Zu viele Jugendliche brechen ihre Lehre ab

Jugendliche müssen ihren Beruf früh wählen. Manchmal braucht es eine zweite Chance.

Ob alles zusammenpasst, ist bei Lehrbeginn oft noch nicht klar. Symbolfoto: Gaëtan Bally (Keystone)

Ob alles zusammenpasst, ist bei Lehrbeginn oft noch nicht klar. Symbolfoto: Gaëtan Bally (Keystone)

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«Für die Wahl des neuen Kochlehrlings ist dessen Motivation und Wissbegierde ausschlaggebend», sagt Bambel Paganini vom Restaurant Zum grünen Hund in Winterthur. Dies sehe er daran, dass ein Schnupperstift etwa begeistert von einem neuen Gericht erzähle. Man müsse diese Arbeit gerne tun, denn Koch sei ein harter Job. Dazu kämen ungünstige Arbeitszeiten. Die Aussteigerquote sei wohl deshalb in diesem Beruf besonders hoch.

2014 wurden im Kanton Zürich 12'253 neue Lehrverträge abgeschlossen, insgesamt 35'288 Lehrverträge waren registriert, und 3614 Lehrverträge wurden aufgelöst – also rund ein Zehntel aller Verträge. Gewisse Branchen wie Gastro-, Coiffeur- und Gesundheitsbranche sind besonders stark betroffen.

Gastro-, Coiffeur- und Gesundheitsbranche sind besonders stark betroffen.

Genaue Zahlen über die Lehrabbrüche in der Schweiz gibt es noch nicht: «Dazu, wie viele Lehrverträge im Verlauf der Lehre aufgelöst werden, haben wir noch keine genauen Zahlen», sagt Evi Schmid vom eidgenössischen Hoch­schul­institut für Berufsbildung. «Gemäss Studien aus früheren Jahren dürften es rund 20 bis 25 Prozent sein.» Das Bundesamt für Statistik verspricht erste Zahlen zum Berufsattest für 2016. Näher untersucht wird insbesondere die Situation der Jugendlichen, die aus dem Bildungssystem aussteigen.

«Die hohe Zahl der Lehrvertragsauflösungen verunsichert Politik und Wirtschaft. Aus- und Umstiege sind für Betriebe und Jugendliche eine Belastung»: So kündigt die Fachzeitschrift für Berufsbildung «Panorama» ihre nächste Nummer an und fragt nach den Gründen für den Lehrabbruch.

Der Einstieg ist hart

Rund zwei Drittel der Schulabgänger vom Sommer sind aktuell als «Lernende» in der Probezeit von bis zu drei Monaten. Etliche überlegen sich bereits ernsthaft, ob sie den richtigen Beruf gewählt haben. Oder sie sind sich sicher, was den Beruf betrifft, haben aber Mühe mit dem Lehrbetrieb, dem Vorgesetzten oder den neuen Lebensumständen. «In dieser Zeit ist die Zahl der Vertragsauflösungen am höchsten», sagt Hans Jörg Höhener vom Mittelschul- und Berufsbildungsamt Kanton Zürich.

Das bestätigt auch Florian Nussbaumer, Maler in Winterthur. In seiner Berufslaufbahn hat er früh, als Baustellenleiter, die Verantwortung für Lehrlinge übernommen. «Am Anfang haben sie es grundsätzlich schwer, sie müssen früh aufstehen, 8 Stunden arbeiten, sind den ganzen Tag auf den Beinen. Das kennen sie nicht von der Schule. Zudem müssen sie sich in ein bestehendes Team integrieren.»

«Drei Jahre sind unheimlich lang für Jugendliche.»Florian Nussbaumer, Maler

Aus Erfahrung weiss er, dass auch die Halbzeit kritisch ist: «Drei Jahre sind unheimlich lang für Jugendliche, das ist ein Fünftel ihres bisherigen Lebens. Plötzlich haben sie Mühe mit der Disziplin, dem Durchhaltewillen, ihre Leistungen lassen nach.» In dieser Situation sei es wichtig, dass die Jugendlichen eine Ansprechperson hätten, dass jemand spüre, dass sie Probleme haben. «Ein Gespräch mit dem Berufsbildner, dem Schulleiter und den Eltern kann helfen. Wir versuchen dann, gemeinsam Ziele zu definieren.»

«Lehrvertragsauflösungen haben viele verschiedene Ursachen», sagt Claudia Manser vom Mentoringprogramm Job Caddie in Zürich, «die Jugendlichen sind in der Adoleszenz, da spielen nebst dem Lehrverhältnis auch andere Aspekte eine wichtige Rolle in ihrem Leben wie etwa die Peergruppe, die Ablösung vom Elternhaus.» Gelegentlich sei auch eine falsche, überstürzte Berufswahl der Grund.

