«Fremdgehen ist legal»

Über 56'000 Schweizer E-Mail-Adressen sollen beim geleakten Ashley-Madison-Datenpaket dabei sein. Ein gefundenes Fressen für Scheidungsanwälte? Dazu der Anwalt Daniel Ordás.

Viele heisse Liebesabenteuer enden nach dem Hack abrupt:  Schweizer Fremdgänger sind aufgeflogen. Bild: Flickr/Kena Sen

Viele heisse Liebesabenteuer enden nach dem Hack abrupt: Schweizer Fremdgänger sind aufgeflogen. Bild: Flickr/Kena Sen

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32 Millionen Benutzer sind auf dem Seitensprungportal Ashley Madison angemeldet. Und sie alle sind quasi erwischt worden. Ihre Profildaten wurden im Darknet veröffentlicht. Während sich die Betroffenen nun bestimmt die Haare raufen, reiben sich Scheidungsanwälte gierig die Hände – könnte man vermuten. Die Anwälte der in Manhattan ansässigen Scheidungskanzlei Yaniv & Associates seien aufgrund des grossen Andrangs zurzeit nicht zu erreichen, schreibt die «Huffington Post». Gegenüber Reuters bezeichnete der prominente New Yorker Rechtsanwalt Raoul Felder den Hack gar als das Beste, was seiner Berufsgattung passieren konnte, seit die Bibel den Ehebruch verbot. Laut Aargauer-Zeitung sollen die Profile von über 56'000 Schweizern im gehackten Datenpaket mit dabei sein. Wir haben beim Basler Rechtsanwalt Daniel Ordás nachgefragt, was das bedeutet.

Stürzen sich die hiesigen Scheidungsanwälte nun auf die Daten der angeblich 56'342 Schweizer?
Es verstösst absolut gegen die Standesregeln und das Berufsverständnis der Anwälte in der Schweiz, bei einer Mandantin oder einem Mandaten ein Prozessbedürfnis zu wecken. Schweizer Anwälte werden nicht auf die Jagd gehen. Zumindest kenne ich persönlich niemanden, der hingehen würde und sagt: «Ihr Mann ist auf dieser Liste, wollen Sie sich nicht scheiden lassen?». Es ist eine sehr amerikanische Vorstellung, dass Anwälte potenziell Scheidungswillige aufgrund dieses Datensatzes kontaktieren, es wird immer wieder behauptet, dass dortige Anwälte dies bei Unfallopfern tun, wobei da aber wohl viel Mythos dahintersteckt. Ich kann mir aber vorstellen, dass die Anzahl Trennungsberatungen signifikant zunimmt. Wahrscheinlicher ist aber, dass sich viele zu Hause «selbst anzeigen» werden; ähnlich dem Phänomen bei den Steuer-CDS. Scheidungsprozesse beschleunigt das aber nicht.

Wieso nicht?
Seit dem Jahr 2000 kann sich in der Schweiz jedes Paar zu jeder Zeit scheiden lassen – und zwar ohne Angabe eines Grundes, wenn beide einverstanden sind. Nach einer zweijährigen Trennungsphase kann jeder Ehegatte die Scheidung verlangen, auch wenn der andere nicht will. Auch dann braucht es keinen Grund, wie etwa Ehebruch oder unehrenhafter Lebenswandel, wie dies vor 2000 der Fall war. Es gibt aber die vorzeitige Scheidung aufgrund Unzumutbarkeit. Das heisst, ein Ehepartner kann sich schon vor Ablauf der zweijährigen Frist gegen den Willen des anderen scheiden lassen, wenn die Weiterführung der Ehe unzumutbar ist. Die Tatsache, dass sich jemand auf dieser Liste befindet, reicht jedoch bei Weitem nicht dafür aus. Fremdgehen ist in der Schweiz schliesslich legal. Nach der Revision von 2000 betrug die Trennungsdauer vier Jahre, das war zu lang. Daher gilt seit 2004 nur noch eine Trennungsfrist von zwei Jahren.

