Und plötzlich fehlt Alterskapital

Wer seine Stelle aufgibt und keine neue antritt, muss sein Pensionskassengeld in eine Freizügigkeitsstiftung übertragen. Dort ist es aber nur lückenhaft abgesichert.

Auch eine Variante, seine Ersparnisse zu lagern, wenn auch nicht unbedingt die sicherste. Foto: Keystone

Auch eine Variante, seine Ersparnisse zu lagern, wenn auch nicht unbedingt die sicherste. Foto: Keystone

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Als Caroline Weber im Sommer 2015 von einem mehrjährigen Auslandaufenthalt in die Schweiz zurückkehrte, erwartete sie eine unangenehme Nachricht. Die Freizügigkeitseinrichtung, auf die sie ihr Pensionskassenguthaben vor der Abreise überwiesen hatte, war in der Zwischenzeit in Konkurs gegangen. Caroline Weber, die in Wirklichkeit anders heisst, kam nicht an ihr Geld heran, sämtliche Auszahlungen waren blockiert. Sie wusste auch nicht, wie viel sie dereinst von ihren Ersparnissen noch erhalten würde. Das Verfahren zog sich lange hin, erst im vergangenen Herbst hatte Weber Gewissheit. Da teilte das Konkursamt den Gläubigern der Continua – so der Name der Stiftung – mit, dass ihre Guthaben zu rund 89 Prozent gesichert seien und ausbezahlt würden. Alle Versicherten mussten somit einen Verlust von 11 Prozent hinnehmen. Dafür gab es keine Absicherung.

Einen solchen Fall, der Konkurs eines Vorsorgewerkes mit Verlusten für die Versicherten, hätte es im hiesigen, auf Sicherheit bedachten Vorsorgesystem gar nicht geben dürfen. Dass es trotzdem dazu gekommen ist, hat verschiedene Gründe. Dazu gehören auch die rechtlichen Spielregeln. Oder besser gesagt: die Änderung dieser Spielregeln.

Wertschriftenanlagen als Verhängnis

Was ist passiert? Die Continua war eine unabhängige Freizügigkeitsstiftung, das heisst, sie war nicht einer Bank angeschlossen. Die Gelder von den Sparkonten ihrer Kunden legte sie in Wertschriften an. Das war bis vor wenigen Jahren zulässig. Als die Finanzkrise ausbrach, büssten die Kapitalanlagen der Continua an Wert ein. Der Verlust sei aber nicht so gross gewesen, als dass er sich nicht innert einer gewissen Zeit hätte wettmachen lassen, sagen Insider.

Doch im gleichen Zeitraum verschärfte der Bundesrat die Vorschriften. Ab 2011 durften Freizügigkeitsstiftungen die Spargelder ihrer Kunden nicht mehr für Kapitalanlagen einsetzen, sondern mussten sie bei einer Bank anlegen, die der Finanzmarktaufsicht (Finma) untersteht. Die neuen Bestimmungen galten auch für bestehende Stiftungen; sie bekamen ein Jahr Zeit, sie umzusetzen. Für die Continua bedeutete dies, dass sie ihre gesamten Wertschriftenbestände in einem für sie denkbar ungünstigen Moment veräussern und in Bank-Spareinlagen umwandeln musste.

Dieser Transformationsprozess war nur mit Verlust möglich; den wollte die Continua auf ihre Kunden überwälzen. Dagegen wehrten sich einzelne gerichtlich und bekamen recht: Das Bundes­gericht untersagte die Überwälzung des Verlusts. Die Versicherten hätten Anspruch auf ihr volles Freizügigkeits­guthaben. Der Stiftung fehlte indes das Geld, um die Forderungen zu erfüllen. So kam es zum Konkurs.

Heute kaum mehr möglich

Ein «Fall Continua» könne sich heute kaum mehr ergeben, sagt Versicherungsexperte Stefan Thurnherr vom VZ Vermögenszentrum. Paradoxerweise gerade wegen der verschärften Regeln, die den Konkurs der Continua mitverursacht haben. Insbesondere seien die Sparguthaben der Kunden nun besser abgesichert. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich allerdings, dass die Absicherung nach wie vor begrenzt ist.

Konkret: Eine Freizügigkeitsstiftung, egal, ob dahinter ein Geldinstitut steht oder nicht, muss heute, wie erwähnt, die Sparguthaben ihrer Kunden bei einer Bank anlegen. Bei einem Konkurs dieser Bank ist das Geld durch den Einlegerschutz abgesichert. Dabei werden Freizügigkeitsguthaben der 2. Konkursklasse zugeteilt und sind bis zu einem Betrag von 100'000 Franken pro Kunde privilegiert. Damit ist nicht garantiert, dass den Versicherten die 100'000 Franken in jedem Fall ausbezahlt werden, sondern nur, wenn die vorhandenen Mittel dafür ausreichen.

