Diese Fragen sollten Anleger stellen

Wer Wichtiges rechtzeitig abklärt, kann bei Geldanlagen böse Überraschungen weitgehend vermeiden.

Richtig gerechnet? Böse Überraschungen lassen sich mit einer guten Beratung weitgehend vermeiden. Foto: Pexels.com

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Es kommt immer wieder vor, dass ­Kunden bei Anlagegeschäften viel Geld verlieren und dafür eine schlechte ­Beratung verantwortlich machen. Der Bankenombudsmann hat dazu mehrere Beispiele veröffentlicht. In einem Fall kaufte eine Kundin ein strukturiertes Produkt. Es verlor deutlich an Wert.

Als eine bestimmte Limite unterschritten war, wurde es in Aktien um­gewandelt. Das Aktienpaket war relativ gross und machte vier Fünftel ihrer Wertschriften aus. Leider setzte sich die Talfahrt fort: Die Aktien sackten um weitere 70 Prozent ab. Die Kundin stellte frustriert fest, dass sie deutlich mehr verloren hatte als Kollegen, die vergleichbare Papiere besassen. Deshalb intervenierte sie bei ihrem Finanz­­­institut und schliesslich beim Banken­ombudsmann.

Krisenszenarien simulieren

Böse Überraschungen lassen sich mit einer guten Beratung weitgehend vermeiden. Doch was gehört zu einer guten Beratung? Philip Hürlimann ist bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB) verantwortlich für Beratungsprozesse. Als wichtigsten Punkt nennt er, die Risikobereitschaft eines Kunden sehr sorgfältig abzuklären. Manche sprechen auch vom Risikoappetit oder von der Risikoneigung. Wie viel jemand riskieren will, ist eine Frage der persönlichen Einstellung. Bekanntlich kann ein hohes Risiko einem Anleger aber nicht nur traumhafte Gewinne bescheren, sondern auch albtraumhafte Verluste.

Mit solchen Bandbreiten fühlen sich viele Anleger nicht wohl. Um schlaflosen Nächten vorzubeugen, rät Hürlimann, sich für verschiedene Anlagestrategien auch schlechte Szenarien vorrechnen zu lassen. Wie andere Finanzinstitute können die Berater der ZKB auf einem Tablet zeigen, was den Kunden erwarten könnte. Auf der Basis von realen Zahlen der vergangenen 25 Jahre zeigt der Rechner zum Beispiel, wie viel Wert ein bestimmtes Anlageportfolio während der letzten Finanzkrise verloren hätte. «Das lässt sich nicht nur in Prozent, sondern auch in absoluten Zahlen darstellen — so können selbst Laien ein gutes Gespür dafür entwickeln, welches Risiko sie eingehen», sagt Hürlimann.

Aus der Verhaltensökonomie ist bekannt, dass die Empfindungen bei Verlust und Gewinn unterschiedlich stark sind: Verluste schmerzen mehr, als Gewinne Freude bereiten. Manche Berater halten es deshalb für wichtig, nicht nur kurzfristige Verluste, sondern den gesamten Leidensweg zu skizzieren. Denn wenn jemand eine Aktienbaisse aussitzen muss, ist Geduld gefragt: Oft dauert es mehrere Jahre, bis das Vermögen den ursprünglichen Wert wieder erreicht hat. Es gäbe die Möglichkeit, bei der Risi­kobeurteilung noch einen Schritt weiterzugehen. Die Berner Valiant-Bank prüft derzeit die Einführung eines spielerischen Tests, der unter anderem zeigen soll, wie ein Kunde mit Risiken und Verlusten umgeht.

Die Ergebnisse könnten auch ins Anlegerprofil einfliessen. Neben der Risikobereitschaft muss auch eingehend geprüft werden, über welche Mittel ein Kunde überhaupt verfügt. Fachleute sprechen dabei von der Risikofähigkeit. Bei tieferen Vermögen oder Einkommen ist es ratsam, höhere Risiken vorneweg auszuschliessen. Manche Berater rechnen aus, wie viel ein Kunde von seinem Vermögen verlieren kann, ohne in finanzielle Engpässe zu geraten. Experten sprechen von der «Verlustkapazität». Wenn dieser Wert anteilsmässig bei mindestens 45 Prozent liegt, gibts in der Regel genügend Handlungsspielraum für eine breite Auswahl an Vermögensgeschäften.

Kein Finanzberater kennt die Zukunft. Und öfters sind Vorhersagen falsch. Und trotzdem verlangen fast alle Anleger danach.

