Wem das Trinkgeld gehört

Trinkgelder sind in der Schweiz im Preis inbegriffen. Trotzdem sind sie in der Praxis weiterhin verbreitet. Die Ansichten darüber, wem sie zustehen, gehen allerdings auseinander.

Gäste wollen mit dem Trinkgeld vor allem die Person belohnen, die sie bedient hat. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

Gäste wollen mit dem Trinkgeld vor allem die Person belohnen, die sie bedient hat. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

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In der noblen Landbeiz, wo die Studentin Sabina Maier (Name geändert) die letzten Monate als Kellnerin gejobbt hatte, flossen manchmal reichlich Trinkgelder. Die Hälfte durfte sie behalten, den Rest musste sie abgeben; der werde an die übrigen Mitarbeitenden verteilt, sagte die Chefin. Oft kassierte die Wirtin selber bei den Gästen ein, dann habe sie vom Trinkgeld gar nichts gesehen, erzählt Maier, auch wenn sie zuvor die Gäste den ganzen Abend betreut hatte. Als Maier sich bei ihren Arbeitskollegen nach der Verteilung der Trinkgelder erkundigte, erfuhr sie, dass niemand davon etwas bekam.

Dennoch unternahm sie nichts, aus Furcht, die Stelle zu verlieren. Für Studentinnen sei es ohnehin schwierig, Jobs zu finden, die sich mit dem Studium vereinbaren liessen, sagt Maier. Dass eine Arbeitgeberin aber eigenmächtig über die Trinkgelder verfüge, ohne offenzulegen, was damit geschehe, findet sie nicht korrekt.

Die Studentin hat recht: Arbeitgeber dürfen die Trinkgelder nicht einfach einstreichen und für sich behalten, sagt der Wetziker Rechtsanwalt Roger Rudolph, Experte für Arbeitsrecht. Mit dem Trinkgeld belohnen Gäste die Leistung des Personals. Daher ist unbestritten, dass es ohne gegenteilige Vereinbarung den Arbeitnehmenden zusteht.

Doch wer konkret Anspruch auf das Trinkgeld hat, ist nicht festgelegt. Gesetzliche Bestimmungen gibt es nicht. Offiziell existieren Trinkgelder in der Schweiz gar nicht mehr; der Service ist seit Jahrzehnten im Preis inbegriffen, sei es im Restaurant, beim Coiffeur oder im Hotel. Dennoch sind die Trinkgelder nie ganz verschwunden und erleben in jüngerer Zeit sogar eine Art Revival, wie der Schweizer Wirteverband Gastrosuisse feststellt. Die heutigen Trinkgelder sind freiwillige Zusatzleistungen der Kundinnen und Kunden. In der Branche nennt man sie deshalb Overtips. Diese können im Einzelfall noch immer beträchtliche Summen ausmachen.

Umso erstaunlicher ist, dass es keine einheitlichen und verbindlichen Regeln über die Handhabung der Overtips gibt. Im Gegenteil: Jeder Betrieb regelt die Verteilung selber, und die Ansichten darüber, wem sie zustehen, divergieren stark. «Sie können zehn Wirte befragen, und Sie werden zehn verschiedene Antworten erhalten», sagt Eveline Neeracher, Präsidentin des kantonalen Wirteverbandes Bern.

Erzieherische Wirkung

Am stärksten verbreitet ist gemäss Branchenkennern die Variante, wonach das Trinkgeld derjenigen Person gehört, die es in Empfang nimmt. Sie ist vor allem in kleineren und mittelgrossen Restaurants üblich, wie etwa bei Wirtin Eveline Neeracher: «Für mich ist klar, dass meine Angestellten das Trinkgeld, das sie einnehmen, selber behalten dürfen.» Diese Regel habe sich bewährt. Auch wenn ein Gast mit der Kreditkarte bezahlt, darf die Kellnerin den Zuschlag auf dem Kreditkartenbeleg in bar für sich einziehen. Gleich hält es Ernst Bachmann, Präsident des Zürcher Wirteverbandes: «Wenn die Kellnerinnen und Kellner das Overtip direkt bekommen, hat es auch eine erzieherische Wirkung: Sie müssen sich dann entsprechend anstrengen.»

Dass das Trinkgeld jener Person zukommt, die es in Empfang nimmt, entspricht in den meisten Fällen auch der Absicht des Gastes. Bestimmt dieser einen anderen Verwendungszweck, sei der als Wunsch des Schenkers zu berücksichtigen, heisst es bei Gastrosuisse.

Nicht immer ist jedoch klar erkennbar, für wen das Overtip gedacht ist. Zum Beispiel wenn ein Kunde das Trinkgeld einfach auf dem Tisch zurücklässt und damit in Kauf nimmt, dass es jemand anders entgegennimmt als die Person, die ihn bedient hat. In vielen Restaurants ist es daher üblich, die Mitarbeitenden von Küche und Buffet am Zustupf zu beteiligen.

