1,8 Milliarden für die Verwaltung der Pensionskassen

Höhere Erträge mit alternativen Anlagen sind das Ziel. Dafür akzeptieren Pensionskassen neuerdings hohe Kosten.

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Hohe Vermögensverwaltungskosten sind seit längerem ein heikles Thema bei den Pensionskassen. Die wohl einzige Kasse in der Schweiz, die eine Diskussion dazu nicht scheut, ist jene der Stadt Zürich (PKZH). Sie hat mehr Daten ins Internet gestellt als andere und mehr, als sie vom Gesetz her publizieren müsste.

Aus den Daten geht hervor, dass die Pensionskasse im Jahr 2013 mit Hedgefonds brutto 188 Millionen Franken verdient und dafür 72 Millionen an Gebühren bezahlt hat. Die Kosten belaufen sich damit auf 38 Prozent des Ertrags. 42 Millionen Franken hat sie für Privatanlagen (Private Equity) hingeblättert, der Ertrag belief sich auf 107 Millionen. Der Anteil der Kosten am Bruttoertrag beträgt hier 39 Prozent. Das Beispiel zeigt, dass die Kasse sehr viel für alternative Anlagen bezahlt. Die erhoffte höhere Rendite veranlasst Pensionskassen dazu, trotz höherer Kosten vermehrt in Anlagen wie Hedgefonds, Privatanlagen und Rohstofffonds zu investieren, auch wenn sie viele für besonders riskant ­halten. Alternative Anlagen heissen sie, weil sie sich nicht wie gewöhnliche ­Anlagen an der allgemeinen Entwicklung des Aktien- oder Anleihenmarktes orientieren. Ihr Reiz ist umso grösser, als die Pensionskassen angesichts sehr tiefer Zinsen ohnehin Schwierigkeiten haben, die den Pensionären zugesagten Renditen zu erzielen.

Die Verwaltung ist bestrebt, den Anlagekosten der Kassen einen Riegel zu schieben. Das Bundesamt für Sozial­versicherungen (BSV) debattiert mit der Branche bereits heftig über eine pro­zentuale Obergrenze – die Rede ist von 2 Prozent gemessen an den verwalteten Vermögen. Der Pensionskassenverband (Asip) ist dezidiert gegen eine solche Kostenobergrenze, einige gewerkschaftsnahe Verbände sind dafür. Die Pensionskassen sollten in ihrem Spielraum «nicht noch mehr eingeschränkt werden», verteidigt Hanspeter Konrad, Direktor der Asip, die Haltung seines Verbandes: Die bisherige Reform von 2011 und 2012, die Kostentransparenz hergestellt hat, solle «erst einmal ihre Wirkung entfalten».

Aktien gegen Hedgefonds

Das beste Beispiel für diese Transparenz liefert wie erwähnt die Pensionskasse der Stadt Zürich. Mit allen drei alter­nativen Anlagentypen (Hedgefonds, ­Private Equity und Rohstofffonds) verdiente sie im Jahr 2013 netto 184 Millionen Franken. Bei Kosten von 116 Millionen Franken erzielte sie so eine Nettorendite von 8,7 Prozent. Wie sich nun aber zeigt, ist sie in diesem Jahr mit herkömmlichen Anlagen deutlich besser gefahren: Die Rendite auf ihren Aktien belief sich dagegen auf satte 24 Prozent. Die Kosten für die Gebühren machten hier mit 10 Millionen Franken nur rund 1 Prozent des Bruttoertrags von 809 Millionen Franken aus. Das Muster wiederholte sich auch im Jahr 2014: Wiederum profitierte die PKZH deutlich mehr von gewöhnlichen Aktienanlagen als von ­alternativen und teureren.

Für einen aussagekräftigen Vergleich muss allerdings das eingegangene Risiko miteinbezogen werden. Eine Masszahl dafür ist die sogenannte Volatilität – sie zeigt, wie stark eine Aktienklasse nach unten und nach oben ausschlägt. Daran ­gemessen waren die Aktieninvestitionen der Zürcher Pensionskasse risikoreicher als die von ihr gewählten Anlagen in Hedgefonds. Bleibt die Frage, wie sich trotz der bescheideneren Rendite aus ­alternativen Anlagen deren deutlich ­höhere Kosten rechtfertigen lassen.

«Entscheidend ist die Nettorendite und nicht die Kostenhöhe», rechtfertigt sich der Leiter Anlagen der Pensionskasse der Stadt Zürich, Jürg Tobler. «In unserem Fall hat sich dies bisher für die Versicherten ausbezahlt», sagt er und verweist auf die 15-jährige Erfahrung ­seiner Kasse mit alternativen Anlagen: «In dieser Zeitspanne warfen die Investitionen in Private Equity im Vergleich mit den ‹normalen›, kotierten Aktien im Durchschnitt pro Jahr eine Zusatzrendite von rund 2 Prozentpunkten ab.» Hedgefonds rentierten im Durchschnitt 1,2 Prozent mehr als ein hälftig in Aktien und Obligationen investiertes Kapital. In der Summe erhöhten Hedgefonds und Private-Equity-Anlagen in 15 Jahren das Gesamtvermögen um jährlich 0,2 Prozentpunkte.

