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«Lohn gegen Arbeitszeit» soll nicht mehr gelten

Eine fehlende Arbeitszeitkontrolle sei nicht die Hauptursache für stressbedingte Krankheiten, sagen die Arbeitgeber. Sie verlangen, die Erfassung abzuschaffen. Die kantonalen Arbeitsämter widersprechen.

Viele Angestellte lesen heute private und geschäftliche Mails unterwegs: Ein Mann arbeitet an seinem Laptop.
Viele Angestellte lesen heute private und geschäftliche Mails unterwegs: Ein Mann arbeitet an seinem Laptop.
Kimmo von Lüders (Plainpicture)

In der Beziehung der Arbeitgeber zu den Lohnempfängern steht eine fundamentale Frage zum Verhältnis von Lohn und Arbeit zur Debatte: Erwerben Patrons durch die Bezahlung des Lohns Arbeitszeit, oder kaufen Sie – wie bei einem Auftrag – eine Leistung ein? Der Ständerat wird in den folgenden Wochen dazu eine breite Anhörung in seiner Wirtschaftskommission vornehmen. So hat er es am Donnerstag einstimmig entschieden.

Für den Arbeitgeberverband ist die Frage klar: «Die Präsenzzeit steht in vielen Betrieben nicht mehr im Vordergrund, dafür die Leistung. Innert welcher Zeit sie erledigt wird, spielt eine untergeordnete Rolle», sagt Daniella Lützelschwab, Dossierverantwortliche beim Schweizerischen Arbeitgeberverband (SAV). Die heutige Pflicht zur Erfassung der Arbeitszeit sei überholt.

Hinzu komme, dass die neue Technik, etwa Smartphones und Laptops, es ermögliche, dass Angestellte ihre Arbeit am Computer und Telefon an fast jedem Ort und zu jeder Zeit erledigen können. «Dies wird gemäss unseren Rückmeldungen auch von den Mitarbeitenden sehr geschätzt. Heute erledigt ein Mitarbeiter während der Arbeitszeit private Mails und umgekehrt kommt es vor, dass während der Freizeit geschäftliche Mails gelesen werden», sagt Lützelschwab.

Kaum Profit

Eine «minutiöse Arbeitszeiterfassung» werde diesen fliessenden Übergängen von Arbeits- und Freizeit nicht mehr gerecht. Deshalb müsse eine neue zeitgemässe Regelung gefunden werden. «Der SAV fordert deshalb, dass für eigenständig arbeitende Mitarbeitende und solche, die ihre Arbeitszeit autonom organisieren und verwalten können, die Arbeitszeiterfassung abgeschafft wird.» Der Verband setzt Gewerkschaften und Angestelltenverbänden ein Ultimatum: «Wir erwarten von der Arbeitnehmerseite eine sozialpartnerschaftliche Lösung bis Ende Jahr.»

Der Schweizerische Gewerbeverband will den Entscheid delegieren. «In den Branchen und Betrieben gibt es ganz verschiedene Arbeitszeitmodelle. Der Entscheid sollte bei den einzelnen Branchen liegen», sagt Direktor Hans-Ulrich Bigler. Es sei vorteilhaft, wenn Arbeitszeitmodelle gewählt würden, die möglichst viel Flexibilität zuliessen. Dies sei «im Sinne des Arbeitnehmers, aber auch der Arbeitgeberin». Eine vollständige Arbeitszeiterfassung erhöhe die Regulierungskosten.

Die vom Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) erlassene Weisung vom Dezember, dass hohe Kader nur noch die tägliche Arbeitszeit erfassen müssen (ohne Pausen und ohne Ortsangabe), entlaste letztlich die Unternehmen «nur bedingt». «Klassische Gewerbebetriebe dürften in der Praxis von der Erleichterung kaum profitieren, da sie tendenziell wenig bis keine Mitarbeitende haben, die die Arbeitszeit neu nur vereinfacht erfassen müssen.»

Gewerkschafter warnen

Die Arbeitnehmerseite lehnt eine generelle Abschaffung der Zeiterfassung kategorisch ab. Zum einen widersprechen sie dem Argument, die Arbeitszeitkontrolle sei aufwendig: «Von Stempeln kann nicht mehr die Rede sein. In modernen Programmen löst ein Klick auf dem Handy die Zeiterfassung aus. Der Arbeitsbeginn, das Ende und die Mittagspause können ohne weiteren Aufwand erfasst werden», sagt Luca Cirigliano, Dossierverantwortlicher beim Schweizerischen Gewerkschaftsbund (SGB).