Wenn das Lehrverhältnis gefährdet ist und betriebsinterne Gespräche nicht zur Klärung geführt haben, können sich Ausbildner und Lernende für eine Beratung und Vermittlung an den für die Branche zuständigen Berufsinspektor des Amts für Berufsbildung wenden. Für komplexe Fälle stehen auch spezialisierte Case Manager zur Verfügung. Doch ein Lehrabbruch lässt sich nicht immer vermeiden. Dieser Moment ist für die Lernenden und ihr Umfeld kritisch, er kann traumatisch erlebt werden. Aber auch für die Betriebe ist der Verlust der Lernenden unangenehm und schwierig.

Ein Wiedereinstieg gelingt am ehesten in den ersten zwei Monaten nach Abbruch.

Nach der Vertragsauflösung können Lernende noch drei Monate die Berufsschule besuchen. Ein Wiedereinstieg gelingt erfahrungsgemäss am ehesten in den ersten zwei Monaten nach Abbruch. Hier ist intensive Unterstützung und länger dauernde Begleitung gefragt. Nebst staatlicher Berufsberatung und Wiedereinstiegshilfe gibt es immer mehr gemeinnützige Unterstützungsangebote (siehe Kasten).

Claudia Manser vom Lehrlings-Beratungsdienst Job Caddie betont, dass bei einer Lehrvertragsauflösung ein Aufnahmegespräch innert weniger Tage stattfindet. Der Kontakt eile, um die Jugendlichen aufzufangen. Diese schätzten es, dass eine aussenstehende, erfahrene Person sie unvoreingenommen anhört, mit ihnen die Situation analysiert.

Die Beraterin sucht nach dem Aufnahmegespräch einen passenden Mentor oder eine Mentorin. Das sind Freiwillige für die Aufgabe vorbereitete Berufsleute, die Jugendliche bei ihrem nächsten beruflichen Schritt unterstützen und begleiten. Die Jungen müssen jedoch motiviert sein; die Aufgabe der meist branchennahen Mentoren ist es, ihnen die nötige Sicherheit für die berufliche Zukunft zu vermitteln. Dank der Unterstützung von Job Caddie fänden rund drei Viertel der Jugendlichen eine Fortsetzungslehrstelle.

Noten sind nicht entscheidend

Mit einer sorgfältigen Abklärung vor dem Berufs- und Lehrentscheid können beide Seiten einen Beitrag dazu leisten, dass es gar nicht erst zum belastenden Lehrstellenwechsel kommt. «Der Prozess der Berufswahl ist für Jugendliche und deren Eltern anspruchsvoll», sagt André Monhart vom Amt für Jugend und Berufsberatung Kanton Zürich. Es sei wichtig, nicht zu früh zu entscheiden, sondern sich für den Entscheid die erforderliche Zeit zu nehmen. Als Erstes sollten sich die Schüler vertieft mit gewünschten Berufen befassen, sich an Info-Veranstaltungen, Berufsbesichtigungen und via Online-Berufsfilme ein genaues Bild über den Beruf machen.

«Die Lehrbetriebe sollten bei der Auswahl nicht nur auf Noten und Testresultate schauen, sondern vermehrt auf die Person des Jugendlichen», findet Giuliana Lamberti, Stellenleiterin der Anlaufstelle für Jugendliche Jobshop/Infoshop Zürich. Wenn ein Lehrmeister das Potenzial einer jungen Person erkenne, vermöge diese rasch Erstaunliches zu leisten.

Eine Schnupperlehre von einigen Tagen empfiehlt André Monhart aber erst, wenn der Jugendliche einen Beruf in die enge Wahl genommen hat. Die Schnupperlehre zeige dann, ob eine Ausbildung in diesem Beruf und eventuell in diesem Betrieb Sinn mache. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.10.2015, 00:52 Uhr

Breites Hilfsangebot

Wegweiser für Lehrlinge in Not

Diese Adressen bieten Informationen und unkomplizierte, konkrete Hilfe bei Problemen mit der Lehrstelle, bei Lehrabbruch und Lehrstellensuche.

www.berufsbildung.ch
Nationales Portal zur Berufsbildung

www.mba.zh.ch
Amt für Mittelschule und Berufsbildung mit Informationen zum Lehrvertrag, für Lernende und Betriebe

www.jobcaddie.ch
Schnelle Unterstützung und Begleitung für Jugendliche bei Lehr­abbruch und Lehrstellensuche

www.lehrlinge.ch
Unkomplizierte Fachstelle für Lehrlingsfragen

www.info-shop.ch
Jobshop, berufliche (Neu-)Orientierung und Arbeitsvermittlung in Zürich, Bern, Basel, Zug

www.yousty.ch
Interaktives, «jugendliches» Portal zur Lehrstellensuche

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