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Warum zahlt Claudia höhere Prämien als Dagmar?

Arbeitnehmende müssen die Prämie für Nichtberufsunfälle selber übernehmen – zu sehr unterschiedlichen Konditionen, wie ein Beispiel zeigt.

Angestellte von Betrieben mit hohem Unfallrisiko haben auch ein höheres Risiko bei Freizeitunfällen. Foto: Keystone
Angestellte von Betrieben mit hohem Unfallrisiko haben auch ein höheres Risiko bei Freizeitunfällen. Foto: Keystone

Um sich für eine Lohnverhandlung zu wappnen, warf Claudia Bürgisser* unlängst einen Blick in ihre Lohnabrechnung. Dabei stellte sie fest, dass ihr fast 2,5 Prozent für die Nichtberufsunfallversicherung vom Lohn abgezogen werden. Nicht nur Bürgisser, die als Sachbearbeiterin in einem Elektroinstallationsgeschäft tätig ist, findet diesen Abzug sehr hoch. Er ist es auch im Vergleich zu anderen.

So zahlt etwa die Drogistin Dagmar Müller* deutlich weniger, um gegen Freizeitunfälle abgesichert zu sein. Auf Anfang Jahr erhöhte sich der Betrag leicht, neu sind es rund 0,8 Lohnprozente.

Die Unterschiede zwischen den beiden Beispielen fallen ins Gewicht. Geht man von einem Bruttolohn von 5000 Franken aus, muss Claudia Bürgisser 120 Franken für die Nichtberufsunfallversicherung zahlen, Dagmar Müller nur 40 Franken. Wie kommt es, dass eine Sachbearbeiterin so viel mehr zahlt als eine Drogistin?

Was die Prämie beeinflusst

Um die Prämien zu bemessen, teilen die Versicherer die einzelnen Betriebe einer Risikogruppe zu. Zu jeder Risikogruppe gehört ein Prämientarif für die Nichtbetriebsunfallversicherung. Bei grösseren Unternehmen könnten die Versicherer auch von der Schadenvergangenheit des Betriebs ausgehen und aufgrund dieser Risikobeurteilung den ­Tarif festlegen, sagt Cristoforo Motta, Leiter der Sektion Unfallversicherung im Bundesamt für Gesundheit.

Eine Rolle bei der Festlegung der Prämien spielt auch, dass zwischen dem Risiko für Berufsunfälle und dem Risiko für Nichtberufsunfälle (NBU) ein Zusammenhang besteht. Laut Adrian Vonlanthen, Sprecher der Suva, zeigen die Unfallstatistiken, dass Arbeitnehmende von Betrieben mit einem höheren ­Berufsunfallrisiko auch im NBU-Bereich ein höheres Risiko haben.

Deren Freizeitunfälle kämen die Versicherung teurer zu stehen als die Unfälle von Büroangestellten. «Das liegt daran», so Vonlanthen, «dass ein Hand­werker nach einem Unfall meist länger braucht, bis er wieder einsatzfähig ist, als eine Person, die im Büro arbeitet.»

Das Solidaritätsprinzip gilt

In Branchen mit hohem Berufsunfallrisiko sind also auch die Prämien für die NBU-Versicherung eher hoch. Das trifft ebenfalls für den Fall der Sachbearbeiterin Claudia Bürgisser zu. Die 2,5 Lohnprozente, die sie zahlen muss, entsprechen dem vergleichsweise hohen Risiko, das die Suva für die Branche ermittelt hat, in der Bürgisser tätig ist. Und da in der obligatorischen Unfallversicherung das Solidaritätsprinzip gilt, ist der Prämientarif innerhalb eines Betriebs grundsätzlich für alle gleich.

Zwar könnten die Versicherungen die Tarife innerhalb eines Betriebs abstufen, wenn die Arbeitnehmenden unterschiedliche Tätigkeiten ausübten und somit zu verschiedenen Risikogruppen gehörten, sagt Suva-Sprecher Vonlanthen. Bei Büromitarbeitenden ist dies aber nicht der Fall, da diese administrativ das Hauptgeschäft eines Betriebs unterstützten. Deren Prämie wird daher nicht separat bemessen. Somit zahlt Sachbearbeiterin Claudia Bürgisser für das Risiko ihrer Branche, auch wenn ihr persönliches Unfallrisiko viel kleiner ist.

Teuer ist es für Bürgisser nicht zuletzt deshalb, weil ihr Arbeitgeber sich nicht an den Kosten für die NBU-Versicherung beteiligt, was dem Vernehmen nach sonst viele tun. Um weniger Prämien zu zahlen, müsste Bürgisser die Arbeitgeberin oder die Branche wechseln.

Es gibt noch einen anderen Faktor, der sich auf die Versicherungstarife auswirkt: die Zahl der Freizeitunfälle. Sie ist in den vergangenen Jahren stetig angestiegen, während die Zahl der ­Berufsunfälle relativ stabil geblieben ist. Das führe dazu, dass die Prämien für die NBU-Ver­sicherung oft höher seien als jene für die Berufsunfälle, sagt Cristoforo Motta vom Bundesamt für Gesundheit (BAG).

Beim Privatversicherer Axa, der im Unterschied zur Suva eher risikoarme Branchen versichert, sind die Prämien für die NBU-Versicherung in der Regel rund fünfmal höher als jene für die Versicherung der Berufsunfälle. Der Durchschnitt liege bei 1 Prozent, im Extremfall könnten es aber bis zu 4 Prozent sein.

Sobald ein Versicherer die zu erwartenden Unfallkosten mit seinen Tarifen nicht mehr decken kann, darf er diese erhöhen. Die Arbeitgeberin ihrerseits kann dann die Lohnabzüge für die NBU-Versicherung ihrer Mitarbeitenden erhöhen.

Unbekanntes Recht

Bei der Festlegung der Tarife sind die Unfallversicherer indes nicht völlig frei, sondern müssen sie dem BAG vorlegen. Dieses prüfe – ähnlich wie bei der Krankenversicherung –, ob die Tarife ­risikogerecht seien, sagt BAG-Experte Motta. Hinzu kommt, dass Unternehmen, die nicht von Gesetzes wegen bei der Suva versichert sein müssen, auch den Versicherer wechseln können.

Bei der Wahl der Versicherung haben die Arbeitnehmenden ein gesetzliches Mitbestimmungsrecht. Das dürfte allerdings den wenigsten bekannt sein. Auch beim BAG geht man davon aus, dass das Mitbestimmungsrecht in der Praxis nicht wirklich eingelöst wird. «Meist beschränkt es sich wohl auf ein Informationsrecht», sagt Cristoforo Motta.

Letztlich aber herrsche im Markt ein harter Wettbewerb. «Kein Unfallversicherer hat deshalb ein Interesse daran, von den Betrieben zu hohe Prämien zu verlangen», ist Motta überzeugt. Grosse Unternehmen mit vielen Versicherten hätten zudem eine Verhandlungsmacht und setzten diese in der Regel auch ein, um möglichst günstige Prämien für ihre Angestellten herauszuholen.

* Namen geändert

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