Zwang zum Kapitalbezug bei der Pensionskasse

Beispiele von Firmen zeigen, wie deren Pensionskassen Rentner aus ihrem System weghaben wollen und sie mit dem Geld in den Lebensabend entlassen.

Teure Pensionäre: Firmen wollen ihre Bilanzen von Rentenverpflichtungen entlasten.

Teure Pensionäre: Firmen wollen ihre Bilanzen von Rentenverpflichtungen entlasten. Bild: Oliver Lang /Keystone

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Die extrem tiefen Zinsen und steigenden Kosten für die Vorsorgeeinrichtungen infolge höherer Lebenserwartung haben Folgen: Gegenüber der Situation vor 10 oder 15 Jahren liegen die Rentenumwandlungssätze schon heute tiefer und haben sinkende Altersrenten zur Folge. Aktuell gilt für Löhne bis 84'600 Franken, die im Rahmen des Bundesgesetzes über die berufliche Vorsorge (BVG) obligatorisch versichert sind, ein Renten­umwandlungssatz von 6,8 Prozent. Vieles spricht dafür, dass dieser Satz weiter fällt. Im überobligatorischen Bereich ist der Leistungsabbau noch einschneidender, weil dort die gesetzlichen Mindestvorgaben nicht gelten (siehe Box).

Wenn die Vorsorgeeinrichtungen fürchten, die Leistungen seien längerfristig nicht finanzierbar, geraten sie unter Zugzwang. «Jede Kasse ist froh, wenn sich Versicherte im Alter 65 entscheiden, sich ihr Kapital auszahlen zu lassen, anstatt eine lebenslang garantierte Altersrente zu beziehen», erklärt Florian Schubiger von der Vermögenspartner AG.

Seit der ersten BVG-Revision von 2004 haben Versicherte die Wahl: Ein Viertel des gesparten Altersguthabens kann als Kapital bezogen werden. Viele Kassen gestatten heute sogar den Bezug der Hälfte oder gar des ganzen Alters­kapitals. Kapitalbezüge sind zudem ­administrativ erleichtert worden, etwa mit stark verkürzten Anmeldefristen. Der Bundesrat verfolgt all dies mit Sorge: Die Regierung will Kapitalbezüge aus dem Obligatorium sogar verbieten, weil die Gefahr besteht, dass das Geld rascher als geplant dahinschmilzt (TA vom 17. 9.). Dann muss die Allgemeinheit über Ergänzungsleistungen in die Bresche springen.

Beispiele Novartis, IBM, CS

Fast überall, wo es keine Leitplanken gibt, wollen die Vorsorgeeinrichtungen die Rentner aus ihrem System weghaben und sie mit dem Geld oder zumindest einem Teil davon in den Lebensabend entlassen. Zum Beispiel bei den über­obligatorischen Löhnen: Die Pensionskassen von Novartis und IBM verpflichten ihre Mitglieder schon heute, bei höheren Lohnteilen das Kapital zu beziehen (ab 150'000 bzw. 84'600 Franken). Die Credit Suisse will dieses System ab 2017 einführen, und zwar für Lohn­bestandteile über 126'900 Franken.

Strassenumfrage zur Rente: «Mit 4000 Franken Rente kommt man durch»

Der Zwang, Kapital statt Rente zu wählen, hängt meist mit neuen Anlagemodellen zusammen, den sogenannten 1e-Plänen: Hier kann der Versicherte selber eine Auswahl aus verschiedenen Anlagestrategien treffen, zum Beispiel mit mehr oder weniger hohem Aktienanteil. Kombiniert nun eine Kasse eine solche 1e-Lösung mit einem vorgeschriebenen Kapitalbezug, kann sie sich unter zwei Aspekten Luft verschaffen respektive Risiken auslagern: Zum einen tragen die Versicherten selbst die Risiken bei der Kapitalanlage. Zum anderen entlasten die Kapitalauszahlungen die Bilanz des Unternehmens von längerfristigen Rentenverpflichtungen, die aus heutiger Sicht schwer abschätzbar sind. Dies kommt vor allem grösseren Unternehmen gelegen, die nach internationalen Rechnungsstandards bilanzieren.

