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Kantönligeist mit Nebenwirkung

Jeder Kanton legt selber fest, wie lange ein Dauerrezept gültig ist. Für die Patienten kann dieser Wirrwarr zu Problemen mit der Krankenkasse führen.

Ist das Rezept noch gültig? Die Kantone machen von ihren Kompetenzen bei Rezepten sehr unterschiedlich Gebrauch. Foto: Getty Images
Ist das Rezept noch gültig? Die Kantone machen von ihren Kompetenzen bei Rezepten sehr unterschiedlich Gebrauch. Foto: Getty Images

Seit einer Leberoperation benötigt Petra Bühler* regelmässig Medikamente. Der Arzt stellt ihr deshalb jeweils ein Dauerrezept aus. Dieses war bis anhin immer auf ein Jahr befristet. Dann erfährt Bühler, dass in ihrem Wohnkanton Zürich auch zweijährige Dauerrezepte möglich seien. «Das macht Sinn», sagt sie, «so lassen sich Arztbesuche und damit Kosten reduzieren. Denn an meiner gesundheitlichen Situation wird sich auf absehbare Zeit sowieso nichts ändern.» Sie fragt ihren Arzt, der ihr umgehend ein zweijähriges Rezept ausstellt.

Als sie es einlösen will, stösst sie aber erst einmal auf Widerstand. «Ich habe es zuerst bei der Versandapotheke Zur Rose versucht, die wollte die zweijährige Dauer des Rezepts nicht anerkennen.» Der Grund: Die Apotheke Zur Rose hat ihren Sitz im Kanton Thurgau, und der kennt keine Regelung für zweijährige Dauerrezepte. Bühler fragt deshalb bei Apotheken im Kanton Zürich an, stellt aber fest, «dass das Wissen um die zweijährige Gültigkeit von Dauerrezepten äusserst dürftig ist».

Schliesslich findet sie eine Zürcher Apotheke, die das Rezept anerkennt. Doch dann teilt ihr diese mit, sie könne die Kosten für das Medikament nur während eines Jahres direkt mit der Krankenkasse abrechnen. «Danach müsste ich selber weiterschauen. Ich müsste gar damit rechnen, dass die Kasse im zweiten Jahr nicht mehr zahlt.»

Für Arzt und Apotheker

Das Beispiel illustriert die verwirrende Situation bei der Gültigkeit von Dauerrezepten. Eine landesweit einheitliche Regelung existiert nicht. Die gibt es nur für die Verschreibung von Betäubungsmitteln. Für die Gültigkeit von Rezepten für «normale» Arzneimittel sind die Kantone zuständig, und diese machen von ihrer Kompetenz sehr unterschiedlich Gebrauch. Manche legen gar nichts fest, andere beschränken die Dauerrezepte auf sechs Monate, wieder andere auf ein Jahr. Einige wenige, zu denen nebst Zürich auch die Kantone St. Gallen und Luzern gehören, lassen Dauerrezepte bis zu maximal zwei Jahren zu.

Die kantonalen Vorgaben richten sich an alle Akteure, die eine Bewilligung brauchen, um im entsprechenden Kantonsgebiet tätig zu sein. Im konkreten Fall sind dies die Ärztinnen und Ärzte sowie die Apotheken. Ein Zürcher, St. Galler oder Luzerner Arzt darf also zweijährige Dauerrezepte ausstellen, und diese müssen grundsätzlich von den Apotheken in den genannten Kantonen anerkannt werden. Man kann als Patient ein zweijähriges Rezept auch in einem Kanton mit andern Regeln einlösen, muss aber damit rechnen, dass sich die dortige Apotheke auf die eigenen kantonalen Bestimmungen beruft. Dies hat die Apotheke Zur Rose im geschilderten Fallbeispiel auch getan: Als Anbieter mit Sitz im Thurgau ist sie nicht verpflichtet, ein zweijähriges Zürcher Arzneimittelrezept vollumfänglich anzuerkennen.

Santésuisse bestätigt, dass die Kassen eine längere Rezeptgültigkeit zulassen können.