Jährlich 1,84 Milliarden Kosten

Gemäss Tobler erlaubte diese Überrendite, die Sparbeiträge der Versicherten tiefer zu halten, als wenn die Pensionskassen nicht in alternative Anlagen investieren würden. «Für eine Arbeitnehmerin mit einem versicherten Lohn von 80'000 Franken macht dies eine jährliche Einsparung von 1280 Franken aus.» Auch der Steuerzahler profitiere von tieferen Ausgaben, denn die Stadt Zürich muss als Arbeitgeberin jährlich im Schnitt 15 Millionen Franken weniger für die Pensionskasse aufwenden.

«Derzeit werden vielfach alternative Anlagen als möglicher Ausweg aus dem gegenwärtigen Anlagenotstand empfohlen», sagt Pensionskassenverbands­direktor Konrad. Das zeigen auch die Zahlen. Die investierten Summen in diese Anlageklasse haben deutlich zugenommen. 2011 waren es noch rund 38 Milliarden Franken, Anfang 2015 ­bereits geschätzte 54 Milliarden Franken, was einer Erhöhung von 6 auf 6,7 Prozent des Alterskapitals entspricht. Dieses Wachstum geht weiter. Das führt zwangsläufig auch zu höheren Kosten. Wie hoch sie sind, kann aber nur geschätzt werden. «Die Vermögensverwaltungskosten nach Anlageklassen werden nicht erhoben», sagt Willi ­Stuber, verantwortlich für die Pensionskassenstatistik beim Bund. Auch Daten zum Risiko der Anlagen werden nicht ­erhoben. Die Politik tappt in dieser wichtigen Frage im Dunkeln.

Einen Hinweis auf die Kosten liefert immerhin eine Studie des Bundesamtes für Sozialversicherungen (BSV) von 2011. Die Pensionskassen gaben für die Vermögensverwaltung 3,9 Milliarden Franken aus, 33 Prozent davon für alternative Anlagen, obwohl sie nur 6 Prozent der Anlagen ausmachen. Ihr Anteil an den Kosten der gesamten Anlagesumme lag bei 3,4 Prozent. Hochgerechnet auf das Jahr 2014 haben die Pensionskassen nach TA-Schätzung im letzten Jahr 1,84 Milliarden Franken für Hedgefonds und dergleichen ausgegeben.

Diese hohen Kosten stossen besonders bei jenen Kreisen auf Widerstand, die schon früher die Intransparenz und überrissen hohen Vermögensverwaltungsgebühren in der beruflichen Vorsorge gegeisselt haben. Als Antwort darauf und auf die Studie von 2011 verordnete der Bundesrat den Pensionskassen Kostentransparenz und empfahl ihnen, «den Wettbewerb spielen zu lassen». ­Insider wenden dazu ein, dass die Pensionskassen gegenüber den Anlageanbietern wenig Preisverhandlungsmacht hätten. Die Nachfrage sei viel höher als das Angebot. Als Investor akzeptiere man das oder man investiere nicht, sagt Jürg Tobler von der PKZH dazu.

Ex-Preisüberwacher verärgert

Zu den prominentesten Kritikern der hohen Gebühren zählt der einstige Preisüberwacher und Ex-SP-Nationalrat Rudolf Strahm. «Derzeit läuft eine Kampagne mit ausgewählten Kassen und ausgewählten Vermittlern, die vehement für Hedgefonds-Anlagen werben», sagt Strahm. Die Pensionskassen, die mit spektakulären Ergebnissen durch ­alternative Anlagen werben, seien zwar professionell geführt, aber nicht repräsentativ. Solide Langfristergebnisse für alternative Anlagen gebe es nicht, weil die Kosten bis 2010 gar nicht bekannt ­gewesen seien.

Kritik kommt nicht nur von links. Im März reichte Albert Vitali, Luzerner FDP-Nationalrat, einen Vorstoss ein, mit dem er vom Bundesrat eine Einschätzung zu den seiner Ansicht nach zu hohen Kosten verlangt hat. Sozialminister Alain Berset wich aus und verwies auf die Arbeiten zur Reform der Altersvorsorge 2020. Im Bericht zur Botschaft des Bundesrats zu dieser Reform steht, die Höhe der Kosten für Private Equity und Hedgefonds-Vehikel solle «auf eine bestimmte Prozentzahl limitiert werden». Ein Kostendeckel ist damit absehbar.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.06.2015, 06:55 Uhr

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