Zweifel am Nutzen von Negativzinsen

Die SNB belässt den Leitzins bei minus 0,75 Prozent. Gleichwohl wird die Zinspolitik der Notenbank zunehmend infrage gestellt.

Seine Zinspolitik wird zunehmend infrage gestellt: SNB-Präsident Thomas Jordan. Foto: Keystone

Seine Zinspolitik wird zunehmend infrage gestellt: SNB-Präsident Thomas Jordan. Foto: Keystone

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Seit vier Jahren liegen die Leitzinsen der Schweizerischen ­Nationalbank im negativen Bereich. Heute gab sie bekannt, dass sie am bisher weltweit rekordtiefen Zinssatz von minus 0,75 Prozent festhält. Unabhängig von ihrem Entscheid gerät die Zinspolitik unter immer grösseren Druck.

Einige der negativen Folgen daraus werden schon länger intensiv debattiert. So lohnt sich wegen der Negativzinsen das Sparen nicht mehr. Wer sich hingegen verschuldet, wird belohnt. Das lastet auf der Altersvorsorge und schafft Anreize zu einer immer höheren Verschuldung und zum Eingehen grosser Risiken.

Zunehmend in den Vordergrund rücken in jüngster Zeit die Sorgen um die Banken. Die ihnen belasteten Negativzinsen geben sie nicht vollständig weiter, was ihre Margen und Profitabilität unter Druck setzt. So belasten sie gewöhnliche Depositeneinlagen – ausser bei Geldeinlagen reicher Kunden – nicht mit Negativzinsen.

Wie gestern Verantwortliche des Schweizer Firmenkundengeschäfts der Grossbank UBS gegenüber den Medien ausführten, bleiben auch die Einlagen von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) in der Regel von Negativzinsen verschont. Als Regel gilt hier, dass Einlagen so lange davon befreit bleiben, wie sie für das Alltagsgeschäft – etwa zum Bezahlen von laufenden Rechnungen – erforderlich sind. Sehr grosse Unternehmen und institutionelle Kunden dagegen haben so gut wie immer Einlagen, die über das Betriebsnotwendige hinausgehen; deshalb belastet ihnen die Bank in der Regel Negativzinsen.

Das Leiden der Banken

Die Profitabilität der Banken gerät allerdings nicht nur durch Negativzinsen unter Druck. Um allein ihren Einfluss auf den Geschäftserfolg der Banken zu eruieren, haben Forscher der Universität Bath in Grossbritannien und zwei weiterer Hochschulen die Zahlen von 7359 Banken aus 33 OECD-Ländern von 2012 bis 2016 untersucht. Ihre Schlussfolgerung ist eindeutig: In Ländern mit Negativzinsen waren Margen und Profite der Banken deutlich geringer als in solchen mit positiven Zinssätzen.

Die Nettozinsmarge war im Durchschnitt um 16,41 Prozent geringer und die Rendite auf den Anlagen um 3,06 Prozent. Am stärksten waren kleinere Banken betroffen, die stark im Zinsdifferenz- und Hypothekargeschäft engagiert sind und hauptsächlich im Inland tätig sind. Grossbanken können den Negativzinsen dank ihrer internationalen Stellung besser ausweichen und auch dadurch, dass sie sich zunehmend auf die Vermittlung von Krediten konzentrieren. Das Geld stammt dann von Investoren, denen alternative profitable Anlagemöglichkeiten fehlen. Die Bank geht dabei selbst kein Risiko ein.

Die Zinsen sind das Ergebnis mangelnder Alternativen in der Geldpolitik.

Notenbanken machen keinen Hehl daraus, dass Negativzinsen schädliche Nebenwirkungen haben. Diese Zinsen sind das Ergebnis mangelnder Alternativen in der Geldpolitik. In der Schweiz wies die SNB zumindest bisher darauf hin, dass ihre Vorteile die unbestrittenen Nachteile übertreffen. Hierzulande dienen sie vor allem dem Zweck, eine übermässige Aufwertung des Frankens abzuwehren, indem sie Zuflüsse von Kapital aus anderen Ländern unattraktiv machen. Aus diesem Grund beharrt die SNB bisher auch darauf, den (Negativ-)Zinsunterschied zur Europäischen Zentralbank nicht zu vergrössern.

Doch auch diese Argumentation wird zunehmend infrage gestellt. Ökonomen der Bank ­Pictet schreiben, es gebe keine Daten, die belegen würden, dass Negativzinsen eine Frankenaufwertung verhindern könnten. Dabei verweisen sie sogar auf eine Studie, die pikanterweise die SNB-Ökonomin Pinar Yesin erstellt hat. Sie kommt ebenfalls zum Schluss, dass der Zinsunterschied zur EZB kaum einen Einfluss auf den Frankenkurs hat.

Unter- statt überbewertet

Die Pictet-Ökonomen kommen in ihrer Studie überdies zum überraschenden Schluss, dass der Franken ohnehin nicht mehr überbewertet, sondern mittlerweile sogar unterbewertet sei. Angesichts von strukturellen Stärken der Schweiz würde der langfristig «faire» Kurs nahe bei der Parität zum Euro liegen. Diese Ansicht dürfte kaum von einer Mehrheit der Ökonomen geteilt werden. Ein Kurs von unter 1.05 Franken pro Euro wäre für Schweizer Unternehmen weiter eine Herausforderung, erklärten gestern die UBS-Verantwortlichen aus dem Firmenkundenbereich. Aber sie sagten auch, dass die meisten Unternehmen mit dem gegenwärtigen Wechselkurs gut leben können. Deshalb dürften die Ökonomen von Pictet zumindest mit einer Forderung auf wenig Widerspruch stossen: Die SNB müsse den Zweck ihrer Negativzinspolitik besser begründen und belegen als bisher.

Erstellt: 19.09.2019, 07:06 Uhr

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