Entschädigung für Frustflug – Airlines im Vergleich

Verspätet oder abgesagt, dafür gibt es Geld. Wer sperrt? Wir haben bei Inkassofirmen nachgefragt. «Zeitschinderin» heisst es zur Swiss.

Die Airline lässt sich beim Bezahlen von Entschädigungen Zeit: Eine Swiss-Maschine am Flughafen Zürich. Foto: Urs Jaudas

Die Airline lässt sich beim Bezahlen von Entschädigungen Zeit: Eine Swiss-Maschine am Flughafen Zürich. Foto: Urs Jaudas

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Der offene Brief beginnt mit freundlichen Worten: «Lieber Michael, du hast es geschafft. Deine Fluglinie Ryanair ist die grösste Europas», lobt die Gründerin des Entschädigungsportals Refund.me, Eve Büchner, den Gründer der Billigfluglinie Ryanair, Michael O’Leary. Doch dann kommt sie zur Sache: «Die allermeisten Beschwerden erhalten wir wegen verspäteter oder ausgefallener Flüge von Ryanair.» Und weiter: «Ich glaube nicht, dass dies ein Zufall ist. Ich glaube, dass du diese Verspätungen bewusst in Kauf nimmst, weil du so noch mehr Geld verdienen kannst.»

Die Antwort O’Learys liess nicht lange auf sich warten. Schon am Folgetag wies sein Kommunikationschef in einem ebenfalls offenen Brief sämtliche Vorwürfe als «unwahr» zurück. Ryanair sei auch deshalb so erfolgreich, weil das Unternehmen seinen Kunden «die meisten pünktlichen Flüge» aller grossen Airlines in der EU biete, schrieb er.

Ranking – die pünktlichsten Airlines der Welt:

Was stimmt nun? – Wohl beides. Denn die Aussagen beziehen sich auf absolute Zahlen. Und als mit Abstand grösste Airline Europas kann es durchaus sein, dass Ryanair sowohl die meisten pünktlichen als auch die meisten verspäteten oder abgesagten Flüge verzeichnet. Aus Passagiersicht ebenso wichtig ist aber die Frage, welche Fluggesellschaften am kooperativsten sind, wenn es darum geht, für annullierte, überbuchte oder stark verspätete Flüge eine Entschädigung von bis zu 600 Euro pro Person zu zahlen. Dazu sind die Airlines gemäss der auch in der Schweiz gültigen EU-Passagierrechteverordnung verpflichtet.

Iberia und Ryanair am Schluss

Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat bei zwölf Entschädigungsportalen nachgefragt, welche Fluggesellschaften am schnellsten und bereitwilligsten auf solche Anfragen reagieren – und welche sich mit allen Mitteln gegen eine Zahlung wehren. Die Portale bieten Flugpassagieren an, ihre Ansprüche gegenüber den Airlines durchzusetzen, und verlangen dafür im Erfolgsfall eine Provision zwischen 25 und 30 Prozent der Entschädigung. Einige kaufen den Passagieren die Forderung auch ab, um sie dann im eigenen Namen geltend zu machen. All diesen Inkassodiensten ist gemeinsam, dass sie aufgrund der Vielzahl der bearbeiteten Fälle die Kooperationsbereitschaft einzelner Airlines gut beurteilen können.

Neun von zwölf angefragten Inkassoportalen haben auf die Umfrage geantwortet: Airhelp, Claimflights, EUclaim, Fairplane, Flightright, Flug-Erstattung, Flug-verspätet, Juvaro und Refund.me. Die Ergebnisse:

Vorne weg fliegen Air Berlin, Austrian Airlines und Condor. Sie reagieren nach Einschätzung der Inkassodienste am schnellsten und entgegenkommendsten auf Entschädigungsforderungen. Als überdurchschnittlich wurden auch Air France, KLM und Lufthansa eingestuft.

Umfrage

Frustflug: Haben Sie schon einmal Entschädigung verlangt?




Am schlechtesten abgeschnitten haben Iberia, Ryanair und die türkische Onur Air. Zu Letzterer schreibt der Inkassodienst Juvaro: «Die Airline reagiert nicht einmal auf gerichtliche Urteile. Wir kennen keinen Fall, in dem nicht die Zwangsvollstreckung zur Durchsetzung einer Forderung nötig gewesen wäre.» Onur Air wollte das Resultat genauso ­wenig kommentieren wie Ryanair und Iberia. Als besonders hartnäckig gelten laut den Inkassoportalen auch Easyjet, TAP Portugal und Turkish Airlines.

Während die Meinungen zu den kooperativsten respektive unkooperativsten Airlines teilweise auseinandergehen, sind sich die Portale bei der Fluggesellschaft Swiss weitgehend einig: «Mittelfeld» lautet die Bewertung in 7 von 8 Antworten. Swiss wollte dazu nicht Stellung nehmen, weil es sich bei den Inkassodiensten «um gewinnorientierte Unternehmen handelt, von deren Objektivität wir nicht überzeugt sind».

