Das Geschäft mit den kleinen Patienten

Viele Eltern schliessen für ihre Kinder private Krankenversicherungen ab. Laut Experten ist der Nutzen einer solchen Versicherung gering.

Kinderspitäler sind heute eigentlich nicht für Privatpatienten eingerichtet – sie bieten aber trotzdem Behandlungen in Einbettzimmern an. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Kinderspitäler sind heute eigentlich nicht für Privatpatienten eingerichtet – sie bieten aber trotzdem Behandlungen in Einbettzimmern an. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

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Erwachsene verzichten zunehmend auf eine Privatversicherung bei ihrer Krankenkasse, weil die Kosten dafür im Alter steigen. Bei Kindern zeigt der Trend gerade in die umgekehrte Richtung: Die Helsana und weitere Versicherer bestätigen, dass Kinder zunehmend Zusatzversicherungen Privat, Halbprivat oder Flex erhalten. Das Flex-Modell erlaubt ihnen oder ihren Eltern, jeweils vor einem Spitaleintritt zu entscheiden, ob die Behandlung privat oder halbprivat erfolgen soll.

Auch Spitäler bestätigen den Anstieg. Am Universitätskinderspital Zürich waren 2011 noch 10,6 Prozent der stationären Patienten zusatzversichert – 2018 waren es mit 19,7 Prozent fast doppelt so viele. Am Berner Inselspital stieg der Anteil in den Kliniken für Pädiatrie, Kinderchirurgie und im Notfallzentrum für Kinder im gleichen Zeitraum von 3,6 auf 9,3 Prozent.

Benötigen die Kinder bei einem Spitalaufenthalt tatsächlich die Vorteile einer Privatversicherung wie Einzelzimmer, freie Arztwahl, Betreuung durch den Chefarzt oder eine breitere Menüauswahl? Fachleute verneinen diese Frage. Eigentlich sind Kinderspitäler gar nicht dafür ausgestattet. Die Einzelunterbringung ist die Ausnahme und findet zum Beispiel bei hoch ansteckenden Krankheiten statt. Aber natürlich lässt sich mit wenig Aufwand aus einem Mehrbett- auch ein Privatzimmer herrichten. Mehrere Fachleute betonen gar, dass bei Kindern der Heilungsprozess grundsätzlich besser verlaufe, wenn sie nicht allein in einem Raum seien.

Kaum Vorteile

Ob die Behandlung durch den Chefarzt besser ist, hält Felix Schneuwly von Comparis aufgrund der fehlenden Qualitätstransparenz nicht für erwiesen. Auch das Argument der freien Arztwahl überzeugt ihn nicht. Denn bei geplanten Eingriffen könnten auch allgemein Versicherte den Arzt vor dem Spitaleintritt frei wählen. Zudem ­würden in komplexeren Fällen ohnehin erfahrene Experten hinzugezogen. Und schliesslich gehe einem Spitalaufenthalt von Kindern oft ein Notfall voraus – da werde nicht nach Versicherungsstatus differenziert.

Diesen Argumenten stimmen grundsätzlich auch Stefan Thurnherr, Versicherungsexperte bei der Beraterin VZ Vermögenszentrum, und Stephan Wirz von der Versicherungsvermittlerin Maklerzentrum Schweiz zu. Doch haben beide für ihre eigenen Kinder eine solche Zusatzversicherung abgeschlossen. Thurnherrs Kinder sind bereits erwachsen. Rückblickend zieht er das Fazit, der Privatzusatz wäre nicht nötig gewesen. Stephan Wirz machte die Erfahrung, dass eine Klinik aufgrund der Privatversicherung seines Kindes eine längere Aufenthaltsdauer anbot. Auch er verneint im Grundsatz, dass eine Privatversicherung im Kindesalter entscheidende Vorteile habe.

Kinderspitäler nennen auf Anfrage Mehrleistungen bei privat versicherten Kindern wie Gratisparkplätze für Eltern, Multimediaangebot und anderes mehr. Die Krankenversichererin Innova teilt allerdings mit, dass sie solche Kosten nicht übernehme, da diese nicht mit der medizinischen Behandlung im Zusammenhang stünden.

Preise steigen mit dem Alter

Fachleute nennen mehrere Gründe für die steigende Nachfrage nach Privatversicherungen für Kinder. Im Vordergrund steht dabei der Preis: Anders als bei Erwachsenen ist die finanzielle Hürde bei Kindern vergleichsweise tief. Eine Umfrage bei den vier Krankenversicherern Helsana, CSS, Innova und Visana für die Kantone Zürich, Bern und Basel-Stadt ergibt für das beliebte Flex-Modell Monatsprämien, die fast immer unter 20 Franken ­liegen. Je nach Leistungen und Selbstbehalt können es auch mehr oder klar weniger als 10 Franken sein. Bei Halbprivat liegt die Bandbreite zwischen knapp 12 und 24 Franken. Bei der Privatversicherung schliesslich zwischen knapp 20 und fast 49 Franken pro Monat. Teilweise gibt es Reduktionen für Familien.

