Zwangsferien im ausländischen Spital

Wer fern der Heimat verunfallt, möchte schnell nach Hause. Allerdings: Nur die wenigsten haben ein Anrecht auf eine Repatriierung.

In den USA kostet ein Tag im Spital bis 10'000 Dollar. Da braucht es zusätzlichen Versicherungsschutz. Foto: iStock

In den USA kostet ein Tag im Spital bis 10'000 Dollar. Da braucht es zusätzlichen Versicherungsschutz. Foto: iStock

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Jedes Jahr verunfallen gemäss der Statistik der Schweizer Unfallversicherungen etwa 50'000 Schweizer Ferienreisende im Ausland. Hinzu kommen unzählige Erkrankte. Sie alle landen wenn nötig in einem örtlichen Spital. Und vielen wird erst dann bewusst, dass nicht nur das gewählte Reiseland «exotisch» ist, sondern auch die dortigen Spitäler.

Das gilt besonders für Drittweltländer, wo andere hygienische Verhältnisse herrschen als zu Hause und wo es teilweise üblich ist, dass Angehörige bei der Pflege von Patienten mithelfen und sie mit dem Nötigsten versorgen. Eine Krankenkassen-Sprecherin erzählt von einem Fall, in dem ein verunfallter Tourist sechs Wochen lang in einem nepalesischen Spital ausharren musste, weil seine Verletzungen zu wenig schlimm waren für einen Nottransport, er aber doch nicht in der Verfassung war für einen Linienflug. Ein anderer Patient beklagte sich Anfang Jahr im «Blick» darüber, dass ihn seine Krankenkasse, die Swica, nicht aus einem bulgarischen Spital heimhole. Seine Matratze sei zerschlissen und voller Flecken, der Toilettenboden mit Urin bedeckt.

«Die Anspruchshaltung der Versicherten ist tendenziell gestiegen», stellt Swica-Kommunikationsleiterin Silvia Schnidrig fest. «Gewisse Patienten erwarten, dass weltweit innert dreier Stunden ein Ambulanzjet abflugbereit ist.» Doch damit verunfallte oder erkrankte Reisende überhaupt ein Anrecht haben auf eine Repatriierung, braucht es viel. Generell gilt: Die Rückführung in die Schweiz muss aus medizinischen Gründen nötig sein.

Beinbruch reicht nicht

Wer zum Beispiel mit einem Knochenbruch oder einer Hirnerschütterung im Spital liegt und keiner Operation bedarf, erfüllt diese Bedingung nicht. Er oder sie muss dann im Ferienland auf Besserung warten, auch wenn Hygiene und Komfort nicht dem heimischen Standard entsprechen. «Eine mangelhafte Spitalhygiene spricht vor allem bei Infektionen für eine rasche Rückführung», sagt die Swica-Sprecherin. Karin Hörhager, Medienleiterin der Schwei­zerischen Rettungsflugwacht (Rega), nennt weitere Kriterien, die beim Rückführungsentscheid eine Rolle spielen: Therapiemöglichkeiten vor Ort, zu erwartende Komplikationen, voraussichtliche Behandlungsdauer, Transportrisiko für den Patienten.

Drängt sich aus medizinischer Sicht keine Repatriierung auf, so verhilft auch eine Krankenkassen-Zusatzversicherung mit Auslandschutz oder eine Reise-Assistance-Versicherung dem Betroffenen nicht zu einer raschen Heimreise, denn das Kriterium der medizinischen Notwendigkeit gilt überall. Patientinnen und Patienten, die vor Ort ausreichend versorgt sind, müssen eine vorzeitige Rückreise somit selber berappen. Falls eine Rückführung aber medizinisch nötig ist, spielt es sehr wohl eine Rolle, wie man versichert ist:

Was welche Versicherung bezahlt

Wer nur die Grundversicherung bei seiner Krankenkasse hat, erhält keinen Beitrag an eine Repatriierung. Die Kassen übernehmen lediglich die Hälfte der Transportkosten innerhalb des Ferienlandes, maximal 500 Franken. Auch an Rettungskosten, also an den Kosten für die Befreiung aus einer Notlage, beteiligt sich die Grundversicherung nicht.