In Branchen, wo die Arbeitszeit widerrechtlich seit längerem nicht erfasst wird – der Bund geht von 650'000 Personen aus –, seien die Folgen verheerend, sagte SGB-Präsident Paul Rechsteiner am Donnerstag im Ständerat. «Werden Arbeitszeiten nicht aufgeschrieben, führt dies zur Gratisarbeitszeit.» Die Vermischung von beruflicher Tätigkeit und Privatleben führe zu einer «entgrenzten und uferlosen Arbeit». Die Folge seien stressbedingte Krankheiten und Absenzen, die die Gesellschaft laut einer SGB-Studie heute in der Schweiz 11 Milliarden Franken kosten. «Mit steigender Tendenz», sagte der St. Galler SP-Ständerat.

Gegen dieses Kernargument der Gegner gehen die Arbeitgeber jetzt in die Offensive: «Wir glauben, dass die Ursachen dieser Krankheiten nicht alleine im Fehlen einer systematischen Zeiterfassung liegen», sagt Lützelschwab. Zum Burnout sagt sie: «Dieses Syndrom kann viele Ursachen haben, beispielsweise Unterforderung, Überforderung oder Vereinzelung in einem Team. Es kann vorkommen, dass Mitarbeiter oder Vorgesetzte gewisse Signale nicht wahrnehmen.»

Opposition vom Arbeitsamt

Prävention heisse, am Arbeitsplatz «rechtzeitig Signale von psychophysischen Erkrankungen richtig zu deuten und entsprechende Massnahmen zu ergreifen», erklärt Lützelschwab. Es gehöre zu den Pflichten des Arbeitgebers, auf die Gesundheit des Arbeitnehmenden gebührend Rücksicht zu nehmen. «Arbeitszeiterfassung ist aber kein Allheilmittel.» Bigler doppelt nach: Arbeitnehmer vor Krankheit und Absenzen «nur mit einer Arbeitszeiterfassung schützen zu wollen, ist eine verkürzte Sichtweise». Auch würden Krankheitskosten nicht einfach auf die Allgemeinheit oder den Arbeitnehmer abgewälzt. «Auch Arbeitgeber zahlen Versicherungsprämien.»

Die heftigste Opposition erfahren die Arbeitgeber aber nicht von der Arbeitnehmerseite, sondern von den Arbeitsämtern der Kantone. In einem von der Öffentlichkeit kaum beachteten Brief nahm der Verband Schweizerischer Arbeitsmarktbehörden (VSAA) im Oktober 2012 deutlich Stellung. Der VSAA ist der Dachverband der öffentlichen Arbeitsmarktbehörden der Kantone. Zu den wichtigsten vier Punkten heisst es im Brief:

  • Gratisarbeit: «Der Verzicht auf eine Erfassung der Arbeitszeit geht offensichtlich einher mit einer zeitlichen Ausweitung der tatsächlich geleisteten Arbeit und einem Verzicht auf eine angemessene Kompensation für diese Mehrheit.»
  • Erhebliche Kosten: «Es ist denn auch bekannt, dass die volkswirtschaftlichen Kosten, die sich aus dem zunehmenden Stress ergeben, denen Arbeitnehmende ausgesetzt sind, massiv sind.»
  • Zufriedenheit steigt nicht: «Die Argumente für den Verzicht auf die Arbeitszeiterfassung überzeugen nicht. Die Zufriedenheit der Mitarbeitenden steigt nicht (sinkt teilweise sogar), wenn die Arbeitszeiten nicht erfasst werden: Vertrauen spüren Mitarbeitende dann, wenn man ihnen tatsächlich Verantwortung für ihre Aufgaben überträgt.»
  • Kein hoher Mehraufwand: «Das Phänomen der Plusstunden ist ein Führungsproblem. Das Argument des hohen administrativen Aufwands für eine Zeiterfassung angesichts moderner IT-Systeme einerseits und anderseits der Tatsache, dass immer mehr Kennzahlen den Alltag von Unternehmen und Organisationen beherrschen, ist nicht sehr ernst zu nehmen.»

Den Brief unterschieb notabene Bruno Sauter, VSAA-Präsident und Leiter des Zürcher Amts für Arbeit und Wirtschaft. Er gilt in der Branche in Arbeitsmarktfragen als «sehr liberal eingestellt», wie ein Kenner sagt. Hier aber spricht Sauter den Arbeitgebern ins Gewissen. Die Erfassung von Arbeitszeiten sei keineswegs ein Ausweis von Misstrauen, sondern bilde «eine solide Basis, auf der sich Vorgesetzte und Mitarbeitende vertrauensvoll über realistische Aufgaben und Ziele verständigen könnten».

Ironie der Geschichte: Sauter zitiert in diesem Brief weitestgehend aus Befunden einer Studie des zuständigen Seco aus dem Jahr 2012 und lässt durchblicken, dass er nicht verstehen könne, warum das Staatssekretariat dennoch eine Lockerung der Pflicht zur Arbeitszeiterfassung vorantreibe, wie es die Patrons verlangen.

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