Abofalle: 160 Franken für Handyspiele

Teure Mehrwertdienste auf der Handyrechnung: Die Rechtslage und vier Tipps.

Teenager geben oft ahnungslos ihre Handynummer weiter. Foto: Ute Grabowsky

Teenager geben oft ahnungslos ihre Handynummer weiter. Foto: Ute Grabowsky

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Orange, grüne und rote Autos fahren über die mit Bäumen gesäumte Strasse des Spiels «Crossy Lanes». Um das Spiel auf dem Smartphone zu starten, fordert ein Schriftzug in grossen Buchstaben: «Gib deine Handynummer ein.» Das Kleingedruckte ist hingegen nicht so übersichtlich und deutlich geschrieben. Und vor allem: Kinder und Jugendliche, die mit dem Spiel beginnen wollen, werden kaum die folgenden Zeilen lesen: «Du stimmst einem Abo unseres Services zu. Der Service kostet für 20 Down-load-Credits 15 CHF (inkl. MwSt.) pro Woche (+ SMS-/Datengebühren deines Handyanbieters) . . .»

Diese oder ähnliche Spieleseiten muss der 14-jährige Tim Seiler* angeklickt und ahnungslos seine Handynummer hinterlassen haben. Er hatte sein Smartphone neu bekommen und tappte gleich in die Abofalle. Der Vater, Werner Seiler*, fiel aus allen Wolken, als er einige Wochen später die Handyrechnungen seines Sohnes sah. Dort tauchten Posten auf, von denen der 48-Jährige zuvor noch nie etwas gehört hatte: «Premium-SMS».

Statt der monatlichen 16 Franken für das Handyabo forderte der Telefonanbieter plötzlich Beträge von bis zu 160 Franken – und das über Monate, ­insgesamt mehrere Hundert Franken. In der Annahme, es handle sich um ein Versehen, rief Seiler beim Telefonanbieter an und erfuhr, dass «Premium-SMS» anfallen können, wenn Kunden Spiele oder Klingeltöne abonnieren oder Erotikseiten besuchten, sogenannte Mehrwertdienste. Bei seinem Sohn seien es Spiele gewesen, informierte ihn der Kundenberater. Dass der Bub minderjährig sei und keine Verträge über laufende Kosten ohne Zustimmung der ­Eltern abschliessen könne, ignorierte der Angestellte: «Gegen ‹Premium-SMS› können Sie in der Regel nichts machen. Ich rate Ihnen zu zahlen.»

Klare Rechtslage

Der Rat ist falsch. Das erfuhr Seiler bei der Stiftung für Konsumentenschutz, an die er sich nach der Auskunft des Telefonanbieters gewandt hatte. «Die Eltern müssen nicht zahlen. Die rechtliche Grundlage ist in diesen Fällen ganz klar», sagt Geschäftsleiterin Sara Stalder. Das Problem sei, dass die meisten dies nicht wüssten.

Kinder und Jugendliche dürfen zwar im Rahmen ihres Taschengeldes Verträge abschliessen: am Kiosk Kaugummi kaufen oder ein Kinoticket bezahlen. Geschäfte hingegen, welche die üblichen Taschengeldbeträge deutlich überschreiten, sind ohne Zustimmung der Eltern nichtig.

Marc Hostettler vom Bundesamt für Kommunikation fügt an, dass die Telefonanbieter in der Pflicht stehen. Im Fall von Mehrwertdiensten mit erotischen oder pornografischen Inhalten seien sie laut Fernmeldegesetz verpflichtet, Jugendliche unter 16 Jahren zu schützen. Die Anbieter müssten den Zugang zu den entsprechenden Diensten sperren.

Nicht zahlen

Sara Stalder rät, unerklärliche Posten auf der Telefonrechnung generell nicht zu zahlen. «Der Telefonanbieter muss belegen, dass die verrechneten Leistungen rechtmässig sind.» Das sei bei Minderjährigen, die unwissentlich Mehrwertdienstabos abgeschlossen haben, aber nicht möglich.

Das klingt eindeutig, in der Praxis sieht es aber anders aus. Werner Seiler erklärte dem Telefonanbieter in einem eingeschriebenen Brief, dass er mit den angeblich von seinem Sohn abgeschlossenen Verträgen für die «Premium-SMS» nicht einverstanden sei und er deshalb nicht zahlen werde. Eine Antwort bekam er nicht. Stattdessen schickte der Telefonanbieter eine Mahnung – inklusive 30 Franken Mahngebühren.

«Die meisten Mehrwertdienste sind reine Abzocke und ein Reputationsrisiko fürdie Telefonanbieter.»Sara Stalder, Stiftung Konsumentenschutz

Daraufhin wandte sich Seiler an die Stiftung Ombudscom, die Schlichtungsstelle Telekommunikation in Bern. Dort sind die Probleme mit den Mehrwertdiensten ein Dauerthema. Sie stünden an zweiter Stelle, gleich hinter den all­gemeinen Streitfällen um Telefonrechnungen, sagt Eleonora Rhyn, juristische Mitarbeiterin bei der Ombudscom. «Die Abrechnungen im Mobiltelefonbereich sind ein Massengeschäft, da geht vieles schief.» Oft komme es ganz einfach darauf an, wen man am Draht habe, wenn man sich als Kunde beim Telefonanbieter beschwere.

