An die Arbeit, Roboter

Die Digitalisierung verändert Berufe radikal oder bringt sie ganz zum Verschwinden – sogar solche, die bis anhin als sicher galten.

Illustration: Patric Sandri

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Kaum irgendwo sonst werden wir so unmittelbar mit der Zukunft der Arbeit konfrontiert wie beim Einkaufen. Immer öfter müssen wir uns entscheiden: Stellen wir uns bei der bedienten Kasse an, wo ein Angestellter für uns das Tippen übernimmt? Ober erledigen wir das selbst, per Self-Scanning? Und wenn wir uns gegen den Verkäufer entscheiden, verliert er dann irgendwann unseret­wegen seinen Job?

Ja, sagen die Pessimisten, die vor allem in den USA gerade viel Aufmerksamkeit bekommen. Sie sind der Ansicht, dass wegen der Automatisierung und der Digitalisierung in den nächsten Jahrzehnten Millionen von Menschen ihre Jobs verlieren und nur schwer einen neuen finden werden.

Nicht unbedingt, sagen die Optimisten. Sie glauben, dass zwar Jobs verloren gehen, aber gleichzeitig so viele neue entstehen, dass die Arbeitslosigkeit sich nicht dramatisch erhöhen wird.

Geschichte versus Statistik

Die Optimisten haben die Geschichte auf ihrer Seite. Ihrer Ansicht nach erleben wir die vierte industrielle Revolution, nach der Einführung der Dampfmaschine, der Elektrizität und des Computers. Sie sprechen von der Industrie 4.0: Maschinen übernehmen nicht nur immer mehr Tätigkeiten von Menschen, sie vernetzen sich auch mit ihnen und untereinander, werden immer intelligenter und lernfähiger. Die Menschen fürchten diese Maschinen, wie sie einst die mechanischen Webstühle fürchteten, sagen die Optimisten – aus Angst vor dem Neuen. Dabei hätten die ersten drei Revolutionen für die Angestellten fast nur Gutes gebracht: bessere Ausbildungen, bessere Jobs, mehr Wohlstand.

Die Pessimisten widersprechen ihnen in dieser Hinsicht nicht. Doch sie glauben, dass die heutige, digitale Revolution anders verläuft als die früheren. Bisher beeinflusse sie Menschen, die routinemässige, strukturierte Entscheidungen fällen wie Büroangestellte, Buchhalter oder Fertigungsmonteure, sagt Erik Brynjolfsson von der US-Eliteuniversität MIT. Doch sie werde noch viel weiter gehen: «Immer mehr sind jetzt auch Arbeiten betroffen, für die man bislang eine höhere Ausbildung brauchte – etwa in Anwaltskanzleien.» Die Oxford Martin School berechnete, dass in den USA in den nächsten 20 Jahren 45 Prozent aller Jobs automatisiert werden könnten. Gleichzeitig nimmt die Ungleichheit laut Brynjolfsson zu. «Neue Jobs gibt es vor allem für unqualifizierte und für hoch qualifizierte Arbeitskräfte. Die Mittelklasse wird ausgehöhlt.»

Eine Studie der Universität Zürich weist für die Schweiz in dieselbe Richtung. Sie stellt fest, dass viele Mittelstandjobs zwischen 1980 und 2010 verloren gegangen sind. Die Zahl der Maschinenmonteure ist um mehr als 4 Prozent zurückgegangen, jene der Handwerker um 12 Prozent und jene der kaufmännischen Büroangestellten um 8 Prozent. Die Zahl der Wissenschaftler und Techniker hat dafür um bis zu 9 Prozent zugenommen, und insgesamt gibt es heute 6 Prozent mehr Führungskräfte als noch vor 30 Jahren. Diese Veränderungen sind laut der Studie auf externe Faktoren zurückzuführen – zum Beispiel die Frankenstärke –, zu einem grossen Teil aber auch auf die Automatisierung.

In Symbiose mit Maschinen

Von einer «Polarisierung der Jobs» spricht auch Joël Luc Cachelin, Gründer des Schweizer Thinktanks Wissens­fab­rik und Autor mehrerer Studien zum Thema «Digitale Gesellschaft». Entsprechend würden sich die Jobprofile und die Art der Arbeit stark verändern. «Der Mensch wird in der Arbeitswelt der Zukunft in Symbiose mit Maschinen zusammenarbeiten» – mit Robotern, Algorithmen, Drohnen und Automaten. Die Maschine wird die repetitiven Aufgaben übernehmen, der Mensch wird die Maschine weiterentwickeln und kontrollieren. Er ist für die Koordination zuständig, für das Kreative – und für die Arbeiten, die eine Maschine nicht ausführen kann. Welche Arbeiten das noch sein werden, lässt sich nur schwer abschätzen. Denn die Maschinen schaffen heute bereits viel mehr, als man noch vor wenigen Jahren gedacht hätte. Sie können Flugzeuge fliegen, Züge fahren, Lastwagen und Autos lenken. In Australien gibt es sogar einen Roboter, der Häuser baut. Das Gerät namens Handrian erstellt die Mauern eines Einfamilienhauses in zwei Tagen – ein Maurer braucht für dieselbe Arbeit vier bis sechs Wochen. Handrian schneidet die Backsteine selbst zu und trägt auch den Mörtel zwischen den Steinen auf. In einer Stunde verarbeitet er bis zu 1000 Steine, pro Jahr kann er bis zu 150 Häuser bauen. Möglich also, dass in ein paar Jahren die Baufirmen ihre Maurer durch die viel effizientere Wundermaschine ersetzen.

