Manche Garagisten drücken beide Augen zu

Leasingfirmen und Garagen prüfen oft nur ungenügend, ob sich ein Konsument die Leasingraten seines Traumautos leisten kann. In schweren Fällen darf der Kunde ohne Entschädigung aus dem Vertrag aussteigen.

Bevor man losfährt, sollte man die Gesamtkosten des Autos ausrechnen. Foto: Tomeng (iStock)

Bevor man losfährt, sollte man die Gesamtkosten des Autos ausrechnen. Foto: Tomeng (iStock)

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Seit die Nationalbank den Euro gegenüber dem Franken auf Talfahrt geschickt hat, sind nicht nur die Neuwagenpreise deutlich gesunken, sondern auch die Leasingraten. Mittelklassewagen sind für wenige Hundert Franken im Monat zu haben. Vergessen geht dabei leicht, dass die gesamten Autokosten laut TCS zwei- bis dreimal so hoch sind wie die Leasingrate.

Um ein böses Erwachen – sprich eine Überschuldung des Kunden – zu verhindern, müssen Garagen und Leasingfirmen bei Vertragsabschluss prüfen, ob sich ein Interessent das gewünschte Auto überhaupt leisten kann. Dazu füllen sie ein Berechnungsblatt aus und erkundigen sich nach den Kosten für Wohnungsmiete, Krankenkasse, Steuern und anderem. Mit dieser sogenannten «Kreditfähigkeitsprüfung» soll verhindert werden, dass Privatkunden weniger Geld zur Verfügung haben als das betreibungsrechtliche Existenzminimum.

Die Crux dabei: Die Garagen und Leasinggesellschaften haben ein Interesse daran, dass der Kunde ein (möglichst teures) Auto leasen kann, denn damit verdienen sie Geld. Also helfen sie zuweilen etwas nach. «Viele Kreditfähigkeitsprüfungen sind lausig gemacht, fast immer fehlen gewisse Ausgaben, die zwingend in ein Budget gehören», kritisiert Mario Roncoroni, Fürsprecher und Co-Leiter der Berner Schuldenberatung. Und Rechtsanwalt Konrad Rothenbühler, der schon mehrere wegweisende Gerichtsurteile gegen Leasingfirmen erstritten hat, sagt: «Mangelhafte Prüfungen sind Standard. Wenn die Garagisten korrekt prüfen würden, könnten sie ein Drittel bis die Hälfte ihres Umsatzes vergessen, weil die Kunden ein deutlich billigeres Auto nehmen müssten.»

Kinderkosten fehlen im Budget

Zurzeit liege ein Fall auf seinem Pult, bei dem der Garagist auf frei verfügbare Mittel von 1000 Franken im Monat gekommen sei. Bei richtiger Berechnung stehe der Kunde aber mit 50 Franken im Minus. «Somit hätte ihm die Garage gar kein Auto verleasen dürfen», sagt Rothenbühler. Für den Garagisten ist das Risiko einer mangelhaften Bonitätsprüfung gering, denn er ist nur Vermittler des Leasingvertrages. Wenn der Kunde nicht mehr zahlen kann, muss nicht er selber, sondern das Leasinginstitut sich mit ihm herumschlagen.

Als häufigste Mängel von Kreditfähigkeitsprüfungen zählen Rothenbühler und Roncoroni Folgendes auf:

  • Für den Arbeitsweg wird statt der effektiven Kosten nur eine Pauschale von 100 Franken eingesetzt. Die Mehrkosten für auswärtige Verpflegung bleiben unberücksichtigt.
  • Unter den Ausgaben wird zwar die Leasingrate aufgeführt, es fehlen aber die Betriebskosten des Fahrzeugs: Benzin, Reifen, Service, Reparaturen, Parkplatz, Motorfahrzeugsteuern, Versicherungen. Einige Anbieter rechnen mit einer Pauschale zwischen 100 und 300 Franken, obwohl die Betriebskosten das Doppelte der Leasingrate ausmachen können. Dies umso mehr, als alle Leasingverträge eine Vollkaskoversicherung vorschreiben und Service und Reparaturen nur in teuren Markengaragen ausgeführt werden dürfen.
  • Statt der effektiven Krankenkassenprämie wird die Durchschnittsprämie im Wohnkanton eingesetzt – ohne Franchise und Selbstbehalt.
  • Auf der Einnahmenseite wird der Lohn von Angestellten im Stundenlohn mal 13 gerechnet, obwohl die Ferien durch einen Lohnzuschlag abgegolten werden und der Leasingnehmer während der Ferien keinen Lohn erhält. Richtig wäre deshalb, mal 11 zu rechnen.
  • Auslagen für Kinder werden nicht berücksichtigt, obwohl aus den Lohnabrechnungen ersichtlich ist, dass der Leasingnehmer Kinder hat.

