Abrechnung mit den Euro-Eliten

Hautnah: Griechenlands Ex-Finanzminister Giannis Varoufakis erinnert sich an die harten Verhandlungen mit den europäischen Eliten.

Setzt sich gern in Szene und liefert doch ein lehrreiches und auch glaubwürdiges Werk über die Abläufe und Zwänge in der europäischen Politik. Foto: Neil Hall (Reuters)

Setzt sich gern in Szene und liefert doch ein lehrreiches und auch glaubwürdiges Werk über die Abläufe und Zwänge in der europäischen Politik. Foto: Neil Hall (Reuters)

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Giannis Varoufakis war die schillerndste Figur während der dramatischen Verschärfung der Griechenlandkrise im ersten Halbjahr 2015. Ende ­Januar wurde der Ökonom in die frisch gewählte linke Regierung von Alexis Tsipras als Finanzminister Griechenlands berufen. Den Job behielt er nur bis Anfang Juli.

In diesen Monaten spielte sich ein politisches Drama ab, in dem weit mehr auf dem Spiel stand als die weitere Mitgliedschaft Griechenlands in der Währungsunion und der EU. Letztlich ging es darum, ob sich das europäische Projekt Demokratie leisten kann und will. Die Antwort von Varoufakis in seinem neuen Buch ist klar: Aktuell will und kann sie es nicht.

Die unaussprechbare Wahrheit

Varoufakis lässt die Leser im Buch an seinen Verhandlungen – oder wie er im Untertitel des Buchs schreibt –, an seinem Kampf mit den europäischen Eliten und Gläubigern Griechenlands hautnah teilhaben. Auf die Verhandlungen mit den Gläubigern bezieht sich auch der Titel des Buches. Auf «Adults in the Room» («Erwachsene im Raum») hat IWF-Chefin Christine Lagarde einmal erschöpft an einer Medienkonferenz zu den Verhandlungen gehofft.

Die griechische Linksregierung, die Varoufakis vertrat und für die er Verhandlungen geführt hat, war den übrigen Europäern nie genehm. Allein schon deshalb nicht, weil sie aussprach, was jedem Ökonom klar sein muss, der Zahlen deuten kann: dass die Griechen ihre Schuldenlast nie werden zurückzahlen können. Das zu anerkennen, ist aber in Europa ein politisches Tabuthema. So konnten die Debatten nie fruchtbar verlaufen. Davon zeugt der Bericht von Varoufakis.

Für Varoufakis ist Tspiras Annahme der Bedingungen vergleichbar mit dem Akzeptieren der Kapitulationsbedingungen durch die Deutschen 1919.

Im Juli 2015 liess Regierungschef Tsipras das griechische Volk darüber abstimmen, ob es sich den Forderungen der Europäischen Gläubiger beugen will. Obwohl die Drohung im Raum stand, eine Ablehnung führe zum Austritt Griechenlands aus der Eurozone und der EU, siegte das ablehnende Lager und damit auch Varoufakis. Wie dieser schreibt, hat die griechische Regierung ein anderes Ergebnis erwartet. Für Varoufakis ist die danach erfolgte Annahme der Gläubiger-Bedingungen durch Tsipras trotz dem gegenteiligen Volksentscheid vergleichbar mit dem Akzeptieren der letztlich unerfüllbaren Kapitulationsbedingungen durch die Deutschen im Vertrag von Versailles nach dem Ersten Weltkrieg.

Das Buch ist notgedrungen einseitig, und das Auftreten von Giannis Varoufakis hat seiner Glaubwürdigkeit geschadet: Fast keine Gelegenheit hat er ausgelassen, um sich in Szene zu setzen. Das ändert nichts daran, dass es sich bei seinem Buch um ein spannendes, lehrreiches und auch glaubwürdiges Werk über die Abläufe und Zwänge in der europäischen Politik handelt. Eine deutsche Ausgabe erscheint Ende September.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.08.2017, 20:43 Uhr

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Buch

Giannis Varoufakis: Adults in the Room – My Struggle With Europe's Deep Establishment. Verlag Random House, 560 Seiten, 28.90 Franken. Zur Leseprobe

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