Sensible Daten in fremden Händen

Externe Schreibbüros unterstützen Arztpraxen und Spitäler beim Abtippen von Krankenberichten. Doch wie steht es um den Datenschutz, wenn Ärzte ihre Schreibarbeit auslagern?

Auch für Schreibservices werden Mindeststandards verlangt. Foto: Sabina Bobst

Auch für Schreibservices werden Mindeststandards verlangt. Foto: Sabina Bobst

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Mitte November musste sich ein Psychi­ater vor dem Bezirksgericht Zürich wegen Verletzung des Berufsgeheimnisses verantworten. Ihm wurde vorgeworfen, er habe einen heiklen, umfassenden Bericht über einen Patienten gar nicht selber verfasst, sondern ein externes Schreibbüro damit beauftragt. Konkret hatte der Arzt seinen Befund auf Band diktiert und das Material an das Büro übermittelt, welches das Diktat transkribierte. Der Arzt habe es jedoch versäumt, für die Weitergabe des Krankenberichts die Zustimmung des Patienten einzuholen, obwohl er gesetzlich dazu verpflichtet gewesen wäre, heisst es in der Anklageschrift.

Das Gericht sah es indes anders. Beim Schreibbüro handle es sich um sogenannte Hilfspersonen des Arztes. Diese unterstehen der gleichen Geheimhaltungspflicht wie auch die Angestellten von Arztpraxen und Spitälern. Deshalb habe der Psychiater mit der Nutzung des externen Dienstleistungsangebots auch seine Pflicht zur Geheimhaltung nicht verletzt.

In der Schweiz längst Praxis

Alles also kein Problem? Tatsache ist: Dass Ärzte externe Büros zum Schreiben von Berichten nutzen, ist in der Schweiz längst Praxis. Angefangen hat es ursprünglich damit, dass Mitarbeiterinnen von Arztpraxen, die den Job aufgegeben hatten, weiterhin von zu Hause aus für den früheren Arbeitgeber die Arztberichte abtippten. «Das geschah jeweils auf informeller Ebene, man kannte sich und wusste Bescheid über die Regeln, die einzuhalten waren», sagt Urs Stoffel vom Ärzteverband FMH.

Inzwischen hat sich die informelle Tätigkeit jedoch zu einem eigenen Dienstleistungszweig entwickelt. Im Internet sind zahlreiche Adressen von medizinischen Schreibservices zu finden. Hinter manchen dieser Büros stehen lediglich Einzelpersonen, andere beschäftigen bis zu 20 Angestellte. Sie tippen Krankenberichte ab und unterstützen damit Arztpraxen in Phasen von hohem Arbeitsanfall oder bei Personalausfällen. Urs Stoffel von der FMH weiss aber auch von Ärzten, die ihre gesamte Schreibarbeit auslagern. Er selber hält die Schreibbüros für eine gute Sache.

Zu den Nutzern solcher externer Angebote gehören auch Spitäler. Diese seien darauf angewiesen, Berichte über Patienten fristgerecht an die zuweisenden Ärzte abgeben zu können; das sei heute ein zentraler Faktor im Wettbewerb unter den Kliniken, sagt Matthias Zurbrügg, der mit seinem medizinischen Schreibbüro schon seit 20 Jahren im Geschäft ist.

Zustimmung nicht nötig

Doch wie immer, wenn hochsensible Daten, zu denen insbesondere jene über die persönliche Gesundheit gehören, von Aussenstehenden bearbeitet werden, stellt sich die Frage nach dem Datenschutz. Laut Francis Meier, Sprecher des Eidgenössischen Datenschutzbeauftragten, ist es grundsätzlich zulässig, die Dienste von externen Schreibbüros zu nutzen, doch seien die Ärzte selber für die Wahrung des Berufsgeheimnisses verantwortlich. Sie müssten sicherstellen, dass das Schreibbüro die Daten nur so bearbeite, wie sie selbst dies tun dürften. Auch müssten sich die Ärzte vergewissern, dass die Daten verschlüsselt übermittelt würden und keine Unbefugten darauf zugreifen könnten. Eine Einwilligung der Patienten braucht es jedoch nicht, wenn ein Arzt die Bearbeitung von Patientendaten an externe Hilfspersonen überträgt.

Ein Blick auf die Websites verschiedener Büros zeigt, dass diese sich der heik­len Frage des Datenschutzes bewusst sind. Zumindest geloben alle, die rechtlichen Bestimmungen einzuhalten. Sie schliesse mit jedem Kunden eine entsprechende Vereinbarung ab, sagt die Inhaberin eines Schreibdienstes auf Anfrage. Und beim Schreibbüro von Mat­thias Zurbrügg wird der Datenschutz nicht nur gegenüber den ärztlichen Auftraggebern zugesichert, auch die Angestellten müssen sich bei Vertragsabschluss explizit dazu verpflichten.

Gefragt sind Mindeststandards

Letztlich legt aber jeder Schreibservice-Anbieter selber fest, wie er die Vertraulichkeit gewährleistet, Richtlinien gibt es keine. «Eine Standardisierung wäre angebracht», sagt Urs Stoffel. Der Ärzteverband FMH beabsichtigt deshalb, Leitlinien zu definieren, an denen sich Ärztinnen und Arztpraxen orientieren könnten. Dazu gehören insbesondere auch Vorgaben für den Transfer der Daten, denn die Voraussetzungen für eine gesicherte Übermittlung seien heute nicht in jedem Fall garantiert.

Handlungsbedarf sieht Ärztevertreter Stoffel auch aufseiten der Schreibbüros. Er schlägt die Gründung eines Dachverbands vor: Dem könnten sich die Schreibservices anschliessen und so einen minimalen Standard im Umgang mit den Daten garantieren.

Der Vorschlag nach einer Professionalisierung stösst bei Schreibbüro-Inhaber Matthias Zurbrügg auf offene Ohren: «Wir sind bereits dran, einen solchen Verband zu gründen.»

Erstellt: 11.01.2016, 08:18 Uhr

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