Wie finde ich einen guten Anwalt?

Es ist nicht einfach, bei juristischen Problemen eine kompetente Rechtsberatung zu finden. Was man beachten sollte.

Wer mit einem Anwalt einen Pauschalbetrag vereinbart, erhält mehr Preistransparenz als bei einem Stundenansatz. Foto: Getty Images

Wer mit einem Anwalt einen Pauschalbetrag vereinbart, erhält mehr Preistransparenz als bei einem Stundenansatz. Foto: Getty Images

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Eine Unsicherheit bei einer Erbschaft mit vielen Verwandten, eine Meinungsverschiedenheit zwischen Mieter und Hausbesitzer oder sonst ein drohender Rechtsstreit: Es gibt immer wieder Situationen, in denen juristischer Rat benötigt wird. Dieser ist oft nicht nur teuer – für Laien ist es auch schwierig, kompetente Juristen zu finden.

Wie allen anderen Berufsleuten unterlaufen natürlich auch Juristen Fehler. Problematisch ist allerdings, dass sich Anwälte ­gelegentlich selber Spezialgebiete zuschreiben, in denen sie tatsächlich wenig Erfahrung haben, wie Gian Sandro Genna, Gründer und Inhaber der Kanzlei Jusonline AG, feststellt. Das macht es für Klienten schwieriger, einen versierten Rechtsexperten zu ­finden. Dabei kann diese ­erste ­Weichenstellung von grosser ­Bedeutung sein: «Die Wahl eines erfahrenen Anwalts ist in einem Verfahren der wichtigste Entscheid», meint gar Daniel Siegrist, Jurist und Leiter der Coop Rechtsschutz AG, die eine Rechtsschutzversicherung anbietet.

Doch wie findet der Laie einen kompetenten Rechtsexperten? Wer eine Rechtsschutzversicherung hat, wird wahrscheinlich zuerst diese kontaktieren, die in vielen Fällen auch helfen kann. Doch leider deckt eine solche Versicherung längst nicht alles. Ausgerechnet bei besonders häufigen Rechtsproblemen wie Erbteilungen oder Scheidungen bietet der Rechtsschutz keine oder nur eingeschränkte Unterstützung. Zudem sind die Verträge unterschiedlich gestaltet. Konsumenten sollten deshalb vor einem Abschluss genau klären, ob ein Vertrag die Leistungen enthält, die ihnen wichtig sind.

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Oft kennen Interessenorganisationen erfahrene Anwälte für bestimmte Fachgebiete. So weiss der Mieterverband Namen von Juristen, die sich im Mietrecht auskennen, Gewerkschaften können Hinweise auf Experten im Arbeitsrecht geben, Patientenorganisationen zum Patientenrecht und so weiter.

Ein Indiz für juristische Fachkenntnisse können Publikationen von Anwälten sein, die sie auf ihren Internetseiten verlinken. Wer bereits viele Beiträge zu einem bestimmten Rechtsgebiet veröffentlicht hat, dürfte sich mit dem Thema schon eingehender befasst haben. Auch Fachanwaltstitel geben eine gewisse Gewähr für vertiefte Kenntnisse in einem Bereich.

Wer im Internet nach Juristen oder Rechtsberatung sucht, stösst auf eine grosse Zahl an Informationen, die auf den ersten Blick vielversprechend klingen. Anwaltsverbände haben Listen oder Suchmasken aufgeschaltet, um auf kantonaler oder nationaler Ebene nach Kriterien wie Fachgebiet, Ort oder Sprache die passende Person zu finden. Verschiedene Anbieter offerieren auch sofortige Beratung, teilweise telefonisch oder online.

«Manchmal ist ein teurer Spezialist am Ende günstiger als ein unerfahrener Anwalt, der einen Prozess verbockt.»Daniel Siegrist, Coop Rechtsschutz AG

Daniel Siegrist von der Coop Rechtsschutz AG hält solche Angebote für eine Lotterie: «Kunden können auf diesem Weg zu einer guten Beratung finden – sie können aber auch einen Reinfall erleben», sagt er. Bei den Listen der Anwaltsverbände sieht er den Nachteil, dass diese alle angeschlossenen Anwälte gleich behandelten. Wer nach einem ­Anwalt sucht, erhält also keine Einschätzung zur Qualität seiner Arbeit.

Manche Anwälte bieten ein kostenloses Erstgespräch an. Und auch kantonale Anwaltsverbände geben kostenlose Rechtsauskünfte. «Das ist zwar weit von einer umfassenden Rechtsberatung entfernt, doch bei der Frage, ob ein Anwalt beizuziehen ist, kann das eine gute Orientierungshilfe sein», sagt Frédéric Krauskopf, Professor für Privatrecht an der Universität Bern. Bei einem Erstgespräch kann es aufschlussreich sein, erfährt der Kunde einiges, wenn er die richtigen Fragen stellt. Fälle, die ein Anwalt bisher betreut hat, oder Referenzen geben ein gutes Bild über dessen Berufserfahrung.

250 Franken pro Stunde

«Grundsätzlich kann das Anwaltshonorar frei vereinbart werden», schreibt René Rall, Generalsekretär des Schweizerischen Anwaltsverbands, in einer schriftlichen Antwort. Mit einem Stundenansatz von 250 Franken ist aber zu rechnen. Im Internet finden sich auch Angebote für 180 Franken. Doch der Preis sollte nicht das entscheidende Kriterium sein: «Manchmal ist ein teurer Spezialist am Ende günstiger als ein unerfahrener Anwalt, der einen Prozess verbockt», sagt Daniel Siegrist.

Wichtig ist aber die Transparenz. Wer sich von einem angeblich «transparenten Stundenansatz» an der Nase herumführen lässt, kann eine unangenehme Überraschung erleben. Denn manchmal sammeln sich am Ende viel mehr Stunden an als erwartet. Um das zu vermeiden, empfiehlt Gian Sandro Genna, einen Pauschalbetrag zu vereinbaren. Die Anwaltsbranche habe von der Intransparenz beim Honorar jahrzehntelang gut gelebt, kritisiert er.

Auch Daniel Siegrist warnt vor der Intransparenz bei Stundenansätzen. Selbstverständlich sei der Aufwand schwer abschätzbar, da es immer unerwartete Ereignisse geben könne. Das gebe es aber auch bei jedem Bauhandwerker. «Wenn von einem Handwerker eine Kostenschätzung erwartet wird, sollte das auch bei einem Anwalt möglich sein.»

Erstellt: 17.06.2019, 11:04 Uhr

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