Zivilgesetzbuch – Art. 115

Vor Ablauf der zweijährigen Frist kann ein Ehegatte die Scheidung verlangen, wenn ihm die Fortsetzung der Ehe aus schwerwiegenden Gründen, die ihm nicht zuzurechnen sind, nicht zugemutet werden kann.

Schweizer Scheidungsanwälte profitieren also nicht zwingend von diesen gehackten Daten. Wer profitiert dann?
Den Hackern bringt es nichts, wenn Männer jetzt Streit mit ihren Frauen kriegen. Die gestohlenen Kreditkartendaten bringen den Hackern jedoch etwas. Das ist ein grosses Problem. Der Bereich, in dem sich die Plattform bewegt, ist so sensibel, dass die Betroffenen eventuell lieber darüber schweigen, dass ihnen ein paar Hundert Franken auf dem Konto fehlen. Da lohnt es sich oft noch nicht, einen Anwalt einzuschalten. Lieber will man, dass der Spuk vorbei ist. Damit macht man sich aber genau erpressbar. Bei Pornowerbungsfallen erleben wir das häufig. Die Leute bezahlen aus Scham. Obwohl unsere Gesellschaft hoch sexualisiert ist, ist dieses Thema tabu.

Kennen Sie Anwälte, die sich auf das Hacking-Geschäft spezialisiert haben?
Nein, aber aus den USA hört man das immer wieder. Man spricht dann vom Ambulance Hunting oder Ambulance Chasing. Damit ist gemeint, dass Anwälte zum Teil noch bevor sie überhaupt beauftragt wurden, aktiv werden. Ich halte das jedoch grösstenteils für ein Gerücht. Bei seriösen Anwälten ist das sicher nicht die gängige Praxis. In der Schweiz wäre das ausserdem standeswidrig.

Und in Amerika ist es legal?
Es kann sein. Dort begründet man das eventuell so: «Wir haben ein Problem erkannt und eine Dienstleistung erbracht.» Ich hoffe, dass solche Verhältnisse – sollten sie überhaupt wahr sein – in der Schweiz niemals existieren werden.

Wie kriminell ist dieser Hack?
Hier haben wir es mit einem massiven Verstoss gegen das Datenschutzgesetz zu tun. Diese Tat zeugt von einer grossen kriminellen Energie. Dem Portal Betrug aufgrund erstellter Fake-Profile zu unterstellen, rechtfertigt diese in keiner Weise.

Hacker berufen sich oft darauf, Hüter der Moral zu sein. Verstehen Sie dieses Argument?
Das ist klassische Gesinnungskriminalität. Wenn in einem Land Fremdgehen legal ist, darf sich niemand wegen seiner eigenen Moralvorstellungen und seiner technischen Überlegenheit über das Gesetz stellen. Es ist ja auch möglich, dass jemand mit Kenntnis seines Partners auf dieser Plattform angemeldet ist. Und bei Singles geht es diese Kriminellen sowieso gar nichts an. Grundsätzlich sollen Private nicht aufgrund ihres subjektiven Rechts- oder Moralempfindens das Recht in die eigene Hand nehmen, das untergräbt den Rechtsstaat.

Was passiert jetzt weiter in der Schweiz?
Es ist zu erwarten, dass es aufgrund dieses Hacks zu deutlich mehr Trennungen kommt. Allein die Tatsache, dass jemand auf dieser Seite war, führt aber noch lange nicht automatisch zu einer Scheidung. Schon gar nicht zu einer aus Unzumutbarkeit. Schweizer Anwälte werden diese Daten sicher nicht ausbeuten. Und vor allem gilt: Was passiert ist, ist kriminell. Egal, welche Absicht dahinter war. Ich denke die Leute sollten sich bewusst werden, dass das Internet weder eine Dorfbeiz noch ein rechtsfreier Raum ist.

Erstellt: 21.08.2015, 09:34 Uhr

Daniel Ordás: Der Basler Anwalt erlangte 2005 das Anwaltspatent des Kantons Basel-Landschaft und betreibt mit einem Partner die Advokatur & Rechtsberatung TRIAS AG. Zudem ist er Buchautor. (Bild: zvg)

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