Asiaten dringend gesucht

Der günstigere Franken könnte Schweizer Skiorten diesen Winter erstmals wieder ein Wachstum bescheren. Auf Dauer braucht es aber neue Gäste.

Chinesische Touristen vergnügen sich auf dem Titlis oberhalb von Engelberg.

Chinesische Touristen vergnügen sich auf dem Titlis oberhalb von Engelberg. Bild: Urs Flüeler/Keystone

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Der Titlis gehört für viele Asiaten auf Europareise zum Pflichtstoff. Im Jahr 2016 kamen 250'000 Gäste aus Fernost – allen voran China – nach Engelberg und sorgten vor Ort für 135'000 Logiernächte. 90 Prozent fielen auf das Sommerhalbjahr. «Im Winter bieten Stadt­hotels in Luzern und Zürich extrem günstige Zimmerpreise, da können wir nicht mithalten», sagt Tourismusdirektor Frédéric Füssenich. Trotzdem erklärt er zum Ziel, mehr Chinesen auch im Winter nicht nur für die Gondelfahrt auf den Titlis, sondern als stationäre ­Feriengäste nach Engelberg zu holen.

Mit seiner Ambition verweist Füssenich auf ein Thema, das den ganzen Schweizer Bergtourismus zurzeit beschäftigt. Wie ist der anhaltende Besucherschwund zu bremsen? Schweizer Gäste sind noch einigermassen treu, aber längst nicht mehr so skifanatisch wie früher. Das grosse Problem sind die internationalen Besucher. Aus dem wichtigsten Markt Europa resultierte im Schweizer Alpintourismus zwischen 2010 und 2016 ein alarmierender Gästeeinbruch um 41 Prozent, wie das Bundesamt für Statistik nachweist. Am heftigsten litt der Winter, weil er für die Bergdestinationen aus Tradition die Hauptsaison darstellt.

Bilder: Die billigsten Skigebiete Europas

Dank der leicht verbesserten Währungslage rechnen die Skiresorts für diesen Winter zwar erstmals seit Jahren wieder mit mehr Gästen aus Ländern wie Deutschland, Frankreich oder den Niederlanden. Laut dem jüngst erschienenen CS-Monitor für Tourismus ist dies aber nur ein Strohfeuer. Europäische Gäste seien zu preissensitiv, um auf Dauer in Massen in die Schweiz zurückzukehren. Daher brauche es zwingend neue Gästegruppen für den Alpintourismus. Der Fokus richtet sich dabei nach Asien. Die etlichen Werbemillionen, welche Schweiz Tourismus seit Jahren in die Märkte China, Südkorea, Indien und Golfstaaten reinbuttert, sollen nicht mehr länger nur in der Durchschleusung von Buskarawanen mit asiatischen Billiggruppenreisenden auf der Achse Zürich-Flughafen – Luzern/Zentralschweiz – Jungfrau-Region münden, sondern endlich mehr Individualgäste aus Fernost ins ganze Land bringen.

Das Potenzial ganz ausschöpfen

Genau das fordert auch die Credit Suisse in ihrem jüngst erschienenen Tourismusmonitor. Neben den bekannten ­Zielen Titlis und Jungfrau gebe es im Schweizer Bergwinter ohnehin kaum Potenzial für Massentourismus aus Fernost, sagt der CS-Spezialist und Studienautor Sascha Jucker. Dafür sei das Zeitbudget von einer bis maximal zwei Nächten in der Schweiz im Rahmen der eng getakteten Europatrips schlicht zu klein. «Den asiatischen Gruppentourismus auf weitere alpine Destinationen auszudehnen, ist aufgrund der geringen Wertschöpfung ohnehin nicht erstrebenswert, stattdessen sollte sich die ­Ferienschweiz auf asiatische Individualtouristen konzentrieren», sagt Jucker.

Der Massentourismus aus Asien deckt auch in den Augen von Schweiz Tourismus (ST) noch lange nicht das ganze touristische Potenzial der Region ab, zumal er sich aus Prestige- und verkehrstechnischen Gründen in der Tat auf «Leuchtturm-Destinationen» wie Jungfrau, Titlis und Luzern/Pilatus beschränke, wie ­Simon Bosshart betont. Der mit einer Chinesin verheiratete ST-Direktor Asien/Pazifik hat den Kontinent und seine Menschen über viele Jahre bestens kennen gelernt und in China gelebt.

