So entschlüsseln Sie Ihre Spitalrechnung

Da Arztrechnungen primär für Maschinen geschrieben werden, sind sie für Patienten nur schwer verständlich. Eine Lesehilfe.

Pauschalrechnungen für Eingriffe sind für Patienten schwierig zu kontrollieren. Foto: Getty Images

Pauschalrechnungen für Eingriffe sind für Patienten schwierig zu kontrollieren. Foto: Getty Images

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Der Bundesrat will, dass Arzt- und Spitalrechnungen besser kontrolliert werden. Deshalb verlangt er, dass Patienten stets eine Kopie der Spitalrechnung erhalten, welche die Spitäler oder Ärzte den Krankenkassen schicken. Schon heute müssten sie gemäss Gesetz solche Kopien verschicken. Doch sie tun es nicht, da es keine Konsequenzen hat. Nun will die Landesregierung jene Spitäler und Ärzte sanktionieren, die dies unterlassen. Ob besser informierte Patienten Fehler finden und so helfen, Kosten zu senken, ist allerdings fraglich.

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Denn oft scheitert es schon am Verständnis: «Patienten verstehen Arzt- und Spitalrechnungen nicht, das zeigt eine Umfrage, die wir 2013 durchgeführt haben», sagt Felix Schneuwly, Gesundheitsexperte bei Comparis. Die Ärzteorganisation FMH kommt zum gleichen Schluss: «Dieses Problem ist ein Dauerbrenner, aufgrund des bundesrätlichen Vorstosses werden wir einen neuen Anlauf nehmen, um den Missstand zu beseitigen», sagt Urs Stoffel vom FMH-Zentralvorstand. Denn es gebe Fehler, die nur der Patient erkenne. Meist geschehe dies nicht aus bösem Willen, und mit dem Hinweis des Patienten könne der Arzt die Rechnung rasch korrigieren.

Lückenhafte Kontrolle

Der Grund für die schwere Lesbarkeit: Die Rechnungen werden für Maschinen geschrieben und nicht für Menschen. Das Forum Datenaustausch, in dem neben der FMH, dem Bundesamt für Sozialversicherungen und dem Krankenkassenverband Santé­suisse weitere Organisationen vertreten sind, macht Vorgaben, die Ärzte und Spitäler exakt einhalten müssen. Das ermöglicht es Krankenkassen, die Rechnungen automatisiert zu prüfen. Sie können zum Beispiel feststellen, wenn fälschlicherweise eine Leistung verrechnet wird, die bereits in der Pauschale einer Spitalbehandlung enthalten ist. Die Rechner der Krankenkassen bemerken aber nicht, wenn ein Arzt oder ein Spital Leistungen aufführt, die verwechselt oder gar nicht erbracht worden sind. Das können nur die Patienten – sofern sie die Rechnung verstehen. Folgende Hinweise helfen, bei Rechnungen von Ärzten und nach ambulanten Spitalaufenthalten die wichtigsten Punkte zu kontrollieren:

  • Arzt: Weit oben auf der Rechnung beim Stichwort «Leistungs­erbringer» ist der Name des Arztes vermerkt. Es kommt immer wieder vor, dass zum Beispiel in einer Gruppenpraxis etwas durcheinandergerät. Nebst dem Namen des Arztes sollte auch jener des Patienten kontrolliert werden – auch hier gibt es öfters Verwechslungen.
  • Datum: Fand der Arztbesuch tatsächlich an diesem Tag statt?
  • Konsultation: Das Gespräch mit dem Arzt ist etwas kompliziert in erste 5 Minuten, weitere 5 Minuten und letzte 5 Minuten aufgeteilt. Wenn der Patient die Gesamtzahl der Einheiten zusammenrechnet, erhält er ein Total, das ungefähr der Konsultationszeit entsprechen sollte.
  • Leistungen: Hat der Patient die aufgeführten Medikamente tatsächlich erhalten? Auch Laboruntersuchungen und weitere Leistungen lassen sich so zumindest ansatzweise überprüfen. Eine exakte Interpretation der stichwortartig aufgeführten Leistungen kann für Laien aber auch schwierig sein.
  • Abwesenheit: Enthält die Rechnung eine Arztleistung «in Abwesenheit des Patienten», sollte genauer hingeschaut werden. Das ist heute nur noch in Ausnahmefällen zulässig – zum Beispiel bei aufwendigen Abklärungen für die Überführung in ein Pflegeheim.

Patienten, die Fehler feststellen oder etwas nicht verstehen, können in einem ersten Schritt mit dem verantwortlichen Arzt Kontakt aufnehmen. «Ist etwas falsch, so handelt es sich in 99 von 100 Fällen um ein Versehen, und die Ärzte sind dankbar für solche Hinweise», sagt Urs Stoffel. Denn so lasse sich ein Fehler mit einer neuen Rechnung unkompliziert beheben. Wenn keine Klärung möglich ist, kann in einem zweiten Schritt die Ombudsstelle für Ärzte des zuständigen Kantons weiterhelfen. Kontaktadressen sind im Internet leicht auffindbar. Unter Aerztekasse.ch und dem Stichwort «Patienteninfo» ist zudem eine einfache Tarmed-Musterrechnung mit Erläuterungen aufgeschaltet.

Wer die erwähnten Punkte beachtet, kann schon viele Fehler ausschliessen. Etwas vertieftere Kenntnis ist dafür nötig, im Internet die Tarmed-Tarife zu konsultieren und die ärztliche Leistung zu verifizieren. Die Unfallversicherin Suva und die Krankenkasse Atupri bieten ihren Versicherten zudem eine digitale Übersetzungshilfe an. Diese entschlackt die Rechnung von Codes und formuliert die erbrachte Leistung in gut verständlicher Sprache. Laut Suva, welche diese Übersetzungs-App entwickelt hat, gibt es dafür bereits weitere Interessenten.

Die bisher erwähnten Rechnungen betreffen den Tarmed-Tarif, der für ärztliche Leistungen oder bei ambulanten Behandlungen im Spital zur Anwendung kommt. Bei stationären Spitalaufenthalten, die mit Übernachtungen verknüpft sind, werden Fallpauschalen verrechnet. Je nach Eingriff gibt es also eine bestimmte Pauschale. Einzelne Behandlungsschritte und Medikamente werden nicht separat ausgewiesen. Aufgrund der Pauschale bleiben dem Patienten weniger Punkte, die er kontrollieren kann. Noch schwieriger wird es bei stationären Aufenthalten von Halbprivat- oder Privatversicherten: Hier werden ärztliche Leistungen manchmal nur sehr allgemein umschrieben.

Mangelndes Interesse?

Wie gut Patienten ihre Arztrechnungen kontrollieren, hängt nicht nur von der Lesefreundlichkeit ab, sondern auch vom finanziellen Interesse. «Bei Zahnarztrechnungen, die nicht von der Krankenkasse übernommen werden, schauen die Patienten viel genauer hin», sagt Jona Städeli von der Krankenversicherung Atupri. Auch bei hohen Franchisen, also wenn Patienten einen grösseren Teil der Arztrechnung selber zahlen müssen, prüften die Versicherten genauer. Eine leicht verständliche Rechnung könnte aber die Kontrollbereitschaft erhöhen. Städeli verweist auf die hauseigene Übersetzungshilfe: «Wir haben jährlich 25'000 Zugriffe auf dieses Tool.» Bei 60'000 Versicherten, die überhaupt die technischen Möglichkeiten dazu hätten, sei dies ein hoher Wert. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 28.01.2019, 09:06 Uhr

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