Wann sich die ärztliche Zweitmeinung lohnt

Anita M. hatte vor der Venen-OP ein ungutes Gefühl. Sie ging zu einem zweiten Arzt. Zum Glück.

Wer vor einem operativen Eingriff ein ungutes Gefühl hat, sollte sich nicht scheuen, eine Zweitmeinung einzuholen. Foto: Thomas Barwick (Getty Images)

Wer vor einem operativen Eingriff ein ungutes Gefühl hat, sollte sich nicht scheuen, eine Zweitmeinung einzuholen. Foto: Thomas Barwick (Getty Images)

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Anita Müller (Name geändert) wurde stutzig, als ihr der Arzt einen Operationstermin angab, ohne ihre Krampfadern genauer untersucht zu haben. Schon eine Weile plagten sie ihre müden und schweren Beine. Der Chirurg ist ihr zwar empfohlen worden, trotzdem hat sie ein ungutes Gefühl.

Denn einerseits hat Anita Müller Respekt vor einem Eingriff, und andererseits konnte ihr der Chirurg Risiken sowie Vor- und Nachteile dieses Eingriffs nicht so schlüssig erläutern, dass sie sich eine Meinung dazu bilden konnte. Sie würde gerne hören, was ein anderer Experte dazu sagt.

Zuerst hat sie etwas Hemmungen, die Expertise ihres Chirurgen in Zweifel zu ziehen. Nachdem Angehörige sie darin bestärkt haben, konsultiert sie schliesslich doch einen zweiten Experten.

Zum Glück: Denn der andere Arzt untersucht mittels Ultraschall, wie gut das Blut aus den Beinen transportiert wird. Er stellt fest, dass die müden Beine von Anita Müller wahrscheinlich nicht mit den wenigen Krampfadern zusammenhängen und es keinen zwingenden Grund für eine Operation gibt.

Mit anderen Worten: Die operative Entfernung von Venen hätte die Beschwerden von Anita Müller kaum gelindert. Unter diesen Umständen verzichtete sie auf den chirurgischen Eingriff.

Bezahlt die Krankenkasse?

Ziel einer ärztlichen Zweitmeinung ist nicht nur, Mängel aufzudecken, wie Daniel Tapernoux, ärztlicher Berater bei der Schweizerischen Stiftung Patientenschutz (SPO), erläutert, sondern auch Alternativen gegeneinander abwägen zu können. Er illustriert dies am Beispiel der Behandlung von Prostatakrebs: «Da gibt es verschiedene Methoden mit unterschiedlichen Risiken und Vorteilen.» Bei planbaren Operationen rät Tapernoux, schon bei ungutem Bauchgefühl einen zweiten Arzt zu konsultieren. Oft entscheide sich der Patient aber dazu, wenn er gegenüber einem vorgeschlagenen operativen Eingriff skeptisch sei.

Die SPO empfiehlt, sich vorgängig bei der Krankenkasse zu erkundigen, ob sie eine Zweitmeinung bezahle. Tatsächlich sieht das Krankenversicherungsgesetz nicht explizit eine Finanzierung von Zweitexpertisen vor. Dennoch müssen sich Patienten darüber kaum den Kopf zerbrechen. So heisst es zum Beispiel bei der Krankenversicherung Helsana, dass sie es begrüsse, wenn Patienten geplante Eingriffe kritisch hinterfragten.

«Eine Zweitmeinung ist nie falsch – das gilt insbesondere für Privatpatienten.»Felix Schneuwly, Comparis

Vor allem zwei Gründe tragen dazu bei, dass Krankenkassen solche Kosten übernehmen: Erstens haben sie selber ein Interesse an Zweitmeinungen, weil diese öfter zu tieferen Behandlungskosten führen. Und zweitens geht es dabei um kleine Beträge, die kaum ins Gewicht fallen. «Eine Zweitmeinung ist nie falsch – das gilt insbesondere für Privatpatienten, da diese häufiger operiert werden als Grundversicherte», erläutert Felix Schneuwly, Gesundheitsexperte beim Vergleichsdienst Comparis, in Anspielung auf das Sparpotenzial bei den Behandlungskosten.

Unbestritten ist, dass Patienten das Recht auf eine Zweitmeinung zusteht. Ein Arzt ist verpflichtet, die Patientenakten zum vorliegenden Fall herauszugeben, wenn jemand bei einem anderen Experten eine Einschätzung einholen will. Die allermeisten Ärzte handhaben das professionell und unterstützen Patienten dabei.

Rücksprache mit dem Hausarzt

Doch wie gehen Patienten ohne Zusatzversicherung vor? Am besten nehmen sie mit ihrem Hausarzt Rücksprache, der in der Regel Experten kennt und den Patienten zuweisen kann. Für die Zweitmeinung sollte idealerweise ein Arzt gewählt werden, der in einem anderen Spital oder in einem anderen Kanton arbeitet. Tapernoux rät gar, Experten aus einem anderen Fachgebiet, die selber keine Operationen durchführen, zu konsultieren: «Wer zum Beispiel wegen Rückenproblemen nach dem Chirurgen auch noch einen Rheumatologen aufsucht, kann neue und wertvolle Einsichten erhalten.»

Schliesslich gibt es auch Internetplattformen, bei denen Expertinnen und Experten allein aufgrund von Unterlagen einen Fall beurteilen und den Befund innerhalb weniger Tage zustellen. Wenn auf der Internetseite die eingesetzten Fachärzte mitsamt Arbeitsort namentlich und auf überprüfbare Weise aufgeführt werden, so bietet das eine gewisse Gewähr für eine seriöse Einschätzung.

Liegen Erst- und Zweitmeinung diametral auseinander, wird manchmal sogar eine Drittmeinung empfohlen. Tapernoux rät dabei allerdings zu Zurückhaltung, da zu viele verschiedene Fachmeinungen die Patienten verwirren können. Oft sei es ergiebiger, nochmals das Gespräch mit den bereits beteiligten Ärzten zu suchen.

Heikle Eingriffe

Schwieriger ist es, spezifische Eingriffe zu nennen, bei denen eine Zweitmeinung eher angezeigt ist. Die befragten Experten raten davon ab, da sich die Fälle individuell stets unterscheiden. Anhaltspunkte gibt eine Liste, die das Vergleichsportal Comparis zum Thema Zweitmeinung auf seiner Website aufgeschaltet hat. Darauf sind unter anderem aufgeführt: ­Operation Krampfadern, Hornhauttransplantation, geplanter Kaiserschnitt, Entfernung Gebärmutter, Halluxoperation, Bandscheibenoperation, Einsetzen künstlicher Gelenke, Operation grauer Star, Gelenkspiegelung, Mandeloperation oder Entfernung Gallenblase.

Erstellt: 13.05.2019, 10:20 Uhr

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