Wie Bauleute, Chauffeure, Piloten und Lokführer müssen auch Sachbearbeiter um ihre Jobs fürchten, weil eine Maschine ihre repetitive Arbeit schneller erledigen kann. Daneben gibt es zahlreiche Berufe, die zwar weiter existieren werden, deren Inhalt sich aber komplett verändern wird. Ein Banker etwa verwaltet künftig nicht mehr Geld oder vergibt persönlich Kredite. «Der Banker wird zum IT-Spezialisten, der die Algorithmen bedient, welche die Anlagestrategie ausarbeiten», sagt Cachelin. Oder er ist Spezialist in Sachen IT-Sicherheit oder wird engagiert, um bei den seltenen Gelegenheiten, bei denen er seine Kunden persönlich trifft, einen Schwatz abzuhalten. Selbst beim Förster besteht, obwohl schwer vorstellbar, Digitalisierungspotenzial. «Der Förster geht nicht mehr mit der Motorsäge durch den Wald, sondern mit einem Tablet, das ihm zeigt, in welchem Zustand der einzelne Baum ist. Denn jeder von ihnen wird ans Internet der Dinge angeschlossen sein», sagt Cachelin. Im Internet der Dinge werden nicht nur Bäume, sondern möglichst viele Gegenstände miteinander verknüpft sein und kommunizieren.

Arbeitsmarkt hinkt hinterher

Solche Veränderungen werden sich nicht erst in 50 Jahren einstellen. «Das sind Szenarien für die nächsten 10 Jahre», sagt Cachelin. Umso wichtiger ist es, dass der Schweizer Arbeitsmarkt sich vorbereitet. Denn im Moment hinkt er der Entwicklung offenbar hinterher – dies vor allem in der Industrie, wie eine Studie der Beratungsfirma Deloitte unter 50 Schweizer Industriefirmen vor einigen Monaten gezeigt hat. Lediglich 4 Prozent der Mitarbeiter der befragten Unternehmen sind demnach auf die Industrie 4.0 vorbereitet. 80 Prozent der Mitarbeiter haben teilweise das notwendige Talent, um sich auf die neuen Technologien einstellen zu können, 16 Prozent haben dies nicht. «Das heisst: 80 Prozent der Mitarbeiter können die Anforderungen der Industrie 4.0 theoretisch erfüllen, müssen aber weitergebildet werden», sagt Studienleiter Ralf Schlaepfer, Industry Leader bei Deloitte.

Nicht nur die fachlichen Qualifikationen müssen sich ändern. Die rasante Entwicklung und die verstärkte Vernetzung verschiedener Bereiche werden von den Arbeitnehmern auch persönlich mehr abverlangen. «Die Selbstkompetenzen werden wichtiger», sagt Cachelin. In der digitalen Arbeitswelt müssen sich Menschen gut vermarkten und organisieren können. Sie müssen sich selber rasch neues Wissen aneignen. Auch die Selbstreflexion und die Vernetzung werden an Bedeutung gewinnen. «Und nicht zuletzt brauchen wir auch mehr Selbstvertrauen, um uns in dieser komplexen Welt behaupten zu können», so Cachelin.

Vielen Angestellten werde es nicht gelingen, sich an diese komplexe Welt anzupassen, glauben die Pessimisten. In der Schweiz bestehe aber etwas weniger Anlass zur Sorge als in anderen Ländern, glaubt Michael Siegenthaler, Arbeitsmarktexperte bei der ETH-Konjunkturforschungsstelle KOF. «Je besser der durchschnittliche Angestellte mit neuen Technologien umgehen kann, des­to eher kann er sich an die Entwicklungen anpassen.» Zumindest junge Arbeitnehmer seien hierzulande relativ gut qualifiziert. Das Berufsbildungssystem stehe der Wirtschaft zudem nah. «Es kann so schneller auf Veränderungen reagieren.»

Das wird jetzt immer dringlicher. Und nicht nur die Berufs-, auch die Weiterbildung muss sich anpassen. Denn nur so findet der Verkäufer im Ernstfall einen neuen Job, sollten wir alle uns dereinst beim Einkaufen für die Self-Scanning-Kasse entscheiden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.07.2015, 08:58 Uhr

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