung für Notfälle im Aus­land höchstens doppelt so viel, wie die gleiche Behandlung in der Schweiz kosten würde. Innerhalb der EU-Staaten genügt dies. Für Reisen in Länder ausserhalb der EU lohnt sich aber der Abschluss einer Zusatzversicherung mit weltweiter Deckung. (afi)

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