Erschwerend kommt nun für die Patientinnen und Patienten dazu, dass die kantonalen Regeln für die Krankenversicherer nicht verbindlich sind. Das heisst: «Wer von seiner Ärztin oder seinem Arzt ein zweijähriges Rezept erhalten hat, kann nicht davon ausgehen, dass seine Krankenkasse während der ganzen zwei Jahre die Kosten für das Medikament übernimmt», sagt Ueli Nef, Leiter des Rechtsdienstes im Gesundheitsdepartement des Kantons St. Gallen. Die Krankenversicherer orientieren sich an eigenen Regeln: Diese sind im Tarifvertrag «Leistungsorientierte Abgeltung» (LOA) festgehalten – eine Vereinbarung zwischen den Versicherern und dem Apothekenverband Pharmasuisse. Darin steht folgender Satz: «Legt der Arzt für die Dauerverordnung eine Gültigkeitsdauer fest, so darf diese zwölf Monate nicht überschreiten.»

Anordnung aushebeln

Dass diese Beschränkung im Widerspruch steht zu den Bestimmungen einzelner Kantone, räumt Bruno Fuhrer vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) ein. Der Tarifvertrag LOA sei jedoch vom Bundesrat genehmigt worden, weshalb sich die Vertragspartner darauf berufen dürften, ergänzt er. De facto können Apotheken und Krankenversicherer damit eine zweijährige ärztliche Anordnung aushebeln. Ob sie das tun, bleibt ihnen überlassen. So hat die Krankenkasse im Fall von Petra Bühler das zweijährige Rezept anerkannt. Weniger Glück hatte dagegen TA-Leserin Brigitte Albrecht*. Auch sie ist wegen eines chronischen Leidens auf rezeptpflichtige Arzneimittel angewiesen und hat dafür von ihrem Zürcher Arzt ein zweijähriges Dauerrezept erhalten. Albrecht behält ihre Arztund Medikamentenrechnungen jeweils eine Zeit lang zurück und reicht sie dann gebündelt ihrer Kasse ein. So lasse sich der administrative Aufwand verringern.

Dieses Vorgehen rächte sich im konkreten Fall. Die Kasse teilte Brigitte Albrecht unlängst mit, sie akzeptiere Dauerrezepte längstens für ein Jahr, man werde ihr daher die im zweiten Jahr bereits bezogenen Medikamente nicht zurückerstatten. Ob eine Krankenkasse so weit gehen und eine Zahlung nachträglich verweigern darf, will man beim BAG nicht beantworten. Ein solches Vorgehen sei zumindest unüblich, sagt Lorenz Schmid, Präsident des Apothekerverbandes des Kantons Zürich. «Ist die Diagnose klar gestellt, die Therapie überprüft und offensichtlich wirksam, dann ist die Rückvergütung in der Regel kein Problem.» Schmid fügt an, dass man die Kundinnen und Kunden in den Zürcher Apotheken jeweils frühzeitig darauf hinweise, wonach die Rückvergütung grundsätzlich nur während zwölf Monaten garantiert sei. So könnten sie sich rechtzeitig bei ihrer Krankenkasse nach deren Praxis erkundigen.

Im Fall von Brigitte Albrecht ist offenbar etwas schiefgelaufen. Sie wandte sich nach dem ablehnenden Entscheid ihrer Kasse an Redaktion Tamedia, um sich beraten zu lassen. Danach gelangte sie erneut an ihren Versicherer. Der willigte schliesslich ein, die Medikamentenkosten weiterhin zu übernehmen.

Der Krankenkassenverband Santésuisse bestätigt, dass die Kassen in spezifischen Fällen eine längere Rezeptgültigkeit zulassen können. Die beschränkte einjährige Gültigkeit im Tarifvertrag LOA rechtfertigt Santésuisse mit dem Gebot der Wirtschaftlichkeit. Ob es tatsächlich wirtschaftlich ist, wenn Patientinnen und Patienten mit einer unbestrittenen Langzeittherapie bereits nach einem Jahr wieder zum Arzt gehen müssen, um sich ein neues Rezept zu besorgen, sei dahingestellt.

* Namen geändert

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