Axa und Vaudoise als Beifahrer

Wer seine Fahrweise von der Versicherung überwachen lässt, erhält immer öfter einen Prämienrabatt. Die Gesellschaften argumentieren mit der Verkehrssicherheit, Datenschützer sind skeptisch.

Kontrolle des eigenen Fahrstils: Fahrtenschreiber der Axa. Foto: Sven Germann

Kontrolle des eigenen Fahrstils: Fahrtenschreiber der Axa. Foto: Sven Germann

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Was in England und Spanien bereits Alltag ist, hält nun auch in der Schweiz Einzug: die vom eigenen Fahrverhalten abhängige Autoversicherungsprämie, genannt «Pay as you drive» («Zahle, wie du fährst»). Nach der Axa-Winterthur im Jahr 2014 bietet seit Mitte April auch die Vaudoise ihren Kunden einen Fahrtenschreiber an, der sich mit wenigen Handgriffen im Auto montieren lässt. Dieser Drive Recorder mit integriertem GPS zeichnet Datum, Uhrzeit, Position sowie die Kräfte auf, die beim Beschleunigen, Bremsen und in den Kurven wirken (bei Axa zusätzlich Geschwindigkeit, Kilometerleistung und Strassentyp). Via Mobilfunknetz werden die Daten laufend an den Versicherer übermittelt. Die Idee dahinter: Wer aggressiv fährt und vor allem im Stadtverkehr unterwegs ist, soll mehr zahlen als ein vorsichtiger Lenker auf dem Land.

Anhand der ausgewerteten Daten bilden die Versicherer drei Kundengruppen. Das defensivste Drittel erhält den höchsten Prämienrabatt, die übrigen entsprechend weniger. Bei der Axa-Winterthur locken 25, 20 oder 15 Prozent Ermässigung, bei der Vaudoise 30, 20 oder 10 Prozent. Das heisst auch: Wer bereit ist, in seinem Auto eine Blackbox zu installieren, spart unabhängig von seinem Fahrstil. Damit wirbt die Axa-Winterthur auf ihrer Website: «Sie erhalten mindestens 15 Prozent Rabatt, egal wie Sie fahren.» Und bei der Vaudoise heisst es: «Egal was passiert, Sie profitieren!»

Während sich das Angebot der Axa-Winterthur an Junglenker bis 25 Jahre richtet, geht die Vaudoise mit ihrer neuen Versicherung «Avenue Smart» darüber hinaus. Wer sie bis 30 abschliesst, erhält den Rabatt bis 33. Bisher nahmen die Versicherer vorab Junglenker ins Visier, weil diese am meisten Unfälle verursachen. Für Fachleute ist aber klar, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis sich die am individuellen Fahrverhalten orientierten Tarife auf breiter Front durchsetzen. «Wir gehen davon aus, dass solche Lösungen zusehends breiter am Markt verfügbar sein werden», sagt eine Sprecherin von Axa-Winterthur. Rechtsanwalt Arnold Rusch, Professor an der Universität Freiburg, beobachtet diese Entwicklung mit Sorge: «Es besteht die Gefahr, dass Autolenker, die sich nicht auf jedem Meter überwachen lassen wollen, in den Verdacht geraten, potenzielle Verkehrssünder zu sein.»

Missbrauchsgefahr ist gross

Hier hakt der Eidgenössische Datenschutzbeauftragte Jean-Philippe Walter ein: «Die versprochenen Preisvorteile könnten Versicherte mit geringem Risiko dazu veranlassen, eine ‹Pay as you drive›-Police zu wählen. Bei den herkömmlichen Tarifen verblieben dann nur noch die risikoreichen Autofahrer und solche, denen die Datenbearbeitungen zu weit gehen. Deren Prämien könnten signifikant steigen, was sie faktisch zwingen würde, auf ‹Pay as you drive› zu wechseln, um keine übermässigen finanziellen Nachteile zu erleiden.»

Walter befürchtet auch, dass Versicherer die gesammelten Daten für andere Zwecke nutzen: «Ein aufgrund der Fahrweise erstelltes Risikoprofil könnte über die Motorfahrzeugversicherung hinaus auch für eine Lebens-, Invaliditäts- oder Unfallversicherung verwendet werden und im schlimmsten Fall dazu führen, dass die betroffene Person nicht aufgenommen wird.» Die Erfahrung habe gezeigt, dass neue Möglichkeiten der Datenerhebung schnell neue Begehrlichkeiten weckten. Deshalb müsse gesetzlich geregelt werden, wer unter welchen Umständen Zugriff auf die gesammelten Daten haben soll.

Neue Möglichkeiten der Datenerhebung wecken neue Begehrlichkeiten.

Die Vaudoise betont, sie sei sich des Problems bewusst: «Als Versicherer in den Bereichen Leben und Nichtleben spielt der Datenschutz für uns eine fundamentale Rolle.»

