Lohnt sich Sonnenstrom für Hausbesitzer?

Ein Entscheid des Bundesgerichts könnte Solarpanels auf dem Eigenheim überall in der Schweiz zur lohnenswerten Investition machen.

Dank einem aktuellen Bundesgerichtsurteil können Fotovoltaikbesitzer vielleicht bald Steuern zurückfordern. Foto: Thomas Delley (Keystone)

Dank einem aktuellen Bundesgerichtsurteil können Fotovoltaikbesitzer vielleicht bald Steuern zurückfordern. Foto: Thomas Delley (Keystone)

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Der Standort im Meiringer Talboden des Berner Oberlands ist für eine Fotovoltaikanlage alles andere als ideal: In den Wintermonaten fällt die Stromproduktion fast vollständig aus, da nur wenige Sonnenstrahlen das Schattenloch erreichen. Beat Kohler, Journalist bei der «Jungfrau-Zeitung» und bei der Schweizerischen Vereinigung für Sonnenenergie (SSES), baute dennoch 2017 auf seinem Einfamilienhaus in Meiringen, in dem er mit Frau und den drei Kindern lebt, eine Anlage, die mit Sonnen­energie Strom produziert. Und trotz schlechter Voraussetzungen ist er überzeugt, dass die Rechnung finanziell aufgeht.

Die Planer gingen beim Bau davon aus, dass die Anlage nach neun Jahren amortisiert ist. «In den ersten beiden Betriebsjahren übertraf die Stromproduktion aufgrund überdurchschnittlich vieler Sonnenstunden sogar die Erwartungen», sagt Kohler. Und dabei ist noch nicht einmal eingerechnet, dass er mit seinem Elektroauto ohne Treibstoff­kosten fährt, da er es von Frühling bis Herbst mit eigenem Strom tanken kann.

Bei Beat Kohler tragen abgesehen vom winterlichen Schattenloch mehrere Faktoren zu einer vergleichsweise raschen Amortisation bei: Er arbeitet oft zu Hause, sodass er tagsüber die Sonnenstunden nutzen kann, um den Akku seines Elektro­mobils zu laden. Das Hausdach reicht fast bis zum Boden, weshalb er bei der Installation auf einen kostspieligen Gerüstbau verzichten konnte. Und schliesslich nutzte er die Dienste einer Selbstbaugenossenschaft, was das Projekt zusätzlich verbilligte.

Selber bauen senkt Kosten

In solchen Genossenschaften findet die Installation von Fotovoltaikmodulen ohne finanzielle Entschädigung unter fach­kundiger Anleitung statt. Wer die Hilfe in Anspruch nimmt, verpflichtet sich, für eine bestimmte Anzahl Stunden bei anderen Projekten als Handwerker zu helfen. «Dafür muss man kein Profi sein, man sollte aber auf einem Dach mit Bohrer und Akkuschrauber arbeiten können», sagt Kohler. Adressen und weiter­führende Informationen zu solchen Selbstbaugenossenschaften finden Interessierte auf der Website der SSES.

Fachleute veranschlagen die gesamten Kosten für eine Fotovoltaikanlage für Eigenheim­besitzer auf durchschnittlich 25'000 bis 30'000 Franken. Kohler bezahlte 16300 Franken. Anschliessend erhielt er vom Bund als Förderbeitrag eine Einmalvergütung von 5600 Franken. Diese ist üblich, die Höhe unterscheidet sich aber je nach Leistungsfähigkeit der Anlage.

Ein solches Projekt kann aber auch wesentlich teurer werden. Fachleute beim Elektrizitätswerk Zürich (EWZ) prüfen deshalb zuerst die bauliche Situation, bevor sie einen Preis nennen. Manchmal gibt es schon allein aufgrund des Standorts Probleme: In der Kernzone eines Dorfs erschwert oder verunmöglicht öfters der Ortsbildschutz solche Vorhaben, wie Rafaele Cannistrà vom Produktmanagement beim EWZ erläutert. Obwohl die Rechnung für ihn aufgeht, betont Beat Kohler, dass er die Fotovoltaikanlage nicht aus wirtschaftlichen Überlegungen gekauft habe. «Ich will damit vor allem einen Beitrag zur Energiewende und zu einem nachhaltigen Verbrauch leisten», sagt er. Aber ein Verlustgeschäft sollte die Investition trotzdem nicht werden.