Schuldnerberater Mario Roncoroni erzählt sogar von einem aktuellen Fall, in dem ein Mann bei einer Solothurner Garage einen Leasingvertrag abschloss – in Anwesenheit seiner Kinder. Trotzdem seien in die Berechnung keine Auslagen für den Nachwuchs eingeflossen. Dieselbe Erfahrung machte eine hochschwangere Testperson der Zeitschrift «Beobachter» im Jahr 2009. Der Garagist fragte weder nach künftigen Babykosten noch danach, ob sie nach der Geburt des Kindes wieder arbeiten werde. «So lässt sich natürlich nicht verhindern, dass jemand während der Vertragsdauer in finanzielle Schieflage gerät», kommentiert Rechtsanwalt Rothenbühler.

Trotz Medienberichten wie der «Beobachter»-Stichprobe, bei der alle zehn untersuchten Garagen die Kreditfähigkeitsprüfung mangelhaft durchführten, schreibt der Autogewerbeverband Schweiz dem TA, ihm sei «bis zum heutigen Tag kein solcher Fall zu Ohren gekommen». Der Schweizerische Leasingverband hält fest, seine Mitglieder seien aufgefordert, die Angaben ihrer Kunden auf Unstimmigkeiten zu prüfen. «Die Kunden müssen ihre Angaben meist auch unterschriftlich bestätigen und wissen also um deren Bedeutung», betont Geschäftsführer Markus Hess. «Nicht zuletzt deshalb dürfen die Leasinggesellschaften annehmen, dass die Fragen korrekt beantwortet wurden. Trotzdem verlangen sie regelmässig zusätzliche Belege.»

Leasen nur mit Lohnausweis

Gemäss Konsumkreditgesetz müssen die Leasingfirmen die Angaben ihrer Kunden nur überprüfen, wenn sie die Richtigkeit anzweifeln. Dann sind Belege wie Betreibungsregisterauszug oder Lohnausweis gefordert. Mit der laufenden ­Gesetzesrevision soll die Branche verpflichtet werden, solche Dokumente von Anfang an zu verlangen.

Das Hauptproblem sind laut Konrad Rothenbühler aber nicht falsche, sondern unvollständige Angaben: «Die Leasinggeber reden sich gern damit heraus, der Kunde habe ihnen nicht alle Ausgaben angegeben. Dabei müssten sie ihn ausdrücklich fragen, denn Konsumenten wissen in der Regel nicht, welche Angaben bei einer Kreditfähigkeitsprüfung massgebend sind.» Das werde in der Praxis auch so gemacht, entgegnet Markus Hess: «Unsere Mitglieder bemühen sich, auch vom Kunden nicht erwähnte feste Auslagen in die Kreditfähigkeitsprüfung mit einzubeziehen.»

Ungenügende Bonitätsprüfungen können für die Leasinginstitute gravierende Folgen haben: In leichten Fällen verlieren sie ihren Anspruch auf Zinsen und Kosten, in schweren kann der Konsument das Auto zurückgeben und sogar alle bereits geleisteten Zahlungen zurückfordern. Für ausstiegswillige oder bereits vorzeitig ausgestiegene Leasingkunden bietet sich damit ein eleganter Ausweg an, denn üblicherweise stellen die Anbieter saftige Nachforderungen, wenn man das Auto vorzeitig zurückgibt. «Erweist sich die Kreditfähigkeitsprüfung als mangelhaft, ziehen die Firmen ihre Forderungen oftmals zurück», sagt Mario Roncoroni.

Dennoch empfiehlt der Schuldenberater Konsumentinnen und Konsumenten mit schmalem Budget, es gar nicht so weit kommen zu lassen. «Wer auf Pump fahren will, sollte einen möglichst günstigen Privatkredit aufnehmen und mit dem Geld ein Occasionsauto kaufen. Dann ist man von Anfang an Eigentümer des Fahrzeugs und kann es verkaufen, wenn man Geld braucht», so Roncoroni.