Zusatzversicherungen mit Auslandschutz sowie Reiseversicherungen übernehmen Rettungs-, Transport- und Repatriierungskosten oft unbegrenzt. Es lohnt sich aber, die allgemeinen Versicherungsbedingungen zu lesen und auf Einschränkungen zu achten.

Unfallversicherungen zahlen nach einem Unfall im Ausland aktuell maximal 25'200 Franken für Rettung, Transport und Rückführung. Eine Versicherung für Freizeitunfälle haben alle Angestellten, die mindestens acht Stunden pro Woche beim selben Arbeitgeber arbeiten. Alle anderen sind bei der Grundversicherung ihrer Krankenkasse gegen Unfälle versichert (und erhalten somit bei einer Repatriierung nichts).

Versicherer entscheidet

Welche Massnahmen bei einem Unfall oder bei einer Erkrankung angezeigt sind, entscheiden die Spezialisten der Versicherungen oder der Rega. Die Palette reicht von einer Verlegung in ein besser ausgerüstetes Privatspital im Reiseland über das Ausfliegen in ein Nachbarland bis hin zu einer Rückführung in die Schweiz. Letztere erfolgt nur in schweren Fällen mit einem Ambulanzjet, was schnell mehrere 10'000 Franken kosten kann. Häufiger sind Repatriierungen mit einem Linienflug, wobei die Patienten nötigenfalls von medizinischem Personal begleitet werden. Organisiert wird das alles von den Alarmzentralen der Versicherungen.

Bei der Reiseversicherung Allianz Global Assistance (vormals Elvia) stehen rund 100 Rückführungen mit Ambulanzjet pro Jahr weit über 1000 Repatriierungen mit Linienflug gegenüber, wie der Leiter Tourismus, Andy Keller, sagt. Er beobachtet eine Verlagerung hin zu komplizierten Fällen, «weil Senioren heute anspruchsvollere Ferien machen als früher und sogar noch auf den Kilimandscharo gehen. Tritt dann ein ­gesundheitliches Problem auf, sind sie schwieriger zu versorgen, weil sie oft nicht mehr transportfähig sind.»

Reise-Assistance-Versicherungen wie auch Schutzbriefe von Automobilverbänden übernehmen zwar die Folge­kosten eines medizinisch bedingten Reise­abbruchs – die Kosten für Arzt und Spital sind aber in der Regel nicht ­gedeckt. Dafür sind die Grundversicherung der Krankenkasse oder die Unfallversicherung zuständig. Wie viel sie ­bezahlen, hängt vom Reiseland ab.

Wieviel die Versicherungen nach Ort bezahlen

In den EU-Ländern sowie in Island, Liechtenstein und Norwegen haben Schweizer Touristen mit ihrer Krankenversicherungskarte Anspruch auf die gleichen Basisleistungen wie die Einheimischen. Das ist zuweilen deutlich weniger, als sie zu Hause erhielten. Die Versicherung muss die Behandlungskosten nach den Regeln des Reiselandes übernehmen. Das heisst, dass auch die dort gültigen Franchisen und Selbstbehalte zur Anwendung kommen. Sie sind teilweise höher als in der Schweiz und müssen meist vor Ort beglichen werden (Übersicht unter www.kvg.org ).

In allen anderen Ländern zahlt die Grundversicherung respektive die Unfallversicherung maximal das Doppelte dessen, was die gleiche Behandlung beim Arzt oder auf der allgemeinen Spitalabteilung zu Hause gekostet hätte.

Mit nur der Grundversicherung riskiert man somit in gewissen Ländern, einen grossen Teil der Behandlungskosten selber tragen zu müssen. Berüchtigt sind in diesem Zusammenhang die USA, wo ein Spitaltag bis 10'000 US-Dollar kosten kann – ohne Arzthonorare. Aber auch in Ländern wie Kanada, Japan, Australien, Neuseeland, Hongkong oder Singapur können hohe Heilungskosten am Patienten hängen bleiben. Hier empfiehlt sich der Abschluss einer Zusatzversicherung. «Das gilt auch für Reisen in ärmere Länder, wo man im Ernstfall lieber nicht auf der allgemeinen Abteilung liegen möchte», sagt Silvia Schnidrig von der Swica.

