Firma bekämpft Manipulation im Sport

Sport X-Ray will das Bewusstsein für die Praktiken organisierter Krimineller fördern.

Manipulierte Sportwetten sorgen weltweit für jährliche Einnahmen von umgerechnet bis zu 1600 Milliarden Franken. Foto: Getty Images

Manipulierte Sportwetten sorgen weltweit für jährliche Einnahmen von umgerechnet bis zu 1600 Milliarden Franken. Foto: Getty Images

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Es ist ein Milliardenmarkt. Käuflich, korrupt, kriminell. Die EU-Kommission beziffert die Summe illegaler Sportwetten auf 300 Milliarden bis 1,5 Billionen Euro jährlich. Dazu kommen 420 Milliarden legaler Sportwetten. Strafverfolger sind sich einig: Nach den strengeren Regulierung für Finanzintermediäre und der zunehmenden Überwachung des internationalen Zahlungsverkehrs dienen Sportwetten der organisierten Kriminalität vermehrt der Geldwäscherei.

Manipulatoren nehmen für ihre Zwecke oft Sportveranstaltungen in unteren Ligen ins ­Visier. Dort sind die Spielergehälter tiefer und das öffentlich Interesse geringer als bei Top-Ereignissen. Sie ködern Schiedsrichter und Spieler mit Geld für kleinere Manipulationen – eine bewusste Rote Karte im Fussball oder drei verlorene Games hintereinander im Tennis. Gerade bei Livewetten kann heute fast auf alles gewettet werden – auch darauf, dass das Licht ausgeht im Stadion.

Straftatbestand fehlte

Verdachtsmomente gab es auch hierzulande. 2009 sollen in der Schweizer Challenge-League Fussballer des FC Thun und des FC Gossau bestochen worden sein. Verurteilt wurden sie damals nicht, weil der Straftatbestand Spielmanipulation fehlte – heute gibt es diesen.

Doch wie kann kriminellen Akteuren das Handwerk gelegt werden?

Der Chef von Sport X-Ray, einer neuen Schweizer Firma, Eric Herren, sagt: «Unsere Geschäftsidee für einen sauberen Sport wird am besten mit dem englischen Ausdruck ‹kill the crocodiles and dry the swamp› umschrieben.» Die Krokodile müssten aus dem Spiel genommen werden, was Aufgabe der Strafbehörden sei. «To dry the swamp», die Trockenlegung des Sumpfes, sei demgegenüber eine der Hauptaufgaben seiner Firma. Dies gelinge mit «Wissen und Können in den Bereichen Bedrohungswahrnehmung und -analyse bis hin zur individuellen Risikoanalyse einzelner Sportler, Schiedsrichter und Vereine».

Ein konkretes Angebot der Firma richtet sich an Vereine: Mittels Ausbildung und Prävention sollen Funktionäre und ­junge Sportler auf die Problematik aufmerksam gemacht werden. Sie sollen lernen, mit welchen Methoden die Manipulatoren Opfer angehen und gefügig machen.

Und der Datenschutz?

Müssen Sportler aufgrund der privatwirtschaftlichen Tätigkeit von Sport X-Ray damit rechnen, dass gegen deren Willen Facebook-Profile analysiert und Angehörige bespitzelt werden? Herren verneint klar. «Unser Ansatz ist ein anderer. Wir machen potenzielle Opfer mit deren Einverständnis auf freiwilliger Zertifizierungsbasis darauf aufmerksam, wie nötig Infrastruktur und Schnittstellen sind, um sich bei Bedarf vertrauensvoll an interne und externe Ansprechpartner zu wenden.» Ahnungslosigkeit oder Überheblichkeit seien beste Türöffner für Manipulatoren.

Der Schweizer Anwalt und Dozent Simon Planzer, ein Experte für Geldspielregulierung und Betrugsbekämpfung, bestätigt, dass Schulungen zur Best Practice in Europa gehören. «Sie können das Bewusstsein für das Problem und klassische Gefährdungsszenarien stärken. Solche privaten Initiativen können staatliche Massnahmen also durchaus sinnvoll ergänzen», meint Planzer.

Die Firma Sport X-Ray verfolgt nach eigenen Angaben das Ziel, aus der Schweiz heraus ein glaubwürdiges Netzwerk gegen die Sportmanipulation aufzubauen. Bemerkenswert erscheint dies, weil die Schweiz Sitz und Plattform für die weltweit grössten Sportverbände und -organisationen ist. Da interessiert, auf welcher finanziellen Basis sich die Firmenziele verwirklichen lassen. Herren und seine Geschäftspartner setzen auf das Interesse von Sponsoren und vertrauenswürdigen Stakeholdern. Die Suche laufe noch. Man wolle nur Sponsoren, die wüssten, dass der gesunde Sport von seiner Glaubwürdigkeit lebe, sagt er mit Verweis auf den Radsport. Nicht nur Fans hätten so dem Sport den Rücken gekehrt, auch Sponsoren seien zuhauf abgesprungen, weil sie um ihren Ruf fürchteten.

Europarat macht Druck

Dass die Schweiz im Kampf gegen Spielmanipulation eine internationale Vorreiterrolle einnehmen kann, davon zeigt sich auch Nationalrat Roland Rino Büchel (SVP) überzeugt. Der St. Galler ist im Europarat Berichterstatter in Sachen Sportbetrugsbekämpfung. Die Medien-, Kultur- und Sportkommission des Europarats beschloss am 1. Juni 2018 einstimmig, einen Bericht zu verfassen.

Büchels Kampf gegen Sportmanipulation geht auf das Jahr 2010 zurück. Anlass für dessen Vorstoss im Nationalrat waren unter anderem Spielmanipulationen in der zweithöchsten Schweizer Fussballliga, die aufgrund fehlender Rechtssetzung strafrechtlich nicht geahndet werden konnten. Seither wurden die Rechtsgrundlagen zur Manipulationsbekämpfung im Geldspielgesetz geschaffen. Auf internationaler Ebene wird sodann im September die Magglinger Konvention in Kraft treten. Diese wurde von über 30 Ländern unterzeichnet und von den dazu notwendigen fünf Staaten ratifiziert, darunter die Schweiz, Norwegen, Italien und Portugal.

Die Magglinger Konvention verpflichtet Staaten zur Schaffung von Strafnormen sowie zur gegenseitigen Rechtshilfe bei Manipulation. Büchel begrüsst die Initiative von Sport X-Ray. Er sagt, «die Firma kann im Aufklärungs- und Präventionsbereich Aufgaben erfüllen, welche der Staat mit Steuergeldern weder leisten kann noch soll». Das effektivste Mittel im Kampf gegen kriminelle Netzwerke seien informierte Sportler, Fans, Clubs und Verbände. Büchel will seinen Bericht im Frühjahr dem Europarat vorlegen.

Erstellt: 11.08.2019, 20:13 Uhr

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