Flexible Arbeitszeit nützt vor allem den Chefs

Schweizer Angestellte arbeiten häufiger in flexiblen Modellen. Wie und wann sie im Einsatz stehen, bestimmt aber der Betrieb. Wie ist das möglich?

Im Zürcher Prime Tower wird bis in die Nacht gearbeitet. Foto: Reto Oeschger

Im Zürcher Prime Tower wird bis in die Nacht gearbeitet. Foto: Reto Oeschger

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Flexible Arbeitszeiten stehen bei Arbeitnehmenden hoch im Kurs. Sie erlauben, Beruf und Privatleben besser miteinander zu vereinbaren. Zahlreiche Arbeitgeber kommen ihren Mitarbeitenden denn auch entgegen und bieten vermehrt variable Arbeitsmodelle an. Etwa, indem sie ihnen ermöglichen, die wöchentlich festgelegte Arbeitszeit innerhalb eines gewissen Rahmens selber einzuteilen.

Infografik: Wer die Arbeitszeit festlegtGrafik vergrössern

So zumindest dachte man es. Aber nun präsentiert sich ein etwas anderes Bild. Gemäss der im Mai publizierten europäischen Erhebung über die Arbeitsbedingungen, an der sich auch die Schweiz beteiligt, haben Schweizer Arbeitnehmende weniger Mitsprache bei der Arbeitszeit als zehn Jahre zuvor. Konnte 2005 noch fast die Hälfte der ­Angestellten ihre Arbeitszeit teilweise oder vollständig frei festlegen, war es im Jahr 2015 noch knapp ein Drittel. Gleichzeitig hat die Zahl derjenigen, die zu fix vorgegebenen Zeiten arbeiten, deutlich zugenommen: von 45 auf 58 Prozent. Eine wachsende Zahl von Arbeitnehmenden muss zudem regelmässig kurzfristige Änderungen der Arbeitszeit in Kauf nehmen.

Das Resultat hat selbst die Fachleute im Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) überrascht. Denn andere Erhebungen zeigen eine leichte Zunahme der flexiblen Arbeitszeiten. Dabei wurde allerdings nicht erforscht, wer über die Flexibilität bestimmt. Die Antwort liefert nun die europäische Studie. Sie deuten darauf hin, dass die zunehmende Flexibilität vermehrt durch die Unternehmen bestimmt werde, sagt Maggie Graf vom Seco. Oder anders gesagt: Arbeitgeber nutzen flexible Modelle wie Wochen- und Jahresarbeitszeit vermehrt dazu, die Arbeitnehmenden entsprechend den betrieblichen Bedürfnisse einzusetzen.

Angleichung an Europa

Nicht nur bei den Arbeitszeiten können die Schweizer Arbeitnehmenden weniger mitreden. Ihre Selbstbestimmung in Arbeitsbelangen hat generell abgenommen, wie aus weiteren Resultaten in der europäischen Studie hervorgeht. Sei es etwa, wenn es um das Bestimmen des Arbeitstempos geht, die Umsetzung eigener Ideen oder die Mitgestaltung der Arbeitsabläufe. Dieser Befund ist umso bemerkenswerter, als in den ebenfalls untersuchten EU-Staaten kein Rückgang bei der Autonomie der Arbeitnehmenden festzustellen ist. Die Schweiz ist zwar nach wie vor unter den führenden Staaten, gleicht sich aber dem europäischen Niveau an.

Umfrage

Die Chefs legen fest, wie und wann gearbeitet wird. Ist das okay?






Die Autonomie sei denn auch der eigentlich zentrale Faktor, weil er viel mehr aussagt als nur der Umstand, ob die Angestellten flexibel arbeiten können oder nicht, sagt Michael Beckmann. Der Professor für Personal und Organisation an der Universität Basel erklärt dies so: «Viele Arbeitgeber erlauben heute ihren Mitarbeitenden, zu arbeiten, wann sie wollen und wo sie wollen. Damit gewähren sie ihnen Autonomie. Oft ist diese aber an Zielvorgaben geknüpft, welche die Mitarbeitenden in einem vorgegebenen Zeitraum erfüllen müssen. Damit wird ihre Autonomie wieder eingeschränkt. Selbst Arbeitnehmende im Homeoffice können dann nicht mehr über ihre Arbeitszeit wirklich frei ver­fügen.» Dank neuer Informations- und Kommunikationstechnologien wie etwa E-Mail oder Handy seien die Mitarbeitenden überdies ständig erreichbar. Dadurch hätten die Arbeitgeber mehr Möglichkeiten, sie zu überwachen.

Es fragt sich, ob Arbeitnehmende überhaupt mehr Autonomie wollen.

In der Digitalisierung sieht Wirtschaftsprofessor Michael Beckmann denn auch eine mögliche Erklärung für den Rückgang der Autonomie. «Wenn Führungskräfte verstärkt Kommunikationstechnologien nutzen, dann steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass sie ihre Untergebenen kontrollieren.»

Fragt sich, ob Arbeitnehmende überhaupt mehr Autonomie wollen oder ob manche nicht ganz froh sind, wenn die Arbeitgeber ihnen Vorgaben machen.

Gut möglich, so Michael Beckmann, dass jüngere Mitarbeiter, die mit der Informationstechnologie aufgewachsen sind, sich nicht daran stören, wenn auch ihr Arbeitgeber sie einsetzt. «Es gibt aber zahlreiche Belege dafür, dass Autonomie nicht nur die Motivation der Arbeitnehmenden steigert, sondern auch deren Leistung.»

Auch aus gesundheitlichen Gründen sei Selbstbestimmung entscheidend, ergänzt Seco-Expertin Maggie Graf. «Arbeitnehmende mit mehr Autonomie sind meist gesünder.» Es wäre ihrer Meinung nach deshalb schade, wenn die Schweiz ihre führende Rolle bei der Selbstbestimmung der Arbeitnehmenden verlieren würde.

Angestellte besser behandeln

Für die Gewerkschaften bestätigt die europäische Erhebung, was sie schon lange befürchtet haben: dass immer mehr Arbeitnehmende nach Lust und Laune der Chefs arbeiten müssten. Deshalb dürfe die Pflicht zur Erfassung der Arbeitszeit nicht weiter gelockert werden, wie das bürgerliche Politiker verlangten. Die Arbeitgeber ihrerseits wehren sich gegen den Verdacht, nur Arbeitnehmende in der Privatwirtschaft könnten weniger über ihre Arbeitszeiten mitbestimmen. Die europäische Erhebung zeige ja gerade, dass auch Angestellte der öffentlichen Verwaltungen viel häufiger zu fix vorgegebenen Zeiten arbeiten müssten als früher, sagt Daniella Lützelschwab vom Arbeitgeberverband.

Grundsätzlich, so Lützelschwab weiter, sei aber auch der Arbeitgeberverband der Ansicht, die Flexibilität dürfe nicht nur den Unternehmen dienen, sondern müsse auch den Mitarbeitenden zugutekommen.

Etwas deutlicher sagt es Wirtschaftsprofessor Michael Beckmann. Er verweist auf den von den Arbeitgebern oft beklagten Fachkräftemangel: «Wenn die Arbeitgeber tatsächlich Mühe haben, qualifiziertes Personal zu finden, dann müssen sie ihren Mitarbeitenden auch die entsprechenden Arbeitsbedingungen bieten und ihnen die für ihre Arbeit nötige Autonomie gewähren.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.06.2017, 23:54 Uhr

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