«Nur Lettland isst weniger Fleisch»

Müssen wir nach der Krebswarnung der WHO auf Cervelat und Schinken-Käse-Toast verzichten? Dazu Marcel Portmann vom Branchenverband Pro Viande.

«Drei Prozent aller frühzeitigen Todesfälle sind auf den hohen Konsum von Fleischprodukten zurückzuführen»: Blick auf einen Grill.

«Drei Prozent aller frühzeitigen Todesfälle sind auf den hohen Konsum von Fleischprodukten zurückzuführen»: Blick auf einen Grill. Bild: Keystone

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Wer Nachrichten bezüglich Ernährung verfolgt, wird sich primär eine Frage stellen: Soll ich eigentlich bald gar nichts mehr essen? Allmählich erregt doch alles Krebs. Wie ernst nehmen Sie die Warnung der WHO, und was halten Sie von ihrem Entscheid?
Ich bin mir nicht sicher, ob die WHO mit ihrem Entscheid, das Produkt Fleisch fast schon zu verteufeln, nicht etwas zu voreilig ist.

Warum zu voreilig?
In gewissen Situationen gibt es den «Ausnahmefall Schweiz» eben doch. Für uns spielen vor allem zwei Faktoren eine Rolle. Es geht einerseits um die Menge. Gesamteuropäisch gesehen gehört die Schweiz in Sachen Fleischkonsum zu den Schlusslichtern. Nur Lettland isst weniger Fleisch. Weiterhin wissen wir aus der Marktforschung, dass gerade einmal 15 Prozent der Schweizer Bevölkerung täglich Fleisch isst. Dass diese 15 Prozent jeden Tag Wurstwaren konsumieren, zweifle ich an. Insgesamt: 85 Prozent essen nicht jeden Tag Fleisch. Ganz anders zum Beispiel in den USA. Amerikaner konsumieren doppelt so viel Fleisch wie wir. Das hat die WHO ausser Acht gelassen. Ihr Entscheid basiert auf einem Gesamtschnitt der Welt. Wir stehen aber ein für eine ausgewogene und gesunde Ernährung – und diese ist im Moment gegeben. Insofern haben diese Ergebnisse keine Relevanz für uns.

Umfrage

Werden Sie nach der Warnung der WHO nun weniger Fleisch konsumieren?

Ja, ich werde versuchen mehr Mass zu halten.

 
15.5%

Ja, ich werde jetzt vegetarisch leben.

 
10.0%

Nein, ich esse schon massvoll genug.

 
55.1%

Nein, man lebt nur einmal. Ich lasse mir Wurst und Zigaretten nicht verderben.

 
19.5%

1494 Stimmen


Trotzdem basiert der Entscheid auch auf über 800 Studien.
Ein Problem mit diesen Studien – wir haben uns auch ein paar davon angesehen – ist die vermeintliche Kausalität. Einen direkten Kausalzusammenhang in der Ernährung herzustellen, ist schwierig. Ernährung ist keine Mathematik. Es gibt ganz viele Einflussfaktoren, zum Beispiel auch die Bewegung. Das kann man nicht beurteilen. Mir sind ausserdem die Ergebnisse zu vage. Ich hätte gerne klarere Hinweise.

Die WHO empfiehlt nun, den Fleischkonsum einzuschränken. Ist das das Aus für den Cervelat, die Olma-Bratwurst und den Schinken-Käse-Toast, wie wir es kennen?
Ich glaube nicht. Wir setzen uns ja alle bewusst für diesen Genuss ein. Wir essen auch Schokolade, obwohl sie – von den Glückshormonen einmal abgesehen – ungesund ist. Genauso verhält es sich mit der Wurst. Diese Traditionen werden bleiben.

«Die Schweiz gehört in Sachen Fleischkonsum zu den Schlusslichtern.» Marcel Portmann, Pro Viande

Für immer? Die Fleischdebatte hat gerade in den letzten Jahren immer mehr Fahrt aufgenommen. Werden wir Schweizer irgendwann mal vielleicht gar kein Fleisch mehr essen?
Das ist eine Frage, die ich mir auch stelle. Allerdings aus einem ganz anderen Blickwinkel. Fleisch ist aber unsere natürliche Grundlage. Wir können in der Schweiz nur 30 Prozent unseres Bodens landwirtschaftlich nutzen. 70 Prozent dieses Bodens kann nur für die Viehwirtschaft gebraucht werden, dort kann man keine Kartoffeln anpflanzen. Obwohl man da natürlich noch optimieren könnte. Der Verzicht auf Fleisch wäre der Verzicht auf die Grundlage unserer Ernährung. Was würde es wirtschaftlich heissen, in der Schweiz kein Fleisch mehr zu essen? Schon jetzt importieren wir 50 Prozent unserer Esswaren aus dem Ausland. Wäre das wirklich machbar? Ich habe mich das oft gefragt. Ich denke, die Schweiz könnte das, da wir relativ kaufkräftig sind. Aber wirklich vorstellen, kann ich mir das nicht.

Geht es für die Schweizer Metzger jetzt wortwörtlich um die Wurst? Fürchten Sie sich vor etwaigen Handelsbeschränkungen oder Gewinneinbussen?
Die Frage ist jetzt zuerst einmal, was der Bund mit dieser neuen Information macht. Ich hoffe, dass der Status quo beibehalten wird. Es gibt eine gewisse Gefahr, aber für mich ist die Basis für eine Veränderung, zum Beispiel volkswirtschaftliches Interesse, nicht gegeben. Schon jetzt ist im französischen Fernsehen beinahe jedes Lebensmittel in Werbungen mit Warnhinweisen versehen. Ob das wirklich das Konsumverhalten beeinflusst hat, kann ich nicht sagen. Auf der anderen Seite: Gibt es heute überhaupt noch gesunde Lebensmittel?

Erstellt: 26.10.2015, 18:33 Uhr

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