Dabei gibt es verschiedene Varianten. Die eine ist, dass die Mitarbeitenden ihr Trinkgeld in einen gemeinsamen Topf legen und es selber untereinander aufteilen. Die andere ist, dass die Arbeitgeber einen Verteilungsschlüssel festlegen. So dürfen etwa die Serviceangestellten im Kornhauskeller Bern, einem Betrieb der Bindella-Gruppe, den grössten Teil ihrer Overtips für sich behalten und müssen nur einen kleinen Prozentsatz für das übrige Personal abliefern. Wieder andere Betriebe ziehen die gesamten Trinkgelder zentral ein und verteilen sie unter allen Angestellten. Dabei stellen sich heikle Fragen, etwa, wie jene Angestellten zu berücksichtigen sind, die nicht zu den Zeiten arbeiten können, wo die höchsten Trinkgelder anfallen, sagt ein Zürcher Gastronom, der nicht genannt sein will. Ein System zu finden, das allen gerecht wird, sei schwierig. Daher flamme die Diskussion darüber, wem das Trinkgeld zustehe, immer wieder von Neuem auf.

Arbeitgeber darf bestimmen

Dass Arbeitgebende über die Verteilung der Trinkgelder entscheiden, ist zwar zulässig, doch brauchen sie dafür die Zustimmung der Angestellten. Das setzt voraus, dass die Mitarbeitenden bereits bei Stellenantritt wissen, was gilt, oder einer späteren Änderung zustimmen. Gastrosuisse rät deshalb, die Verteilung in einem Reglement festzulegen.

Ist nichts vereinbart, darf der Arbeitgeber nicht einseitig über die Overtips verfügen, und die Angestellten können diese einfordern, notfalls vor Gericht, sagt Rechtsanwalt Roger Rudolph. Zu Rechtsstreitigkeiten komme es jedoch kaum. Rudolph erklärt dies zum einen mit psychologischen Gründen: Das Trinkgeld stelle etwas Zusätzliches zum Lohn dar, weshalb sich Arbeitnehmende scheuten, deswegen vor Gericht zu gehen. Zum andern seien aber auch die fehlenden gesetzlichen Grundlagen ein Hindernis, die Overtips gerichtlich einzufordern.

Die Berner Wirtin Eveline Neeracher ist jedoch überzeugt: Ein Chef, der seinen Angestellten das Trinkgeld vorenthält, schade sich damit selbst. «Das spricht sich herum, und ein solcher Arbeitgeber wird Probleme haben, gute Leute zu finden.»

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Erstellt: 21.09.2015, 06:51 Uhr

Trinkgeld

Was Arbeitnehmende sonst noch wissen müssen

Kein Lohn: Laut dem landesweit gültigen Gesamtarbeitsvertrag der Gastrobranche (L-GAV) dürfen freiwillige Kundenleistungen wie Trinkgelder nicht ins Lohnsystem einbezogen werden. Alle Angestellten haben somit zumindest Anspruch auf den Mindestlohn, unabhängig davon, ob sie zusätzlich Trinkgelder einnehmen oder nicht.

Sich absichern: Wichtige Fragen sollte man vor dem Vertragsabschluss klären, dazu gehöre auch der Umgang mit den Trinkgeldern, rät Stefan Unternährer von der Berufsorganisation Hotel und Gastro Union. So könne man sich rechtzeitig gegen unangenehme Überraschungen absichern.

Sich wehren: Ist die Handhabung der Trinkgelder in einem Betrieb nicht geregelt und weigert sich eine Arbeitgeberin, diese an die Mitarbeitenden herauszugeben, ist es ratsam, sich zuerst mit Arbeitskollegen auszutauschen und sich dann gemeinsam an den Arbeitgeber zu wenden, um sich selber nicht zu stark zu exponieren, sagt Unternährer. Hilft das nicht, können organisierte Arbeitnehmende an den Berufsverband gelangen und um Unterstützung bitten.

Transparenz: Verteilt ein Arbeitgeber die Overtips selber an die Angestellten, haben diese Anspruch auf Auskunft über die Höhe der eingezogenen und verteilten Trinkgelder, sagt Rechtsanwalt Roger Rudolph. Auch in diesem Fall lohnt es sich, gemeinsam vorzugehen und den Alleingang zu vermeiden.

Abgaben: Trinkgelder zählen zu den steuerpflichtigen Einkünften und sind deshalb zu deklarieren. Hingegen sind darauf keine AHV-Beiträge geschuldet, da sie heute gemäss AHV nicht mehr einen wesentlichen Teil des Lohnes darstellen.


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