Apotheker provoziert Pharmabranche

Ein Spitalapotheker aus dem Berner Oberland sammelt Meldungen sämtlicher Lieferprobleme­ von Medikamenten auf einer eigenen Website.

Lieferengpässe bei Medikamenten stellen viele Schweizer Spitäler vor Probleme. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Lieferengpässe bei Medikamenten stellen viele Schweizer Spitäler vor Probleme. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

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Er habe die Nase gestrichen voll. Dies schrieb Enea Martinelli in einem Brief an zahlreiche Spitalapotheker in der Schweiz. Auslöser des grossen Ärgers ist der Engpass bei zahlreichen Medikamenten. Das Problem hat sich in den letzten Jahren verschärft – nicht nur hierzulande, sondern weltweit. Martinelli ist Chefapotheker der Spitalgruppe Frutigen-Meiringen-Interlaken und gilt als Wortführer in Sachen knapp gewordene Arzneimittel. Sein aufgestauter Frust hat dazu geführt, dass er auf eigene Initiative im Internet eine Meldeplattform aufgeschaltet hat. Dort haben Spital­apotheker und weitere Fachleute die Möglichkeit, Engpässe zu melden.

In kurzer Zeit sind erstaunlich viele Meldungen eingegangen. Obwohl er die Website Drugshortage.ch erst Anfang September gestartet hat, sind darauf bereits 232 offene Lieferengpässe aufgeführt. Dabei handelt es sich zwar teilweise um unterschiedliche Packungsgrössen des gleichen Medikaments. Dennoch erachten auch andere Spitalapotheker die Zahl als realistisch. Derweil wirft ihm die Pharmaindustrie vor, die Meldungen seien nicht in jedem Fall aktuell. Das sei durchaus möglich, sagt Martinelli. Ihm gehe es mit der Liste aber auch darum, auf das Problem aufmerksam zu machen.

Martinelli provoziert die Hersteller bewusst. Neben den einzelnen Präparaten findet sich auf seiner Website auch eine Liste jener Firmen, welche am meisten Engpässe verzeichnen. Der Berner verhehlt seine Absicht nicht. «Eigentlich würde ich mir wünschen, dass die Industrie die Lieferprobleme von sich aus meldet», sagt Martinelli. «Da viele Unternehmen dies nicht tun, ist die Meldeplattform dringend nötig.»

Impfstoffe für Kinder fehlen

Martinelli kämpft längst nicht als Einziger mit dem Problem. Mehrere befragte Spitalapotheker sprechen von einer deutlichen Zunahme der Lieferengpässe. So etwa Richard Egger vom Kantonsspital Aarau. Er nennt etwa das Antibiotikum Tienam oder diverse Kinder­impfstoffe als Beispiele. Bei Letzteren spitzt sich die Situation sogar weiter zu. «Für Kinder ist die Grundimpfung akut gefährdet», sagt Egger. Von fünf erhältlichen Impfstoffen sei gerade noch einer lieferbar, dessen Verfügbarkeit gelte inzwischen ebenfalls als unsicher. Die Impfstoffe werden gegen Diphtherie, Starrkrampf, Keuchhusten, Kinderlähmung und wahlweise gegen eine schwere bakterielle Infektion eingesetzt.

Weitere Lieferprobleme bestehen etwa bei Kalzium-Infusionslösungen, die gegen Kalziummangel, bei Vergiftungen oder für Dialysepatienten eingesetzt werden. Seit längerem in der Schweiz nicht mehr erhältlich ist das Präparat Oncotice, ein Medikament der Wahl gegen Blasenkrebs, wie Egger sagt.

In Zürich ist die Situation ebenso akut. Das Unispital Zürich verzeichnet aktuell 28 Lieferengpässe. Das sagt Kantonsapotheker Andreas Hintermann. Er führt wie Richard Egger das Antibiotikum Tienam als Beispiel an. Hintermann hat mit einer Engpassliste wie jener von Enea Martinelli kein Problem, sie könne hilfreich sein. Er selber habe aber bislang keinen Bedarf für eine solche Liste gehabt. In den meisten Fällen würden die Lieferanten rechtzeitig über Engpässe informieren.

Zum Alltag gehört das Problem auch am Universitätsspital Basel (USB). Es führt eine eigene Liste dazu und hat im vergangenen Jahr die erhobenen Zahlen in einer Studie publiziert. Waren 2010 noch 145 Medikamente von einem Lieferengpass betroffen, so verzeichnete das USB drei Jahre später bereits 310 Fälle, mehr als doppelt so viel. Derzeit befinden sich auf der Liste 20 Präparate, für die das Spital auf ein alternatives Produkt ausweichen muss, wie Katja Suter sagt, stellvertretende Leiterin der Abteilung Klinikbetreuung in der Spital-pharmazie.

Die Basler stehen mit Enea Martinelli bezüglich der Engpassliste in Kontakt, ein formeller Austausch der Daten findet noch nicht statt. «Wir werden demnächst über eine allfällige Zusammenarbeit entscheiden», sagt Suter. Ohnehin finde aber ein Austausch zwischen den Spitalapothekern statt.

Die von Martinelli kritisierte Pharmaindustrie verweist derweil auf die Bemühungen des Bundes. Dieser hat inzwischen selbst eine Meldestelle eingerichtet. Seit Anfang Oktober sind die Pharmafirmen verpflichtet, einen Engpass zu melden, wenn dieser länger als zwei Wochen dauert. Federführend ist das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung (BWL). Meldepflichtig sind laut Verordnung aber lediglich 60 Wirkstoffe. Man habe diese aus der Liste der unentbehrlichen Arzneimittel der WHO entnommen, sich aber auch auf die Daten des Unispitals Basel abgestützt, sagt Ueli Haudenschild, Leiter des Bereichs Heilmittel beim BWL.