Hinzu kommt: Der Einlegerschutz greift nur bei einem Konkurs der Bank. «Geht hingegen die Freizügigkeitsstiftung selber in Konkurs, sind die Sparguthaben nicht gesichert. Denn obwohl sie die Gelder ihrer Kunden auf einer Bank anlegen muss, bleibt die Freizügigkeitsstiftung die Rechtsträgerin der Bankkonten», sagt Lydia Studer, stellvertretende Direktorin der Oberaufsichtskommission Berufliche Vorsorge.

Politisch gewollt

Studer ist zwar, wie andere Fachleute auch, überzeugt, dass ein Konkurs einer Freizügigkeitsstiftung heute «sehr wenig wahrscheinlich» ist. Vor allem, wenn die Stiftung einer Bank angeschlossen sei. Bei unabhängigen Stiftungen sei ein Konkurs aber nicht vollständig ausgeschlossen.

Dass die Freizügigkeitsguthaben nur lückenhaft abgesichert sind, sei politisch gewollt, sagt der Rechtsanwalt und Pensionskassenexperte Martin Hubatka. Einen weitergehenden Schutz habe man nicht für nötig gehalten. So hätten es der Bundesrat und das Parlament mehrfach abgelehnt, die Freizügigkeitseinrichtungen dem Sicherheitsfonds BVG zu unterstellen wie die Pensionskassen. Der Fonds springt ein, sobald eine Pensionskasse zahlungsunfähig wird, und stellt die Leistungen sicher.

Schwer nachvollziehbare Ungleichbehandlung

Diese ungleiche Behandlung der Altersersparnisse ist aus Sicht der Versicherten schwer nachvollziehbar, zumal sie in der Regel keine freie Wahl haben zwischen Freizügigkeitsguthaben und Pensionskasse. Wer die Stelle verliert und nicht gleich eine neue findet, muss sein Alterskapital in eine Freizügigkeitseinrichtung übertragen.

Nun soll die Ungleichbehandlung verringert werden. Mit der Reform der Altersvorsorge 2020, die im September zur Abstimmung kommt, werden die Anforderungen an die Freizügigkeitseinrichtungen erhöht. Sie müssen künftig ein minimales Anfangsvermögen vorweisen und zeitlich unbegrenzte Garantieleistungen festlegen, damit sie überhaupt tätig werden können. Damit soll verhindert werden, dass die Versicherten zu Schaden kommen, wenn die Stiftungsverantwortlichen die Spargelder der Kunden nicht vorschriftsgemäss an eine Bank übertragen und die Stiftung in Konkurs geht. Die neuen Hürden richten sich insbesondere an die Gründer von unabhängigen Stiftungen. Wie hoch das Mindestvermögen sein muss, wird der Bundesrat in den kommenden Monaten in der Verordnung festlegen.

Risiko minimieren

Mit den neuen Vorschriften wird sich das Verlustrisiko für die Versicherten noch einmal merklich verringern. Dieses Risiko können sie aber auch selber minimieren, insbesondere, indem sie:

  • bei der Wahl der Freizügigkeitsstiftung darauf achten, dass dahinter eine Bank steht. Dann ist das Geld bei einem Konkurs besser abgesichert.

  • die Guthaben aufteilen: Wer aus einer Pensionskasse austritt, kann sein Alterskapital auf zwei verschiedene Freizügigkeitsstiftungen aufteilen. Dann gilt auch der Einlegerschutz für beide Konten separat.

Wer hingegen das Risiko nicht scheut, kann sein Freizügigkeitsguthaben seit je in Wertschriften anlegen. In diesem Fall muss man allerdings die Kursverluste selber tragen und profitiert von keiner Absicherung.

Erstellt: 08.05.2017, 00:13 Uhr

Freizügigkeitsstiftung

Jeder kann eine gründen

Wer seine Stelle aufgibt oder verliert und nicht sofort eine neue antritt, muss sein Alterskapital auf eine Freizügigkeitseinrichtung übertragen, um den Vorsorgeschutz zu erhalten. Für das Parkieren des Geldes bietet sich entweder eine Police bei einer Versicherung an oder ein Freizügigkeitskonto. Letzteres ist die am stärksten verbreitete Variante. Die Konten schliesst man bei einer Freizügigkeitsstiftung ab. Dabei handelt es sich meist um Stiftungen von Banken. Grundsätzlich aber kann jedermann eine Freizügigkeitsstiftung errichten, man spricht dann von einer unabhängigen Stiftung. Davon gibt es indes nur noch wenige. Die Freizügigkeitsstiftungen unterstehen der Stiftungsaufsicht der Kantone. (afi)

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