Es besteht ein geringes Risiko, dass Kinder später aufgrund einer gesundheitlichen Beeinträchtigung nicht mehr zu einer Privatversicherung zugelassen werden. «Manche Eltern wollen daher ihren Kindern diesen Zugang frühzeitig sichern», sagt Stephan Wirz vom Maklerzentrum Schweiz. Die vergleichsweise günstigen Prämien für Kinder würden den Anreiz erhöhen. Schneuwly fügt hinzu, dass die Wertschätzung gegenüber Kindern steige, was auch in einer besseren Gesundheitsversicherung zum Ausdruck komme. Dies illustriert er am Beispiel der Zahnpflege: «Vor wenigen Jahrzehnten war eine Zahnstellungskorrektur noch die Ausnahme, heute müssen sich Eltern Vorwürfe gefallen lassen, wenn sie diese oft teuren Behandlungen vernachlässigen.» Und im Ge­gensatz zu einer Privatversicherung für Kinder würden alle drei befragten Experten eine Zusatzversicherung für Zahnstellungskorrekturen bei Kindern uneingeschränkt empfehlen.

Erstellt: 15.09.2019, 18:07 Uhr

Wie Kinderspitäler und Ärzte von privat versicherten Patienten profitieren

Kinderspitäler arbeiten momentan defizitär, weil die Tarife nicht kostendeckend sind. Die Politik hat das Problem längst erkannt – verschiedene Vorstösse sind hängig. Der finanzielle Druck erhöht auch den Anreiz, mit privat versicherten Patienten zusätzliche Erträge zu erwirtschaften. Während allgemein Versicherte bei vielen Behandlungen Verluste bescheren, kann ein Spital bei halbprivat oder privat Versicherten deutlich höhere Beträge in Rechnung stellen.

Die Krankenkasse Innova, die viele Kinder mit einem Flex-Modell versichert, bestätigt «Einzelfälle», bei denen «die Kinder in einem Mehrbettzimmer hospitalisiert wurden, durch einen Oberarzt betreut und das Ganze danach als Privatbehandlung kommuniziert und in Rechnung gestellt wurde». Zu einer Privatbehandlung gehören eigentlich ein Einbettzimmer sowie eine Betreuung durch den Chefarzt. Die Innova ist aber auch skeptisch, wenn Kinder allein in einem Zimmer liegen, nur damit sie privat abgerechnet werden können: Eine sinnvolle Überwachung und der positive Effekt von einem sozialen Austausch unter Kindern im Mehrbettzimmer «scheinen hier der Möglichkeit, Mehrerträge zu generieren, untergeordnet zu werden».

Ein grosses Kinderspital bestätigt, dass solche Fälle schon vorgekommen sind. Doch dabei habe es sich «um Versehen» gehandelt, wenn zum Beispiel ein Bettenwechsel nicht korrekt vermerkt worden sei. Wenn Eltern dies feststellten, werde die Rechnung sofort korrigiert.

Steigende Prämien

Nur Versehen? Oder doch auch eine allzu grosszügige Auslegung des Ermessensspielraums? Die Innova erwartet jedenfalls aufgrund der zunehmend teuren Behandlungen von Kindern zum Privattarif auch Korrekturen in den Tarifverträgen und bei den Prämien, die steigen dürften.

Stephan Wirz von der Krankenversicherungsvermittlerin Maklerzentrum Schweiz machte persönlich die Erfahrung, dass ein Spital bei einem privat versicherten Kind die Aufenthaltsdauer verlängerte. Als sein ältestes Kind die Mandeln schneiden lassen musste, plante das Spital zunächst einen ambulanten Eingriff. Die Übernachtung im Spital, die deutliche Mehrkosten verursacht, wäre somit entfallen. Aufgrund einer Flex-Versicherung konnte Wirz jedoch beim Spitaleintritt sein Kind für die private Abteilung anmelden. Darauf erhielt er vom Spital das Angebot, dass der Spitaleintritt bereits am Vorabend erfolgen und das Kind zusätzlich noch eine weitere Nacht zur Beobachtung im Spital bleiben kann, wie Wirz erzählt. Er nahm das Angebot an, und die Mutter übernachtete mit ihrem Kind im Spital. Rückblickend sagt Wirz, dass die Aufenthaltsdauer von zwei Nächten nicht unbedingt nötig gewesen wäre: «Beim jüngeren Sohn fand der gleiche Eingriff ambulant statt – er hat es auch problemlos überstanden.»

Fehlanreiz für Ärzte

Da viele Spitäler die behandelnden Ärzte anteilmässig an den Zusatzeinnahmen durch Privatpatienten beteiligen, haben diese auch einen finanziellen Anreiz, Patienten länger im Spital zu behalten. Einzelne Kliniken wie das Universitäts-Kinderspital Zürich haben diesen Fehlanreiz abgeschafft, indem sich dort die Privatbehandlung von Patienten nicht mehr im Gehalt niederschlägt.

Die Krankenversicherer Helsana, CSS und Visana konnten bisher keine Missbräuche nachweisen. Sie teilen aber auch mit, dass ein solcher Nachweis bei der formalen Überprüfung der Rechnungen fast nicht möglich sei. Die CSS fordert deshalb Kunden auf, die Spitalrechnung zu prüfen und eine falsche Abrechnung mitzuteilen.

Für viele Eltern gibt es allerdings auch eine Hemmschwelle, die Rechnung des Arztes, der ihr Kind behandelt, kritisch zu hinterfragen. Auch der finanzielle Anreiz fehlt, da die Rechnung ­ohnehin durch die Krankenkasse bezahlt wird. (ki)

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