Gut fliegen – die besten Airlines der Welt:

Das Portal Flightright bezeichnet Swiss als «Zeitschinderin». Darauf deutet auch ein bisher öffentlich weitgehend unbekannter Beschluss des Deutschen Bundesgerichtshofs aus dem Jahr 2013 hin. Das Gericht wollte damals dem Europäischen Gerichtshof (EuGH) die Frage vorlegen, ob die Fluggastrechteverordnung auch für Flüge von der Schweiz in Länder ausserhalb der EU gelte oder nur im Verkehr mit EU-Ländern, wie Swiss stets behauptet.

Es ging um einen Flug von Frankfurt über Zürich nach Yaoundé (Kamerun). Wegen Problemen beim Anschlussflug kamen die Passagiere 20 Stunden zu spät am Ziel an. Einer von ihnen verlangte deshalb eine Ausgleichszahlung von 600 Euro. Swiss wehrte sich zunächst durch alle Instanzen, lenkte dann aber plötzlich ein, als das höchste europäische Gericht die Frage klären sollte.

Auf Anfrage wollte sich die Airline nicht zum Verdacht äussern, sie habe damit ein für sie möglicherweise ungünstiges Präjudiz vermeiden wollen. Stattdessen weist sie darauf hin, dass das Zivilgericht Basel-Stadt sowie Gerichte in Ungarn und Polen ihrer Ansicht gefolgt seien.

Dass Swiss Urteile höherer Gerichte scheut, ist auch einem führenden Experten für Fluggastrechte in Deutschland aufgefallen. Rechtsprofessor Ronald Schmid hat als Anwalt vor dem EuGH erreicht, dass Passagieren nicht nur bei Annullierungen und Überbuchungen eine Ausgleichsleistung zusteht, sondern auch bei Verspätungen ab drei Stunden. Er sagt als Mediensprecher des Portals Fairplane: «Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Swiss kein Interesse daran zu haben scheint, die Frage der Anwendbarkeit dieses Urteils auch in der Schweiz durch ein Schweizer Obergericht klären zu lassen.» Bevor es so weit komme, anerkenne Swiss entweder die Forderung oder unterbreite wenigstens ein akzeptables Vergleichsangebot, so Schmid. Gegen aussen vertritt Swiss die Haltung, EuGH-Urteile seien für sie nicht verbindlich.

Hinhalten und abwimmeln

Swiss sei «in Sachen Kundendienst kein Vorbild», sagte Reiseombudsmann Fran­co Muff der «SonntagsZeitung» Ende 2016. Das gelte aber auch für viele andere Fluggesellschaften. Sie stellen sich taub oder wollen sich mit juristischen Spitzfindigkeiten aus der Affäre ziehen. Oft wird eine Annullierung oder Verspätung gar nicht begründet – oder dann mit einem Defekt am Flugzeug. Doch technische Probleme entlasten die Airlines in der Regel nicht.

Betroffene Passagiere sind daher gut beraten, an einen Inkassodienst, den Reiseombudsmann oder die Beschwerdestelle des Bundesamts für Zivilluftfahrt zu gelangen, wenn eine schriftliche Reklamation bei der Fluglinie nicht zum Erfolg führt.

Erstellt: 29.05.2017, 06:22 Uhr

Inkassodienst ausgebootet

Edelweiss siegte vor Gericht

Internetportale, die Passagieren abgesagter, überbuchter oder stark verspäteter Flüge beim Eintreiben einer Entschädigung helfen, sind den Airlines von jeher ein Dorn im Auge. Ryanair bezeichnet ihr Tun ganz offiziell als «wertlose und unnötige Dienstleistung» und verlangt, dass Passagiere ihre Ansprüche direkt bei ihr geltend machen. Die irische Billigfluglinie verbietet ihren Kunden in den Beförderungsbedingungen, Ansprüche an einen Inkassodienst abzutreten. Fachleute bezweifeln, dass diese Klausel im Kleingedruckten gültig ist. Deutsche Gerichte haben sie bereits als unzulässig beurteilt.

Doch auch die zum Lufthansa-Konzern gehörende Edelweiss Air hat einen Weg gefunden, sich eines Inkassodienstes – konkret war es Flightright – zu entledigen. Wie aus einer aktuellen Publikation des Zürcher Anwaltsverbands hervorgeht, machte die Airline im Fall eines um 14 Stunden verspäteten Fluges von den Malediven nach Zürich vor dem Bezirksgericht Bülach geltend, die Entschädigungsforderung hätte nicht zur gerichtlichen Durchsetzung an einen Anwalt von Flightright abgetreten werden dürfen. Das Gericht sah das ebenso. Begründung: Das Honorar des Anwalts sei vom Prozesserfolg abhängig, was gemäss Anwaltsgesetz verboten sei.

Tatsächlich ist es üblich, dass Inkassodienste im Erfolgsfall zwischen 25 und 30 Prozent der erstrittenen Entschädigung für ihren Aufwand einbehalten. Flightright will nun seine Haltung zu Gerichtsverfahren in der Schweiz «generell überdenken». (thm)

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