31'000 Franken für ein halbstündiges Video-Referat

Der britische Premierminister redete für Kunden einer Schweizer Bank über Politik. Für andere Auftritte erhielt er noch mehr Geld.

Gilt als glänzender Rhetoriker: Boris Johnson. (Reuters, Rui Vieira, 27. Juli 2019)

Gilt als glänzender Rhetoriker: Boris Johnson. (Reuters, Rui Vieira, 27. Juli 2019)

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Es ist ein fürstlicher Lohn: Im letzten April erhielt Boris Johnson von der Bank Pictet etwa 31'000 Franken für einen Auftritt, der eine halbe Stunde dauerte. Das wären mehr als 60'000 Franken als Stundenhonorar.

In Johnsons Welt ist das offenbar normal: Einen Monat danach erhielt der glühende Verfechter des Brexit für eine Rede vor dem Swiss Economic Forum in Interlaken ebenfalls 30 000 Franken. Der diese Woche zum britischen Premierminister ernannte Johnson war damals noch ein einfacher Abgeordneter im britischen Parlament.

Der Inhalt der Video-Rede bleibt ein Geheimnis

Das Honorar der Bank Pictet wurde vor kurzem von den Zeitungen «The Guardian» und «Sunday Times» enthüllt, die sich für die Nebeneinkünfte der Abgeordneten interessierten. Nebeneinkünfte müssen dem Parlament bekannt gegeben werden. Die Schweizer Bank bestätigt die Zahlung auf Anfrage.

Das Absurde: Boris Johnson trat nicht persönlich auf, sondern nur über eine Videoschaltung, und zwar für Privatkunden von Pictet in Nassau auf den Bahamas. Das Thema seiner kurzen Rede war «internationale und britische Politik».

Die Bank organisiere jedes Jahr zahlreiche Events dieser Art, sagt ihr Sprecher Frank Renggli. Worum es spezifisch ging, ist nicht bekannt. Von Johnsons Rede gebe es keine Niederschrift. Was der heutige Premierminister damals den Bankkunden sagte, bleibt daher ein Geheimnis.

Einen Monat später trat Boris Johnson immerhin höchstpersönlich in Interlaken auf und erneuerte dort sein Versprechen, dass Grossbritannien «die Europäische Union am 31. Oktober verlassen wird, mit oder ohne Abkommen». Der Auftritt dauerte etwas mehr als eine halbe Stunde.

«Gebt nicht nach»

Ausserdem drückte er seine Bewunderung für die Schweiz aus, die in Verhandlungen mit der EU vieles schon erreicht habe, was Grossbritannien verlange. Er sehe, dass Brüssel nun Druck ausübe, und sagte den Schweizern: «Gebt nicht nach.»

Damals wurde Johnsons Auftritt von seinen Gegnern sarkastisch kommentiert: Wie könne ein Mastermind der euroskeptischen Konservativen den Brexit ohne Abkommen ausgerechnet in einem Land predigen, das so viele Abkommen mit der EU geschlossen habe? Das Swiss Economic Forum bestätigt die Höhe des Honorars für Johnson nicht, weil der Vertrag eine Schweigeklausel enthalte.

Ganz schön Kasse gemacht

Bevor er seinen neuen Job als Premierminister antrat, konnte Johnson mit den Honoraren für Vorträge und Diskussionen offenbar gut über die Runden kommen. Das Honorar der Bank Pictet war dabei nicht einmal besonders hoch.

Im vergangenen November erhielt Johnson für einen Auftritt bei der NewYorker Vermögensverwaltung Golden Tree umgerechnet 117'000 Franken. Und im März war sein Erscheinen bei einer Konferenz der Zeitung «India Today» in Delhi mehr als 150'000 Franken wert.

Erstellt: 29.07.2019, 18:41 Uhr

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