Rega ist keine Versicherung

Wer keine Zusatzversicherung mit Auslandschutz hat, kann bei seiner Krankenkasse eine beantragen. Meist ist es auch möglich, eine befristete Heilungskostenversicherung nur für die Ferien abzuschliessen. In beiden Fällen sollte man darauf achten, dass die Leistungen im Kleingedruckten summenmässig nicht begrenzt sind. Als dritte Variante bietet sich eine Reiseversicherung mit einem zusätzlichen Baustein für ungedeckte Arzt- und Spitalkosten an.

Eine Gönnerschaft bei der Rega ersetzt weder eine Reise-Assistance- noch eine Zusatzversicherung mit Auslandschutz. Denn deren Leistungspakete ­gehen über Repatriierungen hinaus. ­Zudem ist die Rega keine Versicherung – man erwirbt mit dem Bezahlen des Gönnerbeitrags also keinen Anspruch auf einen Rettungsflug. Die Rega hilft im Rahmen ihrer personellen und technischen Möglichkeiten und übernimmt nur jene Kosten, die von keiner Ver­sicherung getragen werden.

Erstellt: 21.06.2015, 23:31 Uhr

Tipps für Auslandreisende

Im Notfall sofort anrufen

Prüfen Sie vor den Ferien, ob Ihr Versicherungsschutz für das vorgesehene Reiseland ausreicht.

Achten Sie darauf, dass Sie möglichst nicht doppelt versichert sind. Die Leistungen der Krankenkassen-Zusatzversicherungen und der Reiseversicherungen überschneiden sich teilweise.

Bei Reisen ins Ausland ist es von Vorteil, die Grund- und die Zusatzversicherung bei derselben Krankenkasse zu haben, da sonst im Ernstfall ein Hin und Her zwischen den Kassen und damit ein Zeitverlust droht.

Tragen Sie Ihre Krankenversicherungskarte und die Telefonnummer der Alarm­zentrale Ihrer Reiseversicherung im Ausland immer auf sich.

Falls Sie zusatzversichert sind und im Ausland medizinische Hilfe benötigen, sollten Sie raschestmöglich die Notrufzentrale Ihrer Krankenkasse anrufen und sich die Kostenübernahme bestätigen lassen. In teuren Ländern wie den USA ist das auch für Grundversicherte empfehlenswert.

Wenn Sie die Reise wegen einer Erkrankung oder eines Unfalls vorzeitig abbrechen wollen, müssen Sie vorher die Zustimmung der Reiseversicherung einholen. Sonst riskieren Sie, dass Sie die Mehrkosten selber tragen müssen.

Kontaktieren Sie die Alarmzentrale vorzugsweise mit dem Mobiltelefon, damit Sie das Gespräch nötigenfalls mithilfe der Anrufliste auf Ihrem Handy beweisen können. Bewahren Sie Belege wie zum Beispiel Arztzeugnisse unbedingt auf.

Was viele nicht wissen: Versicherungen und Rega bieten über ihre Notfallnummern auch medizinische Beratungen in Nicht-Notfällen an (die Rega auch für Nicht-Gönner). Dank ihrem weltweiten Netzwerk können sie bei der Suche nach geeigneten Ärzten und Spitälern wertvolle Hilfe leisten. (thm)


Artikel zum Thema

«Viele Patienten sind verzweifelt»

Interview Wegen fehlender Kostenerstattung sei die Situation von schwer kranken Patienten mit Hepatitis C prekär, sagt Patientenvertreterin Bettina Maeschli. Mehr...

Versicherung muss auch Unfall von Praktikantin bezahlen

Eine Studentin verunfallte auf ihrem Arbeitsweg schwer. Die Visana weigerte sich zu bezahlen. Das Bundesgericht nennt ihren Einwand jetzt «nicht nachvollziehbar». Mehr...

Vielversprechender Wirkstoff gegen Malaria entdeckt

Ein Forscherteam mit Schweizer Beteiligung hat ein wirkungsvolles Mittel gegen Malaria entwickelt. Dieses tötet nicht nur gefährliche Erreger ab. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Weisse Pracht: Schneebedeckte Chalet-Dächer in Bellwald. (18. November 2019)
(Bild: Jean-Christophe Bott) Mehr...