«Den asiatischen Gruppentourismus auf weitere Destinationen auszudehnen, ist nicht erstrebenswert.»CS-Studienautor Sascha Jucker

«Das Reiseland Schweiz gilt in Asien als eine Art Traumziel, steht für Natur, Alpen, saubere Luft, hohe Qualität und eine hervorragende touristische Infrastruktur», so Bosshart. Dies seien Attribute, die ST nicht zur Akquisition von noch mehr Gruppenreisenden auf den bekannten Trampelpfaden nutzen wolle. «Stattdessen verfügen wir damit über starke Argumente, um diese für eine Rückkehr als Individualreisende auch in andere Bergregionen zu gewinnen.» Dieses Ziel verfolgt die Tourismusschweiz mit vereinten Kräften.

Die «Tour de Suisse» der Chinesen führt selten durch die Kantone Graubünden oder Wallis: Gemeinden mit mehr als 1000 Logiernächten chinesischer Gäste im Jahr 2016 (ein Balken entspricht der Summe der Logiernächte) Grafik: Credit Suisse

28 Vertreter aus Feriendestinationen, Bergbahnbetrieben, Hotelketten, Hochschulen sowie Luxusgüterhandel arbeiten im Rahmen des Innotour-Projekts «Outbound-Reisemarkt China» mit Hochdruck daran, den FIT-Markt China (englisch «Free Independent Travellers») besser verstehen und mit flächendeckenden Tourismusangeboten bedienen zu können. Einfach sei dies nicht, bestätigt Markus Conzelmann, Direktor des Hotels Radisson Blu in Luzern und engagierter Mitstreiter. «Denn auch Chinesen sind nicht einfach Chinesen, sondern haben ganz unterschiedliche Bedürfnisse, wie wir Europäer auch.»

Die Asiaten zuhause ansprechen

Wichtig sei heute, die riesige Masse an Chinesen und Asiaten in deren Heimat mit dem Wintersport respektive dem ­gesamten «Wintererlebnis Schweiz» vertraut zu machen. «Erst dann kommen sie überhaupt auf die Idee, individuelle Ferien bei uns zu planen», so Conzelmann. Einmal in der Schweiz, zeige sich der chinesische Gast durchaus ambivalent. «Neben dem wichtigen Swiss-Feeling mit Bergen, Schnee und Alphornmusik wird in den Hotels chinesisches Essen erwartet. Vor Ort sollen zudem möglichst viele Infos in Chinesisch kommuniziert werden, idealerweise als Pushnachricht auf dem Smartphone inklusive Preisangabe.»

«Chinesen sind nicht einfach Chinesen.»Markus Conzelmann, Radisson Blu

Als historische Chance betrachtet Simon Bosshart die Vergaben der olympischen Winterspiele 2018 und 2022 nach Asien. Die bevorstehenden Spiele im südkoreanischen Pyeongchang und vor allem jen in Peking 2022 werde man mit ­aller Kraft für einen gelungenen Auftritt des Schweizer Winters nutzen. Mit dem an asiatische Individualgäste gerich­teten Angebot «First Ski Experience» ­inklusive Rundumeinführung in den Skisport mit Ausrüstung, chinesischen ­Skilehrern usw. will Schweiz Tourismus schon im aktuellen Winter vorspuren.

Hochglanzbroschüre in chinesischer Sprache

Auch in Engelberg, laut Innotour-Projektrecherche zurzeit die beliebteste Winterferiendestination der Chinesen, hat man für die grossen Ziele bereits kräftig investiert. Neben explizit in Asien buchbaren Ski- und Winterpackages hat das Tourismusbüro eine aufwendig produzierte Hochglanzbroschüre mit schönen Ski- und Winterbildern in chinesischer Sprache angefertigt und an die ­lokalen Reiseveranstalter verschickt. Tourismusdirektor Frédéric Füssenich ist zuversichtlich, die asiatischen Logiernächte bereits im zu Ende gegangenen Tourismusjahr 2017 um 10 Prozent auf über 150'000 gesteigert zu haben.

Optimistisch ist auch Schweiz Tourismus. «Die 2017 rund 1,4 Millionen chinesischen Logiernächte in der ganzen Schweiz sollten wir bis 2020 auf rund 2 Millionen erhöhen können», sagt Simon Bosshart. Die chinesischen Übernachtungen im alpinen Schweizer Winter dürften dabei überproportional wachsen. Markus Conzelmann wagt für seine Branchenkollegen am Berg eine schon fast euphorische Prognose: «Wenn der Glücksfall Olympische Winterspiele Peking schon frühzeitig effizient genutzt wird, erwarte ich bis 2022 eine jährliche Verdoppelung der asiatischen Logiernächte in den Skigebieten.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.01.2018, 19:11 Uhr

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