Erstellt: 08.03.2015, 17:56 Uhr

Tipps für Konsumenten

Das Leasingauto gehört am Ende nicht dem Kunden


  • Leasing ist eine teure Finanzierungsvariante für ein Auto – etwa 10 bis 15 Prozent teurer als Barzahlung. Wer trotz knapper Kasse unbedingt seinen Traumwagen haben muss, sollte ein Darlehen von Bekannten oder einen Privatkredit einer Bank in Betracht ziehen.


  • Zur monatlichen Leasingrate kommen die Betriebskosten des Autos hinzu. Je nach Fahrzeuggrösse macht das pro Monat nochmals zwischen 500 und 1500 Franken aus.


  • Laut dem Kleingedruckten von Leasingverträgen muss der Kunde die Raten auch bezahlen, wenn das Auto wegen einer Panne längere Zeit in der Reparatur ist. Eine Reduktion oder einen Ersatzwagen hat man in solchen Fällen nicht zugut. Ob ein Gericht diese Klausel schützen würde, ist allerdings fraglich.


  • In der Leasingrate ist nur eine bestimmte Anzahl Kilometer inbegriffen. Mehrkilometer kosten meist zwischen 20 und 60 Rappen. Deshalb ist es wichtig, dass die in der Monatsrate enthaltenen Kilometer ausreichen.


  • Am besten holt man bei zwei bis drei Garagen Offerten für das gewünschte Modell ein. Vergleichen sollte man nicht nur die Leasingrate, sondern auch die Vertragsdauer sowie die Höhe der ersten Rate, die oftmals höher ist als die restlichen. Es gilt: Je länger die Vertragsdauer und je höher die erste Rate, desto niedriger die folgenden Monatsraten.


  • Den Vertrag sollte man erst unterschreiben, wenn man ihn in Ruhe gelesen und alles verstanden hat. Mündliche Zusicherungen des Anbieters müssen im Vertrag festgehalten sein. Einen abgeschlossenen Vertrag können Private innert sieben Tagen kostenlos widerrufen.


  • Manche Garagisten lassen ihre Kunden zusätzlich einen Kaufvertrag unterzeichnen. Damit versuchen sie, das gesetzliche Widerrufsrecht bei Leasingverträgen zu umgehen. Daher sollte man nur den Leasingvertrag unterschreiben.


  • Das Auto bleibt Eigentum der Leasingfirma. Am Ende der Vertragsdauer muss man das Fahrzeug zurückgeben und hat kein Recht, es zu kaufen – auch nicht zum vertraglichen «Restwert». Wer das Auto am Ende eventuell behalten will, muss mit der Leasinggesellschaft von Anfang an eine Kaufoption schriftlich vereinbaren.


  • Wenn der Kunde den Vertrag vorzeitig kündigt, darf die Leasingfirma die Raten rückwirkend erhöhen und eine Nachforderung gemäss Abrechnungs­tabelle im Kleingedruckten stellen – meist in Höhe von mehreren Tausend Franken. Dies deshalb, weil der Wertverlust des Fahrzeugs am Anfang am höchsten ist, die Leasingrate jedoch ab der zweiten Rate konstant bleibt.


  • Ausstiegswillige Kunden haben das Recht, der Leasingfirma eine Ersatzperson vorzuschlagen, die den Vertrag übernehmen würde. Bei der Suche helfen www.leasingportal.ch oder www.fhzg.ch. Der Nachfolger muss die Bonitätsprüfung bestehen, und bei einigen Firmen fällt eine Umschreibegebühr an.


  • Bei der Rückgabe haftet der Kunde nur für übermässige Abnützung. Für den normalen Verschleiss hat er bereits mit der Monatsrate bezahlt. Wichtig: Das Rückgabeprotokoll nur unterzeichnen, wenn es wahrheitsgemäss ausgefüllt ist. Und darauf achten, dass die Kaution (nicht zu verwechseln mit der ersten Monatsrate) zurückerstattet wird.


  • Da Leasingstreitigkeiten häufig sind, empfiehlt es sich, eine Rechtsschutzversicherung abzuschliessen. Bei den meisten Gesellschaften sind Rechtshändel, die innerhalb von drei Monaten nach Abschluss des Versicherungsvertrages ausbrechen, nicht gedeckt.


  • Für geleaste Geschäftsautos gelten teilweise andere Regeln. (thm)

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