Wer entscheidet über die Beisetzung?

Auf vielen Friedhöfen gibt es keine klare Regelung. Bei Patchwork- und zerstrittenen Familien führt das immer wieder zu Zoff.

Bestattungen können für Konflikte sorgen. Foto: Susanne Walstrom (plainpicture)

Bestattungen können für Konflikte sorgen. Foto: Susanne Walstrom (plainpicture)

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Wenn sie sich an die Bestattung ihres Bruders erinnert, ärgert sie sich noch heute, mehr als ein Jahr danach. Alles sei hinter ihrem Rücken entschieden worden, schreibt Pia Gurtner (Name geändert) in einer E-Mail.

Gurtners Bruder starb Ende 2016 in dem kleinen Dorf im Kanton Bern, wo sie beide aufgewachsen waren. Sie selber lebt seit Jahrzehnten nicht mehr da. Die Kinder des Bruders beschlossen, die Urne ihres Vaters im Grab seiner Mutter zu bestatten. Was dann auch geschah. Niemand habe sich erkundigt, ob sie damit einverstanden sei, sagt Pia Gurtner. «Dabei war allen bekannt, dass mein Bruder und ich gemeinsam für das Grab der Mutter verantwortlich waren.» Da hätte sie doch ein Mitbestimmungsrecht haben müssen, meint Gurtner. Sie wundert sich, dass das Vorgehen bei der Bestattung ihres Bruders einfach so möglich gewesen sei.

Dass die Urnen von Verstorbenen in einem bestehenden Einzelgrab bestattet werden, ist vielerorts in der Schweiz möglich. Einzelne Gemeinden erlauben bis zu vier zusätzliche Urnen in einem Grab. Die Totenruhe wird dadurch nicht verlängert, sie richtet sich nach der Erstbestattung.

So könnten sich die Angehörigen die Kosten für ein weiteres Grab sparen.

Solche Mehrfachbelegungen von Einzelgräbern sind eine Art Ersatz für das klassische Familiengrab. Dem Vernehmen nach sind sie in manchen Gegenden im Kanton Bern derzeit recht beliebt. Die Mitarbeiterin einer Berner Oberländer Friedhofsverwaltung vermutet, dies habe finanzielle Gründe: So könnten sich die Angehörigen die Kosten für ein weiteres Grab sparen. Denn im Kanton Bern sind, anders als etwa in Zürich, selbst einfache Bestattungen nicht immer unentgeltlich.

Keine fixen Regeln

Wer aber darf entscheiden, ob die Tochter, der Sohn oder die Schwester ins Grab eines Verwandten kommen soll? Vorab ist der Wille der verstorbenen Person massgeblich, sagt das Bundesgericht. Ist dieser Wunsch nicht bekannt, dürfen die Angehörigen über die Art und den Ort der Bestattung bestimmen. Alles weitere regeln die Kantone; diese haben die Aufgabe weitgehend an die Gemeinden delegiert, so auch der Kanton Bern. In den kommunalen Bestattungsverordnungen findet man allerdings keine Antwort auf die Frage, wer über eine Beisetzung in einem bestehenden Grab bestimmen darf. Auch auf der Verwaltung jener Gemeinde, in der Pia Gurtners Bruder begraben ist, weiss man nicht Bescheid und verweist auf die Bestattungsdienste, welche im Kanton Bern zuständig sind.

Also fragen wir nach beim Bestattungsunternehmen Thomas Rubin, das in mehreren Berner Oberländer Gemeinden Filialen unterhält. Bestatter Adrian Kropf sagt, dass es für ein Grab jeweils eine oder mehrere zuständige Personen gebe. Diese entscheiden auch über eine zusätzliche Belegung. «Angenommen, in einem Grab liegt ein Elternteil, und die Kinder sind gemeinsam für das Grab zuständig: Da müssten im Grunde alle einverstanden sein, wenn eine Person im selben Grab beigesetzt werden soll», sagt Kropf. Meist forsche man aber nicht nach, ob dies auch so sei. «Bei Verstorbenen aus der gleichen Familie halten wir uns an die Erben und gehen davon aus, dass die übrigen Angehörigen der gewählten Bestattung zustimmen.»

Umfrage

Sollten Bestattungsunternehmen nachforschen, ob alle Erben mit der Beisetzung einverstanden sind?





Ähnlich handhaben es auch die Bestattungsverantwortlichen in anderen Gemeinden und Kantonen. Die Anweisungen der nächsten Angehörigen werden in der Regel befolgt und nicht hinterfragt. Man dürfe davon ausgehen, dass dies in der Familie abgesprochen sei, so der Tenor.

Leben die Angehörigen weit verstreut, ist es nicht immer möglich, alle um ihre Meinung zur Bestattung zu befragen.

Dass ein Familienmitglied nicht einverstanden sei mit den Bestattungswünschen der übrigen Angehörigen, komme immer wieder vor, sagt Walter Glauser, Bereichsleiter Friedhöfe in der Stadt Bern. Heikel sei es etwa bei Patchworkfamilien, da brauche es das nötige Gespür. «Sobald wir Hinweise haben auf einen innerfamiliären Konflikt, suchen wir das Gespräch mit den Betroffenen.» Meist führe dies zu einer Lösung. Auch in der Stadt Bern ist das konkrete Vorgehen laut Glauser aber nirgends festgelegt. In der Regel hält man sich deshalb auch hier an die Anordnungen der direkten Erben einer verstorbenen Person.