Experten sagen, dass ein Erstgespräch für eine seriöse Beurteilung mindestens 90 bis 120 Minuten dauert. Wichtig ist dabei zum Beispiel, wie viel Geld ein Kunde sparen kann. Es geht aber nicht nur um Zahlen, sondern auch um die Lebenssituation. Daraus lässt sich zum Beispiel ableiten, wie viele flüssige Mittel ein Anleger mittelfristig benötigt. «Ich muss Kunden oft auf Themen aufmerksam machen, auf die sie selber nicht gekommen wären», erzählt ein Kundenberater. So denken manche nicht daran, dass eine Haussanierung, ein neues Auto oder kostspielige Zahnstellungskorrekturen für die Kinder fällig werden. Geld, das in den kommenden fünf Jahren benötigt werden könnte, sollte nicht in Wertpapiere angelegt werden.

Standardisierte Verfahren, wie sie die ZKB und die Valiant nutzen, bieten eine gewisse Gewähr, dass die entscheidenden Elemente gewissenhaft erörtert werden. Nutzen Finanzberater das Erstgespräch vor allem, um lukrative Finanz­produkte anzubieten, ist Vorsicht ge­boten. Sie haben zudem tendenziell ein Interesse daran, auf eine «Wachstumsstrategie» mit risikoreicheren Papieren zu setzen, da diese oft höhere Gebühren und Margen einbringen als eine konservative Strategie. Erkundigen Sie sich nach der Anlagephilosophie der Bank oder der Vermögensverwaltung: Gibt es überhaupt eine? Welche? Zum Beispiel setzt die Valiant bewusst auf eher ­konservative Strategien.

Keineswegs sind immer nur die Finanzberater schuld an Verlusten, wie die unabhängige Bankrechtsprofessorin Susan Emmenegger von der Universität Bern feststellt. So verzichten Kunden auf die umfassende Betreuung im Rahmen eines Vermögensverwaltungs- oder Anlageberatungsvertrages, weil sie Kosten sparen wollen. Stattdessen entscheiden sie selbstständig oder setzen generelle Anlagetipps ihrer Bank um. Sie tragen so ein höheres Risiko.

Vorsorgen gegen Überraschungen

Problematischer sind Prognosen. Denn Tatsache ist: Kein Finanzberater kennt die Zukunft, sonst würde er ziemlich sicher keine Tipps mehr geben. Öfters sind die Vorhersagen falsch. Und trotzdem verlangen fast alle Anleger danach. Wie bei der Risikobeurteilung anhand vergangener Ereignisse ist es auch hier empfehlenswert, in Szenarien zu arbeiten. Hürlimann hält es für ideal, dem Kunden eine optimistische, eine erwartete und eine pessimistische Variante zu unterbreiten. Eine solche Bandbreitenangabe hilft, das finanzielle Wagnis ­einzuschätzen. Die folgende Auswahl an Hinweisen kann schliesslich in einigen Fällen dazu beitragen, unliebsamen Überraschungen vorzubeugen:

  • Nicht sofort entscheiden Nach dem Gespräch mit dem Anlageberater sollte der Kunde seine Anlagestrategie überschlafen.
  • Kosten vergleichen Bei Gebühren aller Art gibt es oft grosse Unterschiede. Der Vergleichsdienst Moneyland.ch ­bietet eine gute Auswahl.
  • Nur kaufen, was man versteht Bei einem komplexen Finanzprodukt kann ein Anleger in der Regel das Risiko weniger gut einschätzen.

Securities Lending und Retrozessionen: «Finger weg!» raten hier verschiedene Experten. Beim Securities Lending (Wertpapierleihe) trägt der Kunde viel Risiko und bei Retrozessionen entstehen mit Kommissionen für bestimmte Wertpapierverkäufe falsche Anreize.

Im eingangs erwähnten Fall stützte der Bankenombudsmann am Ende die Kundin, die viel Geld verloren hatte. Da sich vier Fünftel des Aktienportfolios auf ein Papier konzentrierten, kam er zum Schluss, dass ein Klumpenrisiko vorliege. Um dieses zu verhindern, sollte das Vermögen in der Regel auf mindestens zehn verschiedene Titel verteilt werden, was hier nicht der Fall war. Die betroffene Bank lenkte ein und unterbreitete ein «Vergleichsangebot», das die Kundin akzeptierte. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.03.2018, 20:48 Uhr

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Besteht zwischen Kunde und Bank ein Vermögensverwaltungs- oder Anlageberatungsvertrag, haftet das Finanzinstitut bei Fehlern, nicht aber allein bei Kursverlusten. «Wer eine seriöse Beratung wünscht, sollte mit der Bank einen entsprechenden Vertrag abschliessen», sagt Susan Emmenegger, Professorin für Bankenrecht an der Universität Bern. Gemäss Bundesgericht kann eine Bank unter Umständen auch ohne Vertrag haftbar werden. Doch die Prozesskosten sind hoch, sodass die meisten Kunden ein Ver­fahren meiden. Deshalb ist es ohne klaren Vertrag für Vermögensverwaltung oder Anlageberatung besonders ratsam, sich nicht zu riskanten Anlagen verleiten zu lassen. (ki)

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