Mutterschaft ist kein zufälliges Ereignis

Für selbstständige Frauen gibt es wenig Möglichkeiten, sich für den Einnahmenverlust während der Mutterschaftspause abzusichern.

Viele Erwerbsausfallversicherungen haben kein Angebot, das bei Mutterschaft von selbstständigen Frauen zahlt. Foto: Gareth Williams (Flickr)

Viele Erwerbsausfallversicherungen haben kein Angebot, das bei Mutterschaft von selbstständigen Frauen zahlt. Foto: Gareth Williams (Flickr)

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Freiberuflich tätig zu sein, heisst, frei über seine Arbeit und die Arbeitszeit entscheiden zu können und keinen Weisungen einer Chefin unterworfen zu sein. Es bedeutet aber auch, bei Krankheit oder Unfall nicht automatisch gegen den Einkommensverlust abgesichert zu sein. Eine Ausnahme bildet der Erwerbsausfall von selbstständigen Frauen nach der Geburt eines Kindes: Da springt die Erwerbsersatzordnung (EO) während 14 Wochen ein. Sie ersetzt allerdings nur einen Teil der wegfallenden Einnahmen: Die Kosten für das eigene Geschäft, die auch während eines Mutterschaftsurlaubs anfallen, sind durch die EO-Entschädigung nicht gedeckt. Im Unterschied zu selbstständigen Männern, die während eines Militär- oder Zivildienstes eine Betriebszulage erhalten (siehe: Selbstständige Mütter zahlen drauf).

Was also können junge Frauen vorkehren, wenn sie verhindern wollen, in den Wochen nach einer Geburt auf die Unterstützung ihrer Partner angewiesen zu sein?

900 Franken pro Monat

Die Möglichkeiten, sich abzusichern, sind beschränkt. Da gibt es etwa die Taggeldversicherungen, wie sie das Krankenversicherungsgesetz (KVG) vorsieht. Jede Krankenkasse ist verpflichtet, eine solche anzubieten. Das KVG verlangt auch, dass diese Taggeldversicherungen nicht nur bei Arbeitsunfähigkeit infolge von Krankheit und Unfall, sondern auch nach einer Geburt zahlen müssen. Der Bund prüft die Prämien, die Höhe der versicherten Taggelder geben indes die Kassen selber vor. Die meisten beschränken sie auf maximal 30 Franken pro Tag. Das ergibt pro Monat gerade mal gut 900 Franken, womit sich wohl in den wenigsten Fällen die Lücken schliessen lassen, welche die Mutterschaftsentschädigung der EO beim Einkommen von selbstständigen Frauen hinterlässt.

Eine andere Möglichkeit ist der Abschluss einer Taggeldversicherung nach Versicherungsvertragsgesetz (VVG), auch bekannt als Erwerbsausfallversicherung nach VVG. Bei diesen lassen sich deutlich höhere Summen versichern, wobei die Versicherer selber die Bedingungen definieren und keinen gesetzlichen Vorschriften unterworfen sind. Eine Kurzumfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet zeigt, dass von sechs Erwerbsausfallversicherungen nur gerade deren zwei den selbstständigen Frauen auch im Fall von Mutterschaft ein Taggeld zahlen: jene der CSS und der ÖKK. Bei beiden Kassen können Frauen frei festlegen, welches Taggeld oder welches Einkommen sie für einen Verdienstausfall versichern wollen. Nach einer Geburt werden ihnen die Leistungen aus der EO angerechnet und sie erhalten die Differenz zur versicherten Summe ausbezahlt.

Die übrigen vier angefragten Versicherungen, Helsana, Swica, KPT und Zurich, haben kein Angebot, das bei Mutterschaft von selbstständigen Frauen zahlt, manche schliessen dies in ihren Produkten sogar explizit aus.

Berufsverbände springen ein

Auch wenn die Umfrage lediglich eine Stichprobe umfasst, dürfte sie aussagekräftig sein, insofern als wohl nur wenige Versicherungen die selbstständigen Frauen bei Mutterschaft absichern. Versicherungsexperte Stefan Thurnherr vom VZ Vermögenszentrum erklärt dies mit einem Grundsatz des Versicherungsgeschäfts, wonach sich nur Risiken versichern lassen, die zufällig eintreffen. Bei der Mutterschaft handle es sich aus Sicht der Versicherer nicht um ein zufälliges sondern um ein steuerbares Ereignis.

Den selbstständigen Frauen bleibt allenfalls noch die Möglichkeit, sich über einen Berufsverband zu abzusichern. Allerdings verfügen nur grosse Verbände über eigene Versicherungsangebote und die Leistungen dürften in etwa dieselben sein, wie bei den übrigen Erwerbsausfallversicherungen, zumal auch die verbandseigenen Produkte über externe Versicherungen laufen. So bietet etwa der Verband Coiffure Suisse seinen Mitgliedern eine Erwerbsausfallversicherung an, die Leistungen bei Mutterschaft wurden aber nach der Einführung der EO-Entschädigung im Jahr 2005 gestrichen.

Erstellt: 24.08.2016, 14:08 Uhr

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