Oft wissen die Verantwortlichen auf den zuständigen Ämtern nicht einmal, ob es weitere Verwandte gibt, die von einer Bestattungsanordnung betroffen sein könnten. Wenn die Angehörigen weit verstreut leben, sei es nicht immer möglich, diese um ihre Meinung zu befragen. Innerfamiliäre Auseinandersetzungen liessen sich auch mit gesetzlichen Bestimmungen nicht verhindern, sagt Tina Hurni. Die Juristin im Bau- und Verkehrsdepartement des Kantons Basel-Stadt war an der Ausarbeitung der neuen kantonalen Bestattungsverordnung beteiligt.

Urne bleibt auf dem Amt

Auch in der Stadt Zürich gibt es für jedes Reihengrab eine Grabverantwortliche. «Wir legen Wert darauf, dass nur eine Person zuständig ist, so wissen wir, an wen wir uns halten können, sagt Bruno Bekowies, stellvertretender Leiter des Bestattungs- und Friedhofsamtes. «Soll die Urne einer verstorbenen Person in einem bestehenden Reihengrab beigesetzt werden, gehen wir davon aus, dass die Grabverantwortliche einverstanden ist. Bestehen Zweifel, fragen wir nach.» Die grabverantwortliche Person habe aber nicht das alleinige Recht, zu entscheiden, ergänzt Bekowies. Seien weitere Angehörige betroffen, schaue man sich die Situation genauer an. Dabei spielen etwa die Beziehung der Angehörigen zur verstorbenen Person sowie ihre erbrechtliche Stellung eine wesentliche Rolle.

Können sich die Angehörigen auch nach einem Gespräch nicht finden, «bleibt die Urne bei uns, bis die Bestattungsfrage familienintern geregelt ist», sagt Bekowies. Gelingt auch dies nicht, entscheiden die Behörden. Als zuständiges Amt müsse man für eine schickliche Bestattung bürgen.

Keine klaren Regeln

Alles in allem lässt sich feststellen: Es gibt zwar keine klaren Regeln, wer über die zusätzliche Belegung eines bestehenden Grabs verfügen darf, doch handhaben die Gemeinden dies recht einheitlich. Man geht grundsätzlich davon aus, dass Bestattungsanordnungen in der Familie abgesprochen sind, und prüft dies nicht in jedem Fall. Das Vorgehen bei der Bestattung von Pia Gurtners Bruder entspricht somit der gängigen Praxis.

Wäre ihr Bruder in einer grossen Gemeinde verstorben, hätte sie aber eher damit rechnen können, dass man sie kontaktiert und um ihre Meinung gefragt hätte. Ob es dann anders gekommen wäre, bleibt offen. Schliesslich hätte Pia Gurtner auch rechtlich gegen die Kinder ihres Bruders vorgehen können, da sie überzeugt war, zu Unrecht übergangen worden zu sein. So weit aber wollte sie es nicht kommen lassen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.06.2018, 20:36 Uhr

Nur wenige klare Vorgaben

Längst nicht alle Kantone legen fest, wer über die Beisetzung von Verstorbenen entscheiden darf.

Viele Gemeinden bieten heute verschiedenste Arten von Bestattungen an. Da sich die Familienformen in den letzten Jahrzehnten gewandelt haben, ist oft nicht mehr von vornherein klar, wer über die Bestattung einer verstorbenen Person bestimmen kann, wenn diese selber keine Anordnungen hinterlässt.

Umso erstaunlicher ist es, dass viele Kantone in ihren Bestattungsverordnungen das Verfügungsrecht nicht oder kaum regeln. So findet man in den Verordnungen von Bern und Schaffhausen nichts dazu. Andere, wie Luzern, Aargau und St. Gallen, erwähnen zwar, dass die nächsten Angehörigen bestimmen dürfen. Dies, ohne zu definieren, wer zu diesen nächsten Angehörigen gehört.

Anders der Kanton Zürich. Dieser gibt in seiner seit 2016 gültigen Bestattungsverordnung eine klare Reihenfolge der Verfügungsberechtigten vor. Zuoberst stehen Ehe- und Lebenspartnerinnen oder Lebenspartner der verstorbenen Person. Gibt es weder den einen noch die andere, dürfen die Kinder, dann die Eltern und Geschwister, Grosseltern und Enkel und schliesslich andere nahestehende Personen entscheiden.

Auch der Kanton Basel-Stadt regelt in seinem neuen Bestattungsgesetz genauer als bisher, wer über eine Beisetzung beschliessen darf. Es sind dies vorab jene, die mit der verstorbenen Person einen gemeinsamen Haushalt geführt oder ihr regelmässig persönlich Beistand geleistet haben. Damit würden etwa auch Lebenspartner gegenüber Kindern aus einer ersten Ehe berücksichtigt, sagt die Juristin Tina Hurni vom Bau- und Verkehrsdepartement des Kantons Basel-Stadt.

Das neue Gesetz räumt darüber hinaus den Behörden einen Ermessensspielraum ein für den Fall, dass sich Angehörige nicht innert nützlicher Frist einigen. Dann dürfen die Behörden von sich aus die Kremation und die Beisetzung in einem anonymen Gemeinschaftsgrab anordnen. Damit wolle man auf zerstrittene Angehörige einen gewissen Druck ausüben, damit diese sich fänden, so Hurni. Wenn Gespräche nicht hälfen, müsse die Behörde im Interesse der verstorbenen Person handeln können. Die neuen Bestimmungen befinden sich derzeit in der Vernehmlassung. (afi)

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