Äss Ämm Ei

Seit drei Jahrzehnten begleiten uns Meldungen über den Swiss-Market-Index durch den Tag. Nur hören wir nie richtig hin. Zeit für einen Grundkurs.

Grafiken: Michael Rüegg, Quelle: SIX

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Am Morgen im Pyjama, am Mittag nach der Cremeschnitte, am Abend zum Café complet. Drei Buchstaben, ständige Begleiter aufmerksamer Zeitgenossen.

Äss Ämm Ei.

«Und damit zur Börse», heisst es vor den Nachrichten und manchmal auch danach. Der Stand und die Entwicklung des Swiss-Market-Index – meist nur als SMI bezeichnet (für uns Schweizer eben Äss Ämm Ei ausgesprochen) – begleitet jede Nachrichtensendung. Der Index hat in der Wirtschaftsberichterstattung etwa den gleichen Status wie das BIP – die andere berühmte Abkürzung, die für das Bruttoinlandprodukt steht und damit für die Wirtschaftskraft des Landes.

Ende Monat wird der SMI 30 Jahre alt, am 30. Juni 1988 wurde er eingeführt. Als besonders grosse Sache hat man das damals offenbar nicht betrachtet. Selbst die «Neue Zürcher Zeitung», die sonst jeden Halbjahresabschluss einer mittelgrossen Schraubenfabrik ­anständig würdigt, widmete der Innovation damals nur gerade eine kurze Agenturmeldung – unter dem Titel «Schweizer Börsen mit neuem Index». Heute ist der SMI der weitaus ­bekannteste Index unter mittlerweile ziemlich vielen.

Nach oben, nach unten

Und obwohl die drei Buchstaben uns täglich begleiten, wissen wohl die meisten nicht viel mehr über den SMI, als dass seine Veränderungen irgendwie für den Verlauf der Börse stehen – ob die Aktienkurse in der Schweiz steigen, sinken oder sich «seitwärts bewegen», wie die Börsianer das nennen, wenn die Kurse sich nicht verändern.

Dabei, und das sagt einem der Nachrichtensprecher nie, erfasst der SMI eben nicht alle etwas mehr als zweihundert Schweizer Unternehmen, die an der Schweizer Börse gehandelt werden, sondern nur die zwanzig grössten und am meisten gehandelten. Die Grösse bezieht sich dabei auf die Aktienkapitalisierung, also den Wert aller Aktien eines Unternehmens.

In Anspielung auf die blaue Farbe der wertvollsten Chips für Einsätze im Casino von Monte Carlo werden die SMI-Unternehmen von Börsianern auch als «Blue Chips» bezeichnet. Wegen ihrer Grösse decken diese Konzerne rund 80 Prozent des gesamten Schweizer Aktienmarkts ab.

Weil die vom SMI erfassten Unternehmen stark international ausgerichtet sind, beeinflussen Erwartungen zur US-Wirtschaft diesen Index deutlich stärker als jene zur Schweizer Wirtschaftslage. Bei Nestlé beispielsweise macht der Absatz in der Schweiz nur gerade 1,4 Prozent des Gesamtumsatzes aus. Bei Novartis liegt der inländische Umsatzanteil bei 2 Prozent. Dazu kommt, dass der SMI nicht zwingend nur Schweizer Unternehmen enthält. So war im Gründungsindex noch das italienische Pneuunternehmen Pirelli vertreten. Ein Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit ist die US-Ölbohrfirma Transocean, die zwischenzeitlich ebenfalls im Index vertreten war.

Ein Produkt des Zeitgeistes

Der SMI wurde im Jahr 1988 in der hohen Zeit des internationalen Finanz­kapitalismus begründet. Generell freie Märkte und Deregulierung waren die Zauberworte der Zeit – besonders gefördert durch die Präsidentschaft Ronald Reagans in den USA und Margaret Thatchers in Grossbritannien. Die Banken begannen damit, Finanzprodukte zu vertreiben, die bis dahin höchstens ein Randdasein gefristet hatten. Dazu zählten vor allem Derivate wie Optionen oder sogenannte Futures. Mit Optionen kann man Rechte auf den Kauf oder Verkauf zum Beispiel von Aktien handeln, mit Futures schon jetzt auf einen Preis einer Aktie in Zukunft setzen.

Um für den Handel mit diesen Produkten eine Plattform zu schaffen, wurde in der Schweiz ebenfalls 1988 die Soffex gegründet, die in direktem Zusammenhang mit der Gründung des SMI steht. Es ging keineswegs darum, für die Öffentlichkeit einen Barometer zur Entwicklung der Schweizer Börse zu schaffen. Vielmehr wollten Banken und Investoren Derivate nicht mehr nur auf einzelne Aktien oder Aktiengruppen schaffen, sondern gleich auf den gesamten Schweizer Aktienmarkt – aber ohne wenig gehandelte und kleine Titel. Der SMI schuf diese Möglichkeit. Mit ihm wurde es möglich, über Derivate auf den Index selbst zu wetten. Allein im Jahr 2017 wurden 12 Millionen Optionen und Futures auf den SMI gehandelt.

