Selbstständige Mütter zahlen drauf

Freiberuflich tätige Frauen bekommen nicht nur weniger Mutterschaftsentschädigung als angestellte, sie fahren auch deutlich schlechter als dienstleistende Männer.

Getrübte Freude: Selbstständige müssen bei Mutterschaft mit finanziellen Lücken rechnen. Foto: Milan Marjanovic (Getty Images)

Getrübte Freude: Selbstständige müssen bei Mutterschaft mit finanziellen Lücken rechnen. Foto: Milan Marjanovic (Getty Images)

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Der Mutterschaftsurlaub ist eine gute ­Sache. Er erlaubt es erwerbstätigen Frauen, sich nach der Geburt eines Kindes für ein paar Monate aus dem Berufsleben auszuklinken, um sich vollumfänglich dem Neugeborenen zu widmen, ohne dabei grosse finanzielle Einbussen in Kauf nehmen zu müssen. Die Erwerbsersatzordnung (EO) garantiert ­sowohl den angestellten wie auch den selbstständigerwerbenden Frauen eine 14-wöchige Auszeit zu 80 Prozent des bisherigen Lohns.

Auch Priska Meier (Name geändert) rechnete damit, dass sie in den ­Wochen nach der Geburt des zweiten Kindes den grössten Teil ihres Erwerbs­ausfalls ersetzt bekäme. Die heute 35-jährige Grafikerin hatte nach der Geburt ihres ersten Kindes ein eigenes Geschäft eröffnet und erzielt als Selbst­ständige ein durchschnittliches Einkommen von mehr als 6000 Franken pro Monat. Wenige Wochen vor der Niederkunft kommt jedoch der Dämpfer: Da erfährt Meier, dass sie statt der erwarteten 80 Prozent von der EO nicht einmal die Hälfte von dem erhält, was sie monatlich erwirtschaftet. Umgerechnet nur rund 2500 Franken pro Monat. Wie ist das möglich?

Die Diskrepanz erklärt sich dadurch, dass die Mutterschaftsentschädigung bei den selbstständigen Frauen anders berechnet wird als bei den unselbstständigen. Bei beiden basiert die Entschädigung auf dem Einkommen, auf welchem sie Beiträge an die AHV – und somit auch jene an die EO – zahlen. Während Angestellte jedoch ihre Sozialversicherungsbeiträge auf dem Bruttolohn entrichten, schulden Selbstständige diese nur auf dem Nettoeinkommen, dem Betrag, der nach Abzug des Betriebsaufwands übrig bleibt.

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Nun ist das Nettoeinkommen bei den freiberuflich Tätigen gleichzeitig das steuerbare Einkommen, weshalb sie ein Interesse daran haben, dieses möglichst tief zu halten. So zahlen Selbstständige am Ende nicht nur weniger Steuern, sondern auch weniger Sozialversicherungsbeiträge als Angestellte mit gleichem Bruttoeinkommen. Im Gegenzug erhalten sie geringere Sozialversicherungsleistungen, in diesem Fall: weniger Mutterschaftsentschädigung.

Von einer Schlechterstellung der selbstständigen Frauen könne in Anbetracht dieser Umstände nicht die Rede sein, sagt Rolf Camenzind vom Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV). «Die tiefere Mutterschaftstentschädigung ist vielmehr eine Konsequenz der steuerlichen Optimierung.»

Keine Betriebszulage für Mütter

Priska Meier räumt ein, sie sei sich dieser Zusammenhänge zwischen Einkommen und Sozialversicherungsleistungen vorher nicht bewusst gewesen. Und sie ist überzeugt, dass es vielen jungen, selbstständigen Frauen genauso geht, weshalb dies viel klarer kommuniziert werden müsste. Meier äussert auch grundsätzliche Bedenken an der Berechnungsmethode und erklärt dies anhand ihrer eigenen Situation. So habe sie ihre Tätigkeit bereits während der Schwangerschaft im vergangenen Jahr reduzieren müssen, um zu verhindern, dass Abgabetermine in die Zeit nach der Geburt fielen. Dadurch seien ihre Einnahmen genau in jenem Zeitraum gesunken, der für die Ermittlung der Mutterschaftsentschädigung massgebend war. Es wäre daher wünschenswert, wenn für die Berechnung der Entschädigung ein grösserer Zeitraum berücksichtigt würde.

