Bald strahlt das Handynetz von unten

Wegen des ständig wachsenden Datenvolumens will Swisscom Antennen in den Strassen versenken und Ende 2020 dem alten GSM-Netz den Stecker ziehen.

Statt in die Höhe bauen, will Swisscom Handyantennen in den Strassen versenken.

Statt in die Höhe bauen, will Swisscom Handyantennen in den Strassen versenken.

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Das Datenvolumen im Mobilfunk explodiert. Besonders der Siegeszug der Smartphones hat die Zunahme der Datenübertragung durch die Luft beschleunigt. Und die Entwicklung hält an: Alle zwölf Monate verdoppelt sich das Volumen. Mit diesem exponentiellen Tempo müssen die Schweizer Mobilnetzbetreiber beim Ausbau Schritt halten, wenn sie ihre Kunden nicht mit langsamen Netzen und Datenstau verärgern wollen.

Um Kapazität im Netz zu schaffen, plant die Swisscom einen radikalen Schritt: Bis Ende 2020 will der Telecomkonzern das GSM-Netz stilllegen. Heute laufen noch rund 30 Prozent der Sprachverbindungen über GSM.

Im Klartext heisst das: Wenn ein Handy nicht mindestens mit dem Mobilfunkstandard 3G klarkommt, ist es auf dem Swisscom-Netz nicht mehr brauchbar. Laut Heinz Herren, der für das Swisscom-Netz verantwortlich ist, haben aktuell noch 10 Prozent der Kunden ein solches Handy im Einsatz. Der Telecomkonzern geht davon aus, dass bis 2020 noch 2 Prozent der Privatkunden ein GSM-Handy einsetzen werden. Das entspricht noch etwa 90’000 Kunden.

Als Argument für die Abschaltung führt Swisscom die Effizienz der neueren Mobilfunktechnologien im Vergleich mit der aus den 1990er-Jahren stammenden GSM-Technik ins Feld. Aktuell werden nur noch 0,5 Prozent des Datenvolumens via GSM übertragen – und trotzdem lasten diese Datenverbindungen die Antennenkapazität mit 30 Prozent aus. Über die verbleibende Antennenkapazität werden hingegen 99,5 Prozent des Datenvolumens übertragen, auf der Basis der neueren Standards 3G und 4G.

Antennen ohne spezielle Bewilligungspflicht

Um noch vor der GSM-Abschaltung mehr Kapazität im Netz zu gewinnen, setzt Swisscom auf einen neuen Trick. In den grossen Ballungszentren wird der Telecomkonzern damit beginnen, Antennen in den Strassen zu versenken. Bis jetzt beschränkte sich die Installation solcher als Mikrozellen bezeichneter Antennen auf Busstationen oder Häuserfassaden.

Der Clou: Besondere Bewilligungsverfahren entfallen. Solche kleinen Antennen mit einer Sendeleistung von weniger als 6 Watt werden von der Verordnung über den Schutz vor nicht ionisierender Strahlung (NISV) nicht erfasst. Beim Bau von Antennen mit höherer Sendeleistung müssen den zuständigen Behörden jeweils die Details und Leistungsmerkmale des geplanten Standorts vorgelegt werden. Swisscom beteuert, dass «der relevante Immissionsgrenzwert für nicht ionisierende Strahlung jederzeit eingehalten wird».

Die neuen Antennen sollen neben bestehenden Kabelschächten, die zum Swisscom-Festnetz gehören, in die Strassen eingelassen werden. Das bringt dem Unternehmen den Vorteil, dass die Standorte nicht speziell erschlossen werden müssen, weil sowohl eine Internetverbindung als auch Strom vorhanden sind. Swisscom-Mann Herren rechnet mit bis zu 30 Prozent tieferen Kosten für Installation, Betrieb und Unterhalt solcher Strassenantennen.

Zuerst wird mit einem Pilotbetrieb in den Städten Basel, Bern, Lausanne und Zürich gestartet. Der breitflächige Ausbau soll im Verlauf des nächsten Jahres erfolgen. Die Anzahl Standorte im Endausbau bezifferte ein Swisscom-Mitarbeiter bei der Präsentation gestern in Zürich auf einige Hundert in den zwanzig grössten Schweizer Städten.

Swisscom rechnet mit 5G ab 2020

Wenn die Swisscom beim alten GSM-Netz den Stecker zieht, sollte der als 5G bezeichnete nächste Technologieschritt in den Startlöchern sein. Dieser neue Standard bietet die Möglichkeit, die Übertragungskapazitäten und -geschwindigkeiten weiter zu erhöhen, und soll einen geringeren Energieverbrauch bei den Handys auslösen. Allerdings stehen noch einige Hürden bevor. Der Standardisierungsprozess für 5G in den internationalen Mobilfunkgremien ist noch nicht abgeschlossen.

Er ist Voraussetzung, damit die neue Technologie in den einzelnen Ländern einheitlich eingeführt werden kann. Und bevor die Schweizer Mobilfunkanbieter ihre Antennenstandorte mit 5G-Technologie ausrüsten können, muss der Bund die dafür notwendigen Frequenzen vergeben. Unter diesen Voraussetzungen wäre es nicht überraschend, wenn sich die Einführung noch hinauszögern würde.

Erstellt: 08.10.2015, 18:15 Uhr

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