Schweizer Steuerhinterziehern läuft die Zeit davon

Bis Ende Woche können unversteuerte Vermögen noch freiwillig gemeldet werden. Danach droht eine Busse – selbst bei kleinen Beträgen.

Wer im Ausland unversteuertes Vermögen hat, könnte demnächst auffliegen: Ein Mann versteckt Geld.

Wer im Ausland unversteuertes Vermögen hat, könnte demnächst auffliegen: Ein Mann versteckt Geld. Bild: Thomas Willemsen

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Die kürzlich erfolgte Ankündigung der Eidgenössischen Steuerverwaltung klingt technokratisch, doch sie hat es in sich: «Die Kenntnis für dem automatischen Informationsaustausch unterliegende Steuerfaktoren wird spätestens ab dem 30. September 2018 vorausgesetzt», heisst es in der Mitteilung. Das bedeutet erstens, dass Steuerhinterzieher ab Oktober mit Daten aus dem automatischen Informationsaustausch (AIA) überführt werden können.

Zweitens heisst es auch, dass die letzte Schonfrist für Schweizerinnen und Schweizer mit unversteuertem Geld im Ausland in wenigen Tagen abläuft und dass sie nebst Nachsteuern mit Bussen rechnen müssen. Nicht betroffen sind inländische Konten von Schweizern.

Wer bis Ende September unversteuerte Gelder freiwillig offenlegt, geht hingegen straflos aus und muss keine Busse zahlen. Fällig werden aber auch so Nachsteuern für die vergangenen zehn Jahre und Verzugszins. ­Diese «Mini-Steuer-Amnestie» gibt es seit 2010 – demnach dürfen sich Schweizerinnen und Schweizer einmal im Leben straflos selber anzeigen, um hinterzogenes Geld offenzulegen.

Mehr Spielraum?

Die Eidgenössische Steuerverwaltung schreibt zwar in ihrer Mitteilung, dass die straflose Selbstanzeige ab Oktober nicht mehr möglich sei. Doch Fachleute bezweifeln, dass sich diese Frist in jedem Fall rechtlich durchsetzen lässt. «Auch wer ­etwas später ist, könnte noch Chancen haben, eine Busse zu vermeiden», sagt Denis Boivin, Leiter Steuern und Recht bei der Wirtschaftsprüferin BDO.

Der Grund: Gemäss Gesetz können Steuerpflichtige so lange die einmalige straflose Selbstanzeige einreichen, bis die Steuerbehörden auf anderem Weg vom nicht deklarierten Geld erfahren haben. Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass die kantonalen Steuerverwaltungen schon Anfang Oktober alle Kontoinformationen analysiert haben, die sie aus dem Ausland über Schweizer Bürgerinnen und Bürger erhalten haben.

Das kantonale Steueramt Zürich teilte auf Anfrage mit, dass es erst Ende Jahr mit Datenlieferungen rechnet. Hinzu kommt, dass der AIA mit einer Reihe von Ländern ein Jahr später beginnt: «Wer zum Beispiel in Liechtenstein ein Konto hat, muss noch nicht überstürzt alles offenlegen», sagt Philipp Zünd, Steuerexperte bei der Wirtschaftsprüferin KPMG, wo er sich in den vergangenen Jahren hauptsächlich mit Fragen zum automatischen Informationsaustausch beschäftigte. Mit den Begriffen «AIA» und «Liste der Partnerstaaten» finden Interessierte über eine Internetsuchmaschine eine Aufstellung, die zeigt, wann die jeweiligen Abkommen mit den einzelnen Ländern in Kraft treten.

Ab Oktober können Steuerhinterzieher wegen des internationalen Datenaustauschs überführt werden.

Es wäre aber falsch, dies als Einladung zu verstehen, weiterhin Steuern zu hinterziehen oder eine Deklaration hinauszuzögern. Denn das macht die Sache nicht besser. Und ab Oktober steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Kontrolleure auf den Steuerverwaltungen Informationen erhalten. In einigen Kantonen könnte es schneller gehen. Die Berner Steuerverwaltung rechnet damit, dass andere Staaten die im Jahr 2017 gesammelten Daten spätestens bis Ende September an die eidgenössische Steuerverwaltung übermitteln und dass sie im November Einsicht erhält.

Mit dem AIA werden zwar nur Kontostände und Vermögenserträge übermittelt. Doch ein Konto mit kleinem Saldo kann für Steuerbehörden ein Indiz für ein nicht deklariertes Ferienhaus im Ausland sein. Der Nachweis sei zwar schwierig, sagt Zünd.

Auch Versicherungen liefern Daten

Dennoch empfiehlt er, Immobilien im Ausland dem Fiskus in der Schweiz zu melden. Denn «irgendwann wird das Haus verkauft und der Besitzer hat Probleme mit dem vielen Schwarzgeld.» Und schliesslich geht oft vergessen, dass mit dem AIA nicht nur Banken, sondern auch Versicherungen Daten liefern.

In der Schweiz leben einige Ausländer, die in ihrem Herkunftsstaat eine Lebensversicherung mit Rückkaufswert abgeschlossen haben. Auch das gilt als Steuerhinterziehung, wenn der Rückkaufswert nicht deklariert wird.

Auslandschweizer betroffen

Der AIA trifft nicht nur Schweizer mit Geld im Ausland, sondern auch Auslandschweizer mit Vermögen hier. Es kommt öfter vor, dass Schweizer in einem anderen Staat nur das versteuern, was sie dort einnehmen und besitzen. «In Ländern mit hoher Kriminalitätsrate geschieht das auch, um sich zu schützen – dort fehlt das Vertrauen in die Behörden», sagt Zünd.

Mit dem AIA gehen nun Daten von Schweizer Banken an die Steuerverwaltung in anderen Ländern. Die Sanktionen gegen Steuersünder unterscheiden sich von Land zu Land. Manchmal ist die Teilnahme an einem Steueramnestieprogramm möglich, manchmal drohen aber auch hohe Nachzahlungen, die 30 Prozent des Vermögens ausmachen können.

Als Notfall-Szenario wäre ein kurzfristiger Wohnsitzwechsel in die Schweiz denkbar. Doch ob das eine Steuerstrafe verhindern würde ist umstritten. Philipp Zünd rät davon ab. Er meint, trotzdem könnte der ausländische Fiskus vom Schwarzgeld erfahren und versuchen die Nachsteuern und Bussen einzufordern.

Erstellt: 23.09.2018, 18:22 Uhr

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