Am meisten stört sich Meier daran, dass die 2500 Franken, die sie von der EO pro Monat bekommen hat, nicht einmal ausreichten, um die Fixkosten von rund 3000 Franken für ihr Geschäft zu decken. «Diese fallen schliesslich auch während des Mutterschaftsurlaubs an. Für Selbstständige sollte es daher eine Unterstützung für die laufenden Geschäftskosten geben», findet sie.

Tatsächlich existiert eine solche Unterstützung bereits, allerdings nur für selbstständige Armee- und andere Dienstleistende – und das sind fast nur Männer. Sie erhalten zusätzlich zur Grundentschädigung aus der EO eine Betriebszulage von 67 Franken für jeden Tag, an dem sie Dienst leisten, womit sie im Vergleich zu den Müttern viel besser wegkommen. Dieser Unterschied sei politisch gewollt, sagt Rolf Camenzind vom BSV. Das Parlament habe seinerzeit bewusst nur eine einfache und kostengünstige Lösung für den Mutterschaftsurlaub geschaffen. Damit wollte man dessen Chancen in einer Volksabstimmung erhöhen, zumal frühere Anläufe für einen grosszügigeren Mutterschaftsurlaub allesamt gescheitert waren.

Den Müttern in einem ersten Schritt lediglich das Minimum an Erwerbsersatz zu gewähren, sei richtig gewesen, sagt Ariane Ayer, Anwältin in der auf öffentliches Recht spezialisierten Kanzlei Lex Publica in Lausanne. Die geltende Regelung basiere aber auf einem rückwärtsgewandten Frauenbild, da sie den selbstständigen Frauen die finanzielle Unabhängigkeit abspricht und davon ausgehe, sie könnten ja in der Zeit nach der Niederkunft auf die Unterstützung ihrer Männer zählen. Nun sei es Zeit, diese Ungleichbehandlung zu korrigieren, findet Ayer, zumal Frauen gleichermassen Beiträge an die EO zahlten wie Männer. Eine Korrektur werde kaum zu viel höheren Kosten führen, glaubt Ayer. Tatsächlich ist die Zahl der selbstständigen jungen Frauen verhältnismässig tief. So weist die Statistik bei den unter 40-Jährigen nur gut 40 000 Freiberufliche aus; bei den 40 bis 64-jährigen sind es dreieinhalbmal so viele. Das könnte sich bald ändern, sofern man den Untersuchungen glauben will, wonach immer mehr Junge freiberuflich tätig seien.

Die meisten wissen von nichts

Die bisher geringe Zahl der Betroffenen ist auch eine mögliche Erklärung dafür, warum in den elf Jahren seit Bestehen des bezahlten Mutterschaftsurlaubs nie die Forderung aufgekommen ist, das Gesetz zu ändern. Selbst beim eidgenössischen Gleichstellungsbüro (EBG) ist die Benachteiligung der selbstständigen Mütter in der EO kein Thema; es gebe keine entsprechenden Anfragen aus der Bevölkerung, sagt die Leiterin des Fachbereichs Recht im EBG, Andrea Binder.

Eine andere mögliche Erklärung ist, dass die meisten von der Ungleichbehandlung gar nichts wissen. So räumt auch Kathrin Bertschy, GLP-National­rätin und Co-Präsidentin von Alliance F, dem Bund Schweizerischer Frauenorganisationen, ein, ihr sei diese nicht bewusst gewesen. Unbestritten sei zwar, dass Selbstständige grundsätzlich viel stärker selber für einen Erwerbsausfall vorsorgen müssten als Angestellte. «Dass aber in ein und derselben Sozialversicherung die Männer bei der Abdeckung von Lücken besser wegkommen als die Frauen, geht gar nicht.» Auch für Bertschy ist deshalb klar, dass es hier eine Korrektur braucht.

Erstellt: 21.08.2016, 22:33 Uhr

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