Weniger geerbt als der Bruder? So kommt man zu seinem Recht

Erbschaften führen häufig zu Streit. Mit diesen Hilfsmitteln können sich benachteiligte Nachkommen wehren.

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Dutzende von Milliarden werden jährlich in der Schweiz vererbt. Nach Schätzungen des Büros für arbeits- und sozialpolitische Studien Bass AG beliefen sich im Jahr 2015 die gesamten Nachlassvermögen auf rund 63 Milliarden Franken. Die Höhe der Erbschaften variiert stark: In ungefähr jedem sechsten Nachlassfall sind es laut Bass mindestens eine Million Franken. Im Mittel würden pro Fall 170'000 Franken vererbt.

Recht auf Auskunft

Erbteilungen in der Familie gehen oft nicht reibungslos vonstatten. Hat es unter Nachkommen schon zuvor Spannungen gegeben, können diese nach dem Tod der Eltern aufbrechen:

Etwa, indem Erben versuchen, andere Nachkommen kurzzuhalten, ihnen Auskünfte verweigern und nicht offenlegen, was sie bereits zu Lebzeiten bekommen haben. Erben seien zwar verpflichtet, einander über alles zu informieren, was die Erbteilung beeinflussen könnte, sagt Rechtsanwältin Gabrielle Sigg vom VZ Vermögenszentrum. Klappt das nicht, hätten die Erben dennoch Handhabe, um ihre Rechte durchzusetzen. Die Ausgangssituation variiert indes von Kanton zu Kanton. Nachfolgend die wichtigsten Hilfsmittel.

  • Steuerdaten: In manchen Kantonen nehmen die Behörden nach einem Todesfall automatisch ein Inventar auf. Dabei werden alle vorhandenen Vermögenswerte erfasst. «Das verschafft den Erben einen ersten Überblick, und sie erhalten eine gewisse Absicherung», sagt die Berner Rechtsanwältin und Notarin Simone Mülchi.

Obligatorisch sind Inventare etwa in Basel-Stadt. Auch im Kanton Bern erstellen die Gemeinden nach einem Todesfall ein Siegelungsprotokoll. «Zeigt sich, dass der Nachlass grösser ist als 100'000 Franken, muss ein Notar das Steuerinventar aufnehmen», sagt Mülchi.

Anders läuft es im Kanton Zürich: Da sind die Erben zwar verpflichtet, per Todestag eine letzte Steuererklärung des Verstorbenen einzureichen. Ein obligatorisches Inventar ist nicht vorgesehen. Die Erben können aber eines verlangen. Nützlich ist dies etwa, wenn nicht klar ist, ob die Erbschaft überschuldet ist und man nicht weiss, ob man sie annehmen soll.

  • Erbschein: Aus den Steuerdaten erfahren die Erben nicht nur, was im Zeitpunkt des Todes einer Person an Vermögen vorhanden ist, sondern auch, wo dieses zu finden ist, sagt Rechtsanwalt Oliver Arter von der Anwaltskanzlei Froriep. Haben die Erben den Verdacht, die Angaben seien nicht vollständig, könnten sie selbst bei Banken Nachforschungen anstellen. Dazu ist laut Arter ein Erbschein unerlässlich.

Anspruch darauf haben die im Testament aufgeführten Erben. Existiert kein Testament, dann ermittelt die zuständige Behörde die gesetzlichen Erben und stellt diesen eine Erbenbescheinigung aus. Darauf sind die Namen aller Erbinnen und Erben aufgeführt, nicht aber, was ihnen zusteht.

Ein Erbschein kostet: In Basel-Stadt sind es maximal 300 Franken. In Bern bis zu 500 Franken; bei einer sehr aufwendigen Erbenermittlung kann es deutlich teurer werden. In Zürich kostet ein Erbschein bei hohen Vermögen bis zu 7000 Franken.

  • Strittiges Testament: Sehe sich ein Kind im Testament der Eltern in seinem Pflichtteil verletzt, könne es nach der Testamentseröffnung Einsprache erheben und innerhalb eines Jahres vor Gericht klagen, sagt Rechtsanwältin Simone Mülchi. «Bis die Frage geklärt ist oder die Klagefrist ungenutzt abgelaufen ist, bekommt keiner der Erben einen Erbschein.»

  • Nachforschen: Mit einem Erbschein kann jeder Erbe, jede Erbin an Banken, andere Finanzinstitute und an Behörden gelangen und umfassende Auskunft einholen, sagt Rechtsanwalt Oliver Arter. Auf Wunsch müssten die Banken bis zu zehn Jahre zurück nicht nur über bestehende, sondern auch über aufgelöste Konten sowie über Transaktionen und deren Empfänger informieren.

Allerdings kann eine einzelne Person ohne Vollmacht der anderen kein Geld von Bankkonten abheben. Erben können nur gemeinsam über die Erbschaft verfügen. «Ein Erbe, der sich benachteiligt fühlt, hat somit quasi eine Sperrminorität», sagt Erbrechtsexpertin Gabrielle Sigg. Damit könne er Druck auf die Geschwister ausüben, etwa, um von ihnen Auskünfte über allfällige Erbvorbezüge zu bekommen. «Das zeigt: Reine Obstruktion hilft Geschwistern nicht weiter.»

  • Erbvorbezüge: Haben Nachkommen zu Lebzeiten der Eltern grössere Vermögenswerte bekommen, müssen sie solche Vorbezüge bei der Erbteilung gegenüber den Geschwistern ausgleichen. Die Eltern können das beschenkte Kind testamentarisch von der Ausgleichung befreien, die Pflichtteile der anderen bleiben aber geschützt.

Kinder, die von den Eltern eine Liegenschaft erworben haben, müssen auf Verlangen der Geschwister bei der Erbteilung den Kaufvertrag herausrücken. Mithilfe von Experten lässt sich auch rückwirkend herausfinden, ob der damalige Verkaufspreis dem Wert des Hauses entsprach.

Zeigt sich, dass die Eltern das Haus ihrem Kind viel zu billig überlassen haben, müssten die Geschwister nachweisen, dass die Eltern dies bewusst gemacht haben. Nur dann könnten sie einen Ausgleich fordern, sagt Gabrielle Sigg vom VZ Vermögenszentrum. Dies habe das Bundesgericht in einem neuen Urteil bestätigt.

Menschlich, nicht rechtlich

Gelingt es einem Erben trotz umfassender Informationsansprüche nicht, seine Rechte durchzusetzen, kann er einen Anwalt oder eine Anwältin zur Unterstützung beiziehen.

Das Schwierigste beim Erben sieht Notarin Simone Mülchi nicht im rechtlichen, sondern im menschlichen Bereich. «Manchen Erben fällt es schwer, zu akzeptieren, dass sie gegenüber einem Geschwister benachteiligt wurden.» Nach dem Tod der Eltern könnten sie dies aber nicht mehr ausdiskutieren und erfahren, weshalb die Eltern so gehandelt haben.

Erstellt: 06.05.2019, 10:43 Uhr

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