Abramowitsch geizt vor den Freiburger Richtern mit Worten

Roman Abramowitsch wurde zu seiner früheren Schweizer Briefkastenfirma ins Kreuzverhör genommen.

Auf dem Weg zum Gericht: Roman Abramowitsch (links) und ein kleiner Teil seiner Entourage. Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

Auf dem Weg zum Gericht: Roman Abramowitsch (links) und ein kleiner Teil seiner Entourage. Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

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Hat er öfter «Weiss ich nicht» gesagt? Oder doch mehr «Erinnere mich nicht»?

Rund drei Stunden wurde Multimilliardär Roman Abramowitsch am Freitag in Freiburg zu seiner früheren Swiss Connection befragt. Bei den leisen und meist knappen Antworten hielten sich Nichtwissen und Nichterinnern in etwa die Waage. Beides machte der bekannteste russische Oligarch wieder und wieder geltend. Und trotzdem war sein mit Spannung erwarteter Auftritt aufschlussreich. Vor allem die gezielten Fragen des Präsidenten des Zivilgerichts sowie der Gegenpartei brachten zumindest etwas Licht in die sogenannte Runicom-Affäre. Es ist eine Affäre, die seit fast zwei Jahrzehnten mit viel juristischem Aufwand und bislang wenig Ertrag in verschiedenen Ländern ausgetragen wird – nun auch zwei Monate lang öffentlich in Freiburg.

Das Publikum blieb vergangenen Freitag – abgesehen von Medienvertretern und Zivilpolizisten – spärlich. Der wenig charmante und kleine Verhandlungssaal war trotzdem voll und stickig. Zum Gericht des Saanebezirks hatte Abramowitsch eine grosse Schar von Anwälten, Übersetzern und sogar einer PR-Frau begleitet. Die Entourage des Besitzers des Chelsea FC und seines langjährigen Geschäftspartners Evgeny Shvidler hätte problemlos ein Fussballteam formieren können, inklusive Einwechselspieler. Aber es ging nicht um das teure Hobby des Mannes im blauen Anzug mit dem leicht angegrauten Bart, der gestern Freitag zuvorderst an einem Tischchen Platz nehmen musste. Sondern um einen Streit um 46 Millionen Franken. Die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD), an der auch die Schweiz beteiligt ist, verlangt von Abramowitsch, seinem Partner Shvidler und vom Energieriesen Gazprom die Rückzahlung des Geldes. Die EBRD hatte sich nicht beliebt gemacht, als sie ihre Forderung Abramowitsch bei einer Partie Chelseas gegen Valencia übergab.

«Keine Kenntnis»

Die Beklagten denken nicht daran zu zahlen. Ihre Seite macht geltend, alles sei längst beglichen. Doch die Entwicklungsbank beharrt auf ihrer Forderung, was sie am vergangenen Freitag mit dem Auftritt von acht Vertretern unterstrich. Auch Abramowitsch rückte von seiner Position keinen Deut ab: Der Mann, der mit dem Handel von Rohstoffen reich geworden ist, betonte auf Anfrage des Gerichts, dass er davon ausgehe, dass die Summe bezahlt sei.

In Freiburg findet der Prozess statt, weil Abramowitsch dort in den 90er-Jahren eine Briefkastenfirma namens Runicom SA besass. Just als die Entwicklungsbank ihre Millionenforderung eintreiben wollte, liess jemand die Runicom SA in Konkurs gehen. Vieles wurde nach Gibraltar übertragen, an eine Runicom Ltd.

Vor dem Zivilgericht ging es vergangenen Freitag nun um die Frage, welche Rolle Abramowitsch dabei gespielt hat. Der Oligarch machte deutlich, er sei in den Transfer überhaupt nicht involviert gewesen. Wer was entschieden habe, entziehe sich seiner Kenntnis.

Abramowitsch wurden Verträge und andere Runicom-Unterlagen vorgelegt. Er musste wiederholt bestätigen, dass unter einzelnen Dokumenten seine Unterschrift prangt. Doch an die genauen Umstände, unter denen er die Schriftstücke signiert hatte, konnte oder wollte er sich nicht erinnern. Abramowitsch merkte entschuldigend und erklärend an, dass seine Gruppe damals rund 50 Gesellschaften und 65'000 Mitarbeiter umfasst habe.

Direktor ohne Lohn

Gewiss zeigte sich Abramowitsch aber darin, dass er nie die Geschäfte der Runicom SA geführt hat. Auch habe er nie an einer Verwaltungsratssitzung oder einer Generalversammlung der Firma teilgenommen. Und in noch einem Punkt war sich Abramowitsch sicher: Dem einstigen Schweizer Runicom-Verwalter und anderen damals involvierten Personen habe er nie Anweisungen erteilt. Um vieles habe sich «die Finanzabteilung» gekümmert. Namen zuständiger Mitarbeiter konnte oder wollte er nicht nennen.

Abramowitsch bestätigte allerdings, dass er persönlich eine Zeit lang Direktor der Runicom SA war. Faktisch sei er eher eine Art «Botschafter» gewesen. Ein Entgelt habe er nicht bezogen. Sein Nachfolger als Direktor sei ihm nicht bekannt. Auch wisse er nicht, wo sich die Moskauer Büros der Runicom SA befunden hätten.

Eine Vizedirektorin der Entwicklungsbank hatte früher im Verfahren gefordert, man müsse die «Puppenspieler attackieren, nicht die Puppen». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.05.2018, 11:36 Uhr

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Fall Abramowitsch

Die Swiss Connection von Roman Abramowitsch beschränkt sich nicht auf die seltenen Auftritte seines Fussballvereins Chelsea im Land. Es gab auch eine Schweiz-Verbindung, die seine Kerntätigkeit betraf, den Rohstoffhandel. Ab den 90er-Jahren wickelte Abramowitsch Energiegeschäfte über die Runicom SA ab, die ihren Sitz erst in Genf und später in Freiburg hatte. 2004 wurde die Briefkastenfirma aufgelöst. Kurz zuvor war die Runicom SA zu einer Millionenzahlung an die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung verpflichtet worden. Die Aktiven wurden daraufhin an Runicom Ltd. in Gibraltar übertragen. Deswegen hat die Entwicklungsbank Abramowitsch, einen langjährigen Geschäftspartner und den Energieriesen Gazprom verklagt. Die Beklagten wehren sich gegen die in ihren Augen nicht berechtigte Forderung. Ein Zivilgericht in Freiburg hat nun eine zweimonatige Verhandlung angesetzt.
Dies beschert Abramowitsch einige Kurzaufenthalte im Land, in das er ohnehin ziehen wollte. Der Multimilliardär hatte 2016 ein Gesuch für eine Aufenthaltsbewilligung im Kanton Wallis deponiert. Nach fast einem Jahr zog er das Gesuch zurück. Weshalb dies geschah, darf die Öffentlichkeit nicht erfahren. Ein Gericht hat Journalisten dieser Zeitung untersagt, darüber zu berichten.
Sie wehren sich juristisch dagegen. (tok)

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