Die eingegangenen Meldungen der Hersteller werden von einem Fachausschuss geprüft. Droht tatsächlich ein Engpass, so zeigt das BWL Alternativen etwa in Form von Generika oder anderen Behandlungswegen auf. «Wir möchten konkrete Lösungen anbieten und nicht einfach eine Liste mit sämtlichen Verknappungen aufschalten», sagt Haudenschild. Das Amt sei nicht für die Vollversorgung zuständig, sondern für die lebenswichtigen Medikamente. Eine entsprechende Engpassliste werde in diesen Tagen aufgeschaltet.

Meldepflicht erweitern

Martinelli kritisiert die Bemühungen des BWL nicht. Dieses müsse auftragsgemäss die Versorgung wichtiger Medikamente sicherstellen. Dennoch genügt ihm das nicht. «Wir haben im Spital mit dem Problem zu kämpfen, Patienten kurzfristig auf andere Medikamente umstellen zu müssen, was diese verunsichert.» Deshalb fordert Martinelli vom Bund, dass die Meldepflicht auf alle Medikamente ausgeweitet wird, wo ein Lieferengpass von mehr als drei Wochen absehbar ist. «Welches Amt dafür zuständig sein soll, ist sekundär.»

Die Pharmaindustrie versuche wenn immer möglich Lieferengpässe zu vermeiden, sagt Sara Käch, Sprecherin des Lobbyverbands Interpharma. Die Branche trage die Meldeplattform des BWL mit. Die von Enea Martinelli ausgeführten Fälle seien oft keine Lieferengpässe im Sinne der Definition des Bundesamts. «Manchmal fehlt nur eine Packungsgrösse, oft kann auf ein alternatives Medikament eines anderen Anbieters ausgewichen werden.» So könne die Versorgung weiterhin sichergestellt werden.

Die vom TA befragten Firmen betonen, dass sie gesetzlich verpflichtet seien, dem BWL Engpässe zu melden. «Wir arbeiten eng mit den Vertretern des öffentlichen Gesundheitswesens zusammen, um die Medikamente rechtzeitig zu liefern», sagt ein Sprecher von Sandoz, der Generikatochter von Novartis. Die Firma verzeichnet gemäss der Liste von Martinelli am meisten Engpässe. Der Generikahersteller Teva-Mepha verweist auf seine hohe Liefer­bereitschaft von 99,1 Prozent. «Wir ­beobachten die Entwicklung der Initiative von Enea Martinelli aufmerksam, sehen aber keinen Grund, die gleichen Informationen auch auf einer privaten Plattform zu veröffentlichen», sagt ein ­Sprecher.

Erstellt: 19.10.2015, 23:34 Uhr

Kostendruck und Qualitätsprobleme stehen am Anfang

Mit älteren Medikamenten lässt sich oft nur wenig Geld verdienen.

Begonnen hat das Problem in der Krebsbehandlung im Frühling vor drei Jahren. Damals waren mehrere Chemotherapien nicht mehr lieferbar. Zwar hatten die Spitäler schon zuvor mit Engpässen zu kämpfen, die Fälle nahmen 2012 jedoch markant zu.

Die Gründe für die Lieferengpässe sind oft die selben. Zahlreiche der betroffenen Medikamente sind bereits seit vielen Jahren auf dem Markt, der Patentschutz ist längst abgelaufen. Der Preisdruck ist gross, da die Spitäler hohe Rabatte fordern. In der Folge ziehen sich kleinere Firmen zurück, weil sich das Produkt nicht mehr profitabel anbieten lässt. Grössere Hersteller drücken ihre Kosten, in dem sie ihre Produktion auf möglichst wenige Standorte konzentrieren, um grössere Mengen günstiger herzustellen. Daneben kommt es wiederholt zu Qualitätsmängeln in den Produktionsanlagen, sei es aufgrund des Kostendrucks oder wegen Nachlässigkeit.

Fehlende oder knapp gewordene Medikamente sind oft ein globales Problem. Sind nur noch wenige Hersteller übrig, trifft ein Lieferausfall häufig zahlreiche Länder. In der Folge weichen Spitäler, Ärzte und Apotheker auf alternative Anbieter aus, was diese oft ebenfalls an ihre Kapazitätsgrenzen bringt.

Dies war auch beim Antibiotikum Augmentin der Fall, das vor einem Jahr europaweit knapp wurde. Bei einem Sterilitätstest des Originalherstellers Glaxosmithkline wurden Keime entdeckt, worauf die Produktion gestoppt werden musste. Derweil versuchten Generika-Anbieter zusätzliche Mengen des Wirkstoffs von ihrem europäischen Lieferanten zu beziehen. Dies war aber aufgrund des europaweiten Engpasses nicht einfach. In vielen Fällen normalisiert sich die Situation nach einigen Wochen wieder, etwa weil die Qualitätsprobleme behoben oder die Kapazitäten ausgebaut wurden.

Die Suche nach Alternativen ist aufwendig. In einigen Fällen könne man relativ einfach auf eine andere Packungsgrösse oder eine andere Darreichungsform ausweichen, sagt Katja Suter vom Unispital Basel. Oft müsse man aber auf andere Präparate zurückgreifen, indem etwa Medikamente direkt aus dem Ausland importiert werden. Auch wenn der Patient in der Regel von den Engpässen nicht viel spürt, so sind die Gefahren, die durch die Engpässe entstehen, nicht zu unterschätzen. So steige das Risiko von Verwechslungen, wenn etwa die Namen und Packungen der Medikamente häufig änderten, sagt Suter. Gefährlich wird es, wenn sich die Dosierungsstärke oder die Konzentration eines Wirkstoffs unterscheidet. Andreas Möckli

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