Die 1e-Pläne gibt es seit 2006, und sie heissen so, weil sie aufgrund einer entsprechenden Verordnungsbestimmung (Artikel 1e BVV2) erst möglich gemacht wurden. «Damit wollte man Wahlmöglichkeiten schaffen», sagt Colette Nova, Vizedirektorin beim Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV). Gemäss der Verordnung sind 1e-Pläne für Löhne von mehr als 126'900 Franken erlaubt (das 1,5-Fache des maximalen BVG-Lohns). Die 1e-Pläne standen bisher aber noch im Widerspruch mit gewissen Garantien des Freizügigkeitsgesetzes. Das Parlament hat im Dezember 2015 jedoch eine Gesetzesänderung angenommen. Demnach tragen die Versicherten auch Verlustrisiken und erhalten beim Austritt einfach den effektiven Wert ihres Gut­habens ausbezahlt. Vorsicht ist also geboten, denn wer als Versicherter Risiken mit Aktien eingeht, hat dann nicht einmal mehr den Nominalwert seines Guthabens garantiert.

«Eine neue Ära bricht an»

«Sobald diese Gesetzesänderung in Kraft tritt, bricht eine neue Ära an», prophezeit Stefan Thurnherr vom VZ Vermögenszentrum. Er rechnet damit, dass vor allem grössere börsenkotierte Unternehmen für die überobligatorischen Leistungen den Kapitalbezug vorschreiben werden. Schliesslich ist der Druck gross, die Bilanzen der Arbeitgeber von Rentenverpflichtungen zu entlasten. Wann genau die Bestimmung in Kraft tritt, ist noch offen. Colette Nova vom BSV nennt den 1. Januar 2017 als frühesten Termin. Möglicherweise trete die Gesetzesänderung auch erst einige Monate später in Kraft. Dies hängt vom Stand der Arbeiten an der Ausführungsregelung und letztlich vom Bundesrat ab, der das Geschäft verabschieden und den Zeitpunkt des Inkrafttretens fest­legen muss.

Was bei Kapitalbezügen generell zu bedenken ist, ist das schwierige Zins­umfeld. Wer sein Altersgeld sicherheitsorientiert anlegt, tappt in die Falle mit negativen Zinsen. Wer stattdessen auf dem Kapital- oder Aktienmarkt mehr wagt, muss mit grossen Schwankungen rechnen. Bleibt noch die Möglichkeit sogenannter Leibrenten als Altersvorsorge: Damit bekommt man heute auf dem freien Markt eine Altersrente, die weit unter den BVG-Leistungen liegt. Rein rechnerisch entsprechen die Leibrenten aktuell einem Umwandlungssatz von 3 oder 3,5 Prozent, je nach Versicherung. «Kommt noch hinzu, dass das Geld der Versicherten so zweimal besteuert wird – zuerst als Kapitalbezug, dann als Einkommen in Form einer Leibrente», warnt Stefan Thurnherr.

60-jährig und arbeitslos

Nicht gerade rosig sind die Renten­aussichten für Personen, die im Alter 60+ oder 55+ ihre Stelle verlieren: Landet ihr Altersguthaben zum Beispiel auf einem Freizügigkeitskonto einer Bank, wird dort lediglich das Kapital parkiert und zu einem bescheidenen Ertrag verzinst. Einen Anspruch auf eine Altersrente hat dieser Personenkreis nicht. Kommt es nicht mehr zu einer Neu­anstellung, muss bei der Pensionierung das Kapital bezogen werden. Das ist ­bitter: das Leben lang gearbeitet und keine sichere Altersrente. Als Ausweg kann man beantragen, die Vorsorge über die BVG-Auffangeinrichtung fort­zuführen. Das tun aber die wenigsten, weil man dann die vollen Arbeitnehmer- und Arbeitgeberbeiträge zahlen muss, was sich viele nicht leisten können.

Diese Lücke in der Vorsorge ist politisch längst erkannt und kommt nun auf die Agenda für das Reformpaket Altersvorsorge 2020. Die Reform soll eine Besserstellung bringen, indem Betroffene ihr Altersguthaben künftig in die BVG-Auffangeinrichtung einbringen können, die ihnen damit eine Rente ausrichtet.

Ob das ganze Alterskapital nun freiwillig oder unfreiwillig auf dem eigenen Konto landet oder nicht: Mit grösseren Beträgen haushälterisch umzugehen, ist nicht jedermanns Sache. Wichtig ist laut Colette Nova vor allem die Einsicht: «Je tiefer die spätere Altersrente ausfällt, umso mehr sind die Menschen darauf angewiesen, dass sie eine sichere und regelmässige Rente erhalten.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.09.2016, 00:08 Uhr

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