Das Gesetz schreibt den Gesellschaften vor, ihre Kunden im Voraus detailliert zu informieren, welche Daten wann und wie erhoben, gespeichert oder ausgewertet werden. Zudem dürfen sie nur Daten sammeln, die sie für die Prämiengestaltung unbedingt brauchen. Der Datenschützer schlägt darüber hinaus eine Zertifizierungspflicht für Drive Recorder vor. Wünschbar wären aus seiner Sicht Geräte, die selber eine erste Auswertung machen, indem sie die gesammelten Informationen in Punkte umwandeln. Der Versicherer erhielte dann nur den Gesamtpunktestand, erführe aber nicht, wann der Kunde wo und wie schnell unterwegs war.

Um exzessive Auswertungen bis hin zum «gläsernen Fahrer» zu verhindern, empfiehlt Jean-Philippe Walter den Versicherern eine dezentrale Speicherung. Doch diese Forderung scheint noch nicht überall angekommen zu sein: Die Vaudoise gibt an, die Daten seien «bei unserem Partner in Italien gespeichert». Die Axa-Winterthur lagert die Daten «in Italien und in der Schweiz». Und die Allianz Suisse speichert sie im firmeneigenen Rechenzentrum in München.

Getarnter Fahrtenschreiber

Die Allianz Suisse kommt hier ins Spiel, weil sie ihren Kunden seit 2011 ein Gerät anbietet, das ähnliche Möglichkeiten eröffnet wie ein Drive Recorder. Die «Helpbox» löst nach einem Unfall automatisch einen Notruf aus. Zu diesem Zweck übermittelt sie ständig Position, Datum, Zeit, Geschwindigkeit, Fahrtrichtung sowie Längs- und Querbeschleunigung an den Server nach München, wo die Daten ein Jahr gespeichert werden. Kunden erhalten dafür 10 Prozent Prämienrabatt.

Im Unterschied zu Axa-Winterthur und Vaudoise beeinflusst der Fahrstil die Prämie nicht. Zwar wäre es für die Allianz Suisse ein Leichtes, mithilfe der gespeicherten Daten risikogerechte Prämien festzulegen. Ein Sprecher versichert aber, dass die Daten «ausschliesslich zur Bereitstellung der angebotenen Sicherheitsdienstleistungen erhoben werden». Einzig nach einem Unfall würden die Daten in Einzelfällen analysiert. Damit kann die Allianz dem Kunden beispielsweise nachweisen, dass er einen Unfall grobfahrlässig verursacht hat. Umgekehrt können die Daten den Fahrzeuglenker auch entlasten. Versicherte mit Helpbox müssen sich aber bewusst sein, dass sie unter Umständen Beweise gegen sich selber sammeln.

Man beobachtet sich gegenseitig mit Argusaugen, will sich aber nicht die Finger verbrennen.

Die Allianz Suisse betont den Beitrag ihrer Box zur Verkehrssicherheit. Kritiker monieren indessen, es gehe Versicherern mit solchen Angeboten auch um den exklusiven Zugriff auf Unfalldaten: Wer den ersten Zugriff hat, dem winkt ein Zusatzgeschäft mit Rettungsdiensten, Abschleppfirmen und Garagen.

Ein «Pay as you drive»-Produkt ist laut Allianz Suisse «aktuell nicht geplant». Ähnlich tönt es bei der Basler Versicherung, Generali und Helvetia. Die Mobiliar und die Zurich haben Tests mit Mitarbeitenden durchgeführt, zögern aber noch mit der Einführung. Allgemein gilt: Man beobachtet sich gegenseitig mit Argusaugen, will sich aber nicht die Finger verbrennen.

So sind bei den meisten Versicherern zurzeit noch Kriterien wie Fahrzeugtyp, frühere Schadenfälle, Geschlecht, Alter oder Nationalität des Autohalters für die Prämienhöhe massgebend. Für die Kunden hat das den Vorteil, dass ihre Fahrweise nicht überwacht wird. Vorsichtige Autofahrer, die einer schadensgeneigten Bevölkerungsgruppe angehören – etwa Junglenker –, zahlen aber eigentlich zu viel. Ihr zurückhaltender Fahrstil wird von den meisten Versicherern (noch)nicht honoriert.

Erstellt: 08.05.2016, 17:47 Uhr

Drive Recorder als Spion

Halter kann Lenker ausspähen

Kunden mit Drive Recorder von Axa Winterthur oder Vaudoise können auf deren Websites oder über eine Mobile-App alle zurückgelegten Strecken sowie die Bewertung ihres Fahrverhaltens einsehen. Darüber hinaus lässt sich die Fahrweise analysieren.

Leiht man seinen Wagen einer fremden Person aus, so werden deren Fahrstil und Routen aufgezeichnet. Der Autohalter kann den Lenker somit überwachen. Deshalb fordert die Vaudoise ihre Kunden im Versicherungsprospekt auf, fremde Lenker vorab über die Aufzeichnung zu informieren. Bei häufigen Ausleihen kann die Fahrweise der Lenker auch einen Einfluss auf die Bewertung und damit auf die Höhe der Prämie haben.

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