Noch grösser wurde der Nutzen für die Finanzgemeinde dann mit dem Aufkommen der sogenannten Exchange Traded Funds (ETF). Der Wert dieser Produkte orientiert sich so nahe wie möglich an einem Index wie dem SMI, sie ermöglichen den Investoren, die Risiken eines Kaufs von einzelnen Aktien zu verkleinern. Insgesamt sind laut dem Börsenbetreiber SIX aktuell 11,7 Milliarden Franken in ETFs auf den Schweizer Aktienmarkt angelegt.

Nestlé, Novartis und Roche dominieren den SMI.

Doch gerade wegen dieser Funktion für Derivate ist der SMI ein schlechter Index. Er ermöglicht den Anlegern nur eine geringe Verteilung der Risiken. Selbst unter den im Index er­fassten grössten Unternehmen ist der Einfluss auf den Index extrem unterschiedlich. Die drei Unternehmen Nestlé, Novartis und Roche dominieren den SMI zu einem Anteil von rund 55 Prozent, wobei der Anteil je nach Kursentwicklung schwanken kann. Eine Kursbewegung von Nestlé zum Beispiel wirkt sich auf den SMI rund 20-mal stärker aus als eine des Telecomunternehmens Swisscom, des Personalvermittlers Adecco oder des Lebensversicherers Swiss Life.

Auf Druck von Regulierungsbehörden vor allem aus dem Ausland hat die Börsenbetreiberin SIX die Gewichte im letzten Jahr für jedes Unternehmen auf maximal 18 Prozent beschränkt. Das gilt aber nur bezogen auf Stichtage. Zwischenzeitlich kann diese Grenze nach oben durchbrochen werden. Deshalb nimmt Nestlé aktuell dennoch ein Gewicht von 22 Prozent ein.

Dass heute so wenig Unternehmen den gesamten Index dominieren – es ist das Resultat einer langfristigen Ent­wicklung. Dreissig Jahre SMI sind auch dreissig Jahre Schweizer Wirtschafts­geschichte. Kein einziges Unternehmen, das im Gründungsindex vertreten war, ist heute noch mit dem gleichen Namen dort vertreten. Vier Unternehmen von damals haben sich umbenannt, wie etwa die Schweizerische Rückversicherung, die sich heute Swiss Re nennt. Die Schweizerische Kreditanstalt kennt man heute als Credit Suisse. Hoffmann- La Roche heisst heute nur noch Roche. Und die heutige Zurich Insurance nannte sich einst schlicht Zürich.

Eine Geschichte der Fusionen

Die Veränderungen im Index stehen für die Grossfusionen, die die Schweizer Wirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten geprägt haben. 1988 waren noch vier Grossbanken im Ursprungs-SMI vertreten: der Bankverein, die Bankgesellschaft, die Volksbank und die Kreditanstalt. 1993 schluckte die Kreditanstalt respektive Credit Suisse die Volksbank, die im Zuge der Immo­bilienkrise der Vorjahre stark ange­schlagen war. 1997 kam es schliesslich zur Grossfusion von Bankverein und Bankgesellschaft, aus der dann die UBS hervorging.

Weitere Grossfusionen fanden im Pharma- und Chemiebereich statt. Aus dem Zusammenschluss der beiden Basler Unternehmen Ciba Geigy und Sandoz (beide waren im SMI von 1988 vertreten) entstand 1996 der Gigant Novartis. Aus Ausgliederungen von Novartis entstanden die Unternehmen Ciba Spezialitätenchemie und der Agrochemie­gigant Syngenta. Dieser wurde zwischenzeitlich vom chinesischen Staatskonzern Chemchina übernommen. Im Industriebereich kam es noch im Geburtsjahr des SMI zur Fusion der Technologiekonzerne Brown Boveri (BBC) und der schwedischen Asea zu ABB.

Der wohl dramatischste Austritt eines Unternehmens aus dem Ur-SMI ist der Fall der Swissair. Die Schweizer Fluggesellschaft war der Stolz der Nation. In der zweiten Hälfte der 90er-Jahre kam das Unternehmen als Folge einer schwierigen Lage in der europäischen Luftfahrtbranche und wegen gravierender Managementfehler immer mehr ins Schlingern, bis es am 2. Oktober 2001 wegen Zahlungsproblemen seine Flugzeuge am Boden belassen musste. Das ging als Grounding in die Geschichte ein – und hatte entsprechende Auswirkungen auf den Kurs des SMI.

Die Swissair war weg, der SMI blieb. Stetig, konstant. Manchmal im Minus, öfters im Plus. Drei Buchstaben. Ständige Wegbegleiter aufmerksamer Zeitgenossen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.05.2018, 22:42 Uhr

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