Im Fall von Werner Seiler lag es nicht nur am Kundenberater, auch der Telefonanbieter zeigte keinerlei Entgegenkommen. Hilfe gab es von der Ombudscom. Doch zunächst musste Seiler selber tätig werden. Er gelangte an die Mehrwertdienstanbieter, bei denen sein Sohn die Handynummer angegeben hatte, und forderte, die verrechneten Beträge für die «Premium-SMS» zu erlassen.

Diese Mehrwertdienstleister, die ihren Sitz in der Schweiz oder Europa haben, betreiben Plattformen, auf denen internationale Firmen Spiele, Klingeltöne oder Erotikseiten anbieten können. Die Plattformbetreiber stellen ihre Kurznummern zur Verfügung und rechnen mit den Telefonanbietern ab. Sowohl die Plattformbetreiber als auch die Telefonanbieter erhalten Geld für die Abrechnungen, sind also am Geschäftsmodell beteiligt.

Telefonanbieter verdienen mit

Dass die Telefonanbieter die fragwürdigen Geschäfte nicht nur unterstützen, sondern auch noch daran mitverdienen, wenn sie die Dienstleistungen ihren Kunden belasten, findet Werner Seiler stossend. Auch Konsumentenschützerin Sara Stalder sieht darin «ein Reputationsrisiko für die Telefonanbieter. Die meisten Mehrwertdienste sind reine Abzocke.»

Die Problematik, dass vor allem jugendliche Mobiltelefonnutzer besser geschützt werden müssen, ist dem Gesetzgeber bekannt. Laut der Botschaft zur Revision des Fernmeldegesetzes, die der Bundesrat im September dem Parlament zugeleitet hat, soll der Jugendschutz speziell gestärkt werden. Stalder hofft, dass es für Kunden künftig einfacher wird, rechtswidrige Mehrwertdienstrechnungen zurückzuweisen.

Bei Werner Seiler dauerte es insgesamt sechs Monate, in denen der Vater Dutzende E-Mails und Briefe schrieb und Anrufe tätigte, um aus den unzulässigen Spieleabos seines Sohnes wieder herauszukommen. Es gelang ihm schliesslich, drei der vier Mehrwertdienstanbieter dazu zu bringen, das Geld für die «Premium-SMS» zurückzuerstatten. Bei der verbleibenden Firma musste die Ombudsstelle zweimal eingreifen. Und dies alles trotz klarer rechtlicher Regelung.

* Namen geändert. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.11.2017, 18:26 Uhr

Tipps für Eltern

Reklamieren, nicht zahlen

Vorbeugen: Mehrwertdienste bei Handys von Kindern und Jugendlichen ausschalten. Das geht beim Telefonanbieter per Anruf oder übers Kundenkonto im Internet.

Rechnungsstellung: Möglichst keine Lastschriftverfahren für die monatlichen Handyrechnungen genehmigen. Ansonsten sieht man unter Umständen erst nach Monaten ungerechtfertigt abgebuchte Beträge. Stattdessen jede Telefonrechnung gut prüfen. Wenn unerwünschte oder unerklärliche Posten darauf erscheinen: diese nicht zahlen, sondern nur die Kosten für das Handyabo, damit der Telefonanbieter den Vertrag nicht kündigen kann.

Reklamationen: Sich schriftlich beim Telefonanbieter beschweren, den Betrag für den fraglichen Mehrwertdienst ausdrücklich bestreiten. Wenn das nichts nützt, den oder die Mehrwertdienstanbieter direkt anschreiben per Mail oder Post. Adressen beim Telefonanbieter erfragen oder auf dessen Internetseite. Bringt auch das nichts: Gesuch um Schlichtung an die Ombudscom richten.

Information und Beratung: Ombuds-stelle der Telecombranche: Ombudscom.ch; Stiftung für Konsumentenschutz: Konsumentenschutz.ch; Bundesamt für Kommunikation: Bakom.admin.ch > Telekommunikation > nützliche Infos. (afi)


Artikel zum Thema

Tausend Franken weggesurft

Gewisse Handyverträge von Jugendlichen können Eltern riesige Kosten bescheren, wie ein Orange-Fall zeigt. Konsumentenschützer fordern deshalb eine direkte Kostenwarnung an die gesetzlichen Vertreter. Mehr...

Teure Mahngebühren auch von Swisscom, Sunrise und Co.

Wer seine Rechnung bei einem Schweizer Telecomanbieter nicht rechtzeitig bezahlt, für den wird es teuer. Mehr...

Spitzel am Arbeitsplatz

Die Feedbackkultur geht immer weiter. Einige Unternehmen fordern die eigenen Leute auf, den Kollegen auf die Finger zu schauen. Was sind die Folgen? Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Saisonstart im höchstgelegenen Outlet der Schweiz

Nur eine Stunde von Zürich entfernt finden Städter und Ausflügler in Landquart tolle Outfits für die Wintersaison und hochwertige Outdoor-Bekleidung der bekanntesten Sportmarken.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Polizei in Rosa: Demonstranten bewarfen die Ordnungshüter in Nantes (Frankreich) mit Farbe. (16. November 2017)
(Bild: Stephane Mahe) Mehr...