Doch wie können Interessierte ihre Kostenrechnung opti­mieren? «Das wichtigste Ziel ist ein möglichst hoher Eigen­verbrauch», sagt David Stickelberger, Geschäftsleiter des Fachverbands Swissolar. Die Stromkosten sind derzeit aufgrund eines Überangebots sehr tief. So fallen die Netzkosten für die Stromdurchleitung stärker ins Gewicht. Beim Eigenverbrauch fallen die Netzkosten hingegen weg. «Eine Fotovoltaikanlage wird ab einem Eigenverbrauchsanteil von 25 Prozent interessant», erläutert Stickelberger.

Den Eigenverbrauch können Hausbesitzer mit einer elektrisch betriebenen Wärmepumpe und guter Isolation erhöhen. Die tagsüber eingesetzte Sonnenenergie reicht so oft aus, um das Haus auch nachts warm zu halten. Grundsätzlich hilft, Haushaltsgeräte während Sonnenstunden einzusetzen. Eine wesentliche Steigerung des Eigenverbrauchs bringt das Laden von elektrisch betriebenen Fahrzeugen. Und manchmal lassen sich auch schon bei der Planung Weichen stellen: Bei einem Neubau kann eine optimale Ausrichtung des Dachs zu einer höheren Stromausbeute beitragen.

Unabhängig dank Batterie

Stickelberger schätzt, dass der Eigenverbrauch bis ungefähr 50 Prozent gesteigert werden kann. «Um höhere Werte zu erzielen, braucht es einen Batteriespeicher», sagt er. Beat Kohler hat in seinem Eigenheim in Meiringen auf eine Batterie ver­zichtet. Sie kostet in der Regel 10'000 Franken oder mehr und ist derzeit noch kaum wirtschaftlich. Damit lässt sich die tagsüber gespeicherte Sonnenenergie auch abends und in der Nacht nutzen. «Wer für eine Batterie Geld ausgibt, tut das meist, um Unabhängigkeit vom Stromnetz zu erreichen», sagt Roman Grabherr von der BKW-Tochter ISP Elektro Solutions, die Fotovoltaikanlagen erstellt.

Unter anderem auf den Websites von Energie Schweiz und des EWZ gibt es Rechner, die Interessierten eine Orientierungshilfe zu Kosten und Nutzen einer Fotovoltaikanlage bieten. Dabei werden auch ziemlich ­viele Einflussfaktoren wie die durchschnittliche Zahl der Sonnenstunden berücksichtigt, die sich von Region zu Region unterscheiden. Was aber stets fehlt, sind die zusätzlichen Steuern, die manche Eigenheimbesitzer aufgrund ihrer Sonnenstromproduktion bezahlen müssen. Dafür gibt es einen triftigen Grund: Die Regelungen unterscheiden sich von Kanton zu Kanton, und die Berechnung der Steuerlast ist knifflig. Hermann Hüni vom SSES, der selber drei Fotovoltaikanlagen betreibt, hat dies für den Kanton Bern aus­gerechnet. Dort steigt mit dem Sonnenstrom unter anderem der Eigenmietwert, den ein Eigenheimbesitzer als Einkommen versteuern muss.

Doch das könnte sich bald ­ändern: Ein vergangene Woche veröffentlichtes Bundesgerichtsurteil könnte laut Hüni dazu ­führen, dass Fotovoltaikanlagen nicht mehr als Eigenmietwert besteuert werden dürfen. Er hält sogar eine Rückerstattungspflicht für erhobene Steuern der vergangenen fünf Jahre für denkbar. Wie die kantonalen Steuerverwaltungen das Urteil umsetzen werden, wird sich aber noch weisen müssen.

Erstellt: 27